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Militanter Messianismus

Heiliger Krieg

 

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Victor und Victoria Trimondi

 

Es herrscht „Schwertzeit“

 

Zur Aktualität eines

archaischen Symbols

 

Es zeigt seine Wirkung bis hinein in unsere Tage, nachdem die späten Nachkommen der Crô-Magnon Menschen in der Bronzezeit ihre ersten Schwerter geschmiedet hatten und sie gegen die Steinäxte ihrer Feinde effektiv zum Einsatz brachten. Als dann einige Jahrhunderte später die Bronzeklingen am Schlag der härteren Eisenschwerter zersplitterten, war der Siegeszug der neuen „Superwaffe“ endgültig besiegelt. Bis ins 16. Jahrhundert hinein wird noch gefochten, gestochen, zerschnitten und zerhackt. Aber zunehmend schießen die Gewehre und donnern die Kanonen. Doch die heroische Zeit der Schwerter war deswegen nicht zu Ende. Die blitzenden Klingen glänzten weiterhin als Symbol des Krieges, als pathetische Signatur der Manneskraft, als Metapher für triumphale Siegerposen. Wer heutzutage den Kampf gegen das Böse aufnimmt, der „zieht sein Schwert“. So steht es in den Proklamationen von Militärs, Politikern und Terroristen, auch wenn diese in Wirklichkeit ihre Kriege mit Maschinengewehren, Panzern, Streubomben und Sprengsätzen führen. Auch das einfache Volk macht mit. Kopien von berühmten Schwertern sind schon seit Jahren ein Verkaufsschlager. Der Spiegel spricht von einer „regelrechten Schwertermode“. Nur einen Mode? Oder annonciert die archaische Klingenmystik eine neue Kriegerethik inmitten des nuklearen Zeitalters?

 

Das Jahr des Schwertes

Schwerter sind in. Wie nie zuvor wird gefochten, gesäbelt, zerhackt, gevierteilt, verstümmelt. Köpfe rollen, Beine werden abgeschnitten, Augen ausgestochen, Herzen durchbohrt. Zumindest im Kino. Als die Welt im Jahre 2003 eine schlimme Phase schmutziger Kriegshandlungen durchleben musste, zelebrieren Filmgrößen wie Uma Thurman (Kill Bill) oder Keanu Reeves (Matrix Reloaded) mit blutiger Lust den Nahkampf mit dem Samurai-Schwert. Der Erfolg dieser und vieler anderer Klingenfilme wie Fluch in der Karibik, Master and Commander, Die Rückkehr des Königs hat Filmkritiker dazu veranlasst, die vergangenen zwölf Monate zum „Jahr des Schwertes“  zu deklarieren.

 

Doch das „Jahr des Schwertes“ ist noch nicht zu Ende. Im Februar kommt Uma Thurman mit dem zweiten Teil von Kill Bill erneut in die Kinos. Das Blut wird wieder in Fontänen über die Leinwand fließen. Ein ganz besonderer Saft meint Tarantino: „Ich will kein Horror-Kino-Blut, verstanden? Ich möchte Samurai Blut. […] Du benötigst diese spezielle Art von Blut, die man nur in Samurai Filmen sieht.” Als Höhepunkt im ersten Teil des Filmes gilt die Sequenz, in der die Hauptdarstellerin gleich 76 maskierte Stuntmen niedermetzelt, sie ersticht, verstümmelt und köpft.

 

Die Filmkritik ist durchweg begeistert: „Das perfekte Massaker“ schreibt die Zeit und betont, dass Tarentino in „diesem vermeintlich [!] zynischsten, abgebrühtesten Film seiner Karriere, letztlich ein Moralist“ bleibt, weil er mit unendlicher Zärtlichkeit und Mitgefühl den dicken Zeh von Uma Thurman fotografiert. „Die meisten Filme sind wässrige Suppen. Tarantino aber serviert uns ein brutzelndes, blutiges Steak (Minneapolis Star Tribune) – „Eine Orgie aus Gewalt und Schönheit“ (Der Tagespiegel)

 

Seit dem 8. Januar läuft mit großem Werbeaufwand das 100 Millionen Dollar Werk Der letzte Samurai mit Tom Cruise an. Der Film zeigt wie ein Bürgerkriegskämpfer und Indianerkiller zum heroischen Schwertträger der letzten Samurais konvertiert.

 

Stahl, Blut und Ehre

Blut und Ehre sind die beiden Eckpfeiler des japanischen Samurai-Kultes, der im Mittelalter entstand und bis in die Jetztzeit überleben konnte. Im Zentrum ihrer „Philosophie“ findet sich die absolute Treue- und Schutzpflicht gegenüber dem jeweiligen Dienstherrn. Sie entwickelten eine autonome, durch und durch ritualisierte und spiritualisierte Kriegerkultur mit dem Namen Bushido („Der Weg des Kriegers“). In der Meiji Zeit (1868-1912), die Japan für die westliche Technik und Industrie öffnete, wurde der Samurai-Geist von der modernen japanischen Armee adaptiert.

 

Ein literarischer Klassiker der Samurai Kultur ist der im 18. Jahrhundert von Tsunetomo Yamamoto verfasste Krieger-Katechismus das Hagakure. Krieg und Tod werden dort zum Selbstzweck: "Ein Mann von großer Tapferkeit denkt nicht an das Ende eines Kampfes; er stürzt sich leidenschaftlich in den Rachen des Todes, wobei sein wahres Selbst sich in seiner Geisteshaltung offenbart." – heißt es an einer Stelle im Hagakure. An einer anderen ist zu lesen: "Wenn euer Schwert in einer Schlacht zerbricht, kämpft mit euren Armen; wenn eure Arme abgeschlagen werden, ringt euren Gegner mit euren Schultern nieder; wenn eure Schultern verletzt sind, könnt ihr immer noch mit euren Zähnen kämpfen." Zahlreiche Passagen zeigen eine perverse Verachtung gegenüber dem Leben:  "Wenn es dazu kommt, einen anderen zu erschlagen, dann stelle keine rationalen Überlegungen an. [....]  So etwas vernichtet den rechten Zeitpunkt, schwächt Deine Entschlusskraft  und endet wahrscheinlich damit, dass du den Gegner gar nicht erschlägst. Der Weg des Samurai erfordert sogar, dass du verzweifelt und blind vorpreschst." Der Text verlangt zudem, "die eigene Frau erschlagen, wenn sie Ehebruch begeht." Morbide Todesmystik und zynische Lebensverachtung gelten als hohe Religiosität und Tugend: "Stell dir jeden Morgen aufs neue vor, dass du bereits tot bist." Oder: "Wenn du nicht weißt, ob du sterben oder leben sollst, dann stirb." Die philosophische Essenz  des Hagakure wird von dem Text selber in einem Satz zusammengefasst, der lautet: "entschlossenes Handeln am Rande des Wahnsinns".

 

 

Es wundert einen deswegen nicht, dass diese brutale Krieger-Philosophie eine große Faszination auf den Shinto-Faschismus ausübte. Die berüchtigten Exzesse, die von der japanischen Armee während des zweiten Weltkrieges begangen wurden, zogen nicht zuletzt ihre Legitimation aus der Samurai-Tradition. Dazu rechnen unter anderem die Kamikaze Einsätze, bei denen von 16jährigen Jungen gesteuerte Flugzeuge auf feindliche Schiffe stürzten. Das selbstmörderische Kriegerethos hat dazu geführt, dass das Hagakure im Nachkriegsjapan als unerwünscht abgelehnt wurde. Professor Takao Mukoh, der den Text ins Englische übersetzte, schreibt: „Kein Buch wurde in Japan seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges mehr verdammt als das Hagakure, weil es als Mittel missbraucht worden sein soll, die japanische Jugend zu ermutigen, sich in der verzweifelten Endphase des Krieges blind in den Tod zu stürzen, und zwar durch die klassische Stelle: ‚Bushido, der Weg des Samurai, so habe ich herausgefunden, liegt im Sterben. – Während des Zweiten Weltkriegs wurde dann die Theorie des Sterbens zum Vorteil des Militärs benutzt, das junge Piloten in den sicheren Tod schickte.“

 

Das Schwert als Seele

Die Faszination an der östlichen Ästhetik vom Töten mit dem Samurai-Schwert ist voll im Trend. Weniger brutal und laut wie im Letzten Samurai, sondern kultiviert und dezent trug eine Ausstellung der Bonner Kunsthalle, in der Meisterwerke aus dem Tokioer National Museum gezeigt wurden, im vergangenen Herbst zum Jahr des Schwertes bei.

 

Die Veranstalter stellen den Klingen-Kult des Fernen Ostens als ihr Highlight heraus. In dem Katalogtext war zu lesen: „Das japanische Schwert ist einzigartig auf der Welt. Seine Klinge wird selbst als Kunstwerk und lebende Seele betrachtet. Die Qualität ist so hoch, dass nur noch die Damaszener Klinge sich mit ihr messen kann. Unter anderem sind Klingen wie die Han’nya Nagamitsu zu sehen, die als Nationalschatz nur höchst selten außerhalb Japans zu sehen sind.“ Zum ersten Mal verlässt diese das Nagamitsu Wunder das fernöstliche Land.

 

Dass ein Schwert eine Seele hat, das mag man sich ja noch vorstellen, aber dass das Schwert selber die Seele ist, das kann einen schon überraschen und das Fürchten lehren. Aber genau dies erfahren wird von dem berühmten Zen-Philosophen Daisetz Teitaro Suzuki, der während des zweiten Weltkrieges eng mit den Militärs des Shinto-Faschismus kollaborierte. Ein Samurai hat keine Seele, – so Suzuki – sondern „das Schwert ist die Seele des Samurai.“ Mit dem sogenannten "Schwert-Zen" präsentierte er für die japanische Armee eine Weltanschauung, die das Samurai-Schwert zum Drehpunkt allen Seins machte.

 

Da im Westen die Vorstellung herrscht, der Buddhismus sei eine ganz und gar friedliche Religion, wird dort der Samurai-Kult oft als shintoistisch angesehen. Die stimmt nicht. Die lebensverachtende Kriegerphilosophie leitet sich direkt aus dem Zen-Buddhismus ab. Mit ganz wenigen Ausnahmen haben sich damals die japanischen Zen-Buddhisten zum faschistischen System ihres Staates bekannt. Kaum einer  aus der Soto-Schule, der Rinzai-Schule, der Shin-Schule und der Nichiren-Schule, der nicht seine religiösen Vorstellungen dem herrschenden System mit Begeisterung angeglichen hätte. "Krieger Zen" - "Die Einheit von Zen und Schwert" - "Buddhismus des kaiserlichen Weges" - "Reichs Zen" - "Soldaten Zen" - "Samurai-Zen" – galten als Schlagworte in dieser Zeit.

 

Himmlers Samurai

Archaische Schwertphantasien waren auch ein populäres Sujet der NS-Ideologie und so kam es unter den Nazis nicht selten zu einem Kulturvergleich mit dem japanischen Klingenkult: "Wie bei den Germanen hat das Schwert des Samurai besondere Verehrung genossen.“ – dozierte der Japanologe Otto Mossdorf – „Nachdem aus Europa die modernen Waffen eingeführt waren, legten die Samurai keineswegs ihre alten Schwerter ab. Auch heute zieht der japanische Offizier mit dem ererbten Samurai-Schwert in den Kampf."

 

Den meisten Besuchern von Kill Bill und dem Letzten Samurai dürfte wohl kaum bekannt sein, dass schon einmal eine Samurai-Welle über Deutschland gerollt ist. Mit großer Faszination blickten nationalsozialistische Geisteswissenschaftler, Künstler, Intellektuelle und Militärs auf die Kriegstraditionen des faschistischen Japans. In deutscher Sprache erschienen bis kurz vor Kriegsende eine beachtliche Zahl von Büchern, die den "Weg des Kriegers" (Bushido) zum Inhalt hatten. Samurai-Filme wurden gezeigt, Samurai-Bühnenstücke aufgeführt und Vorträge über die Samurais gehalten.

 

Auch der Massenmörder Heinrich Himmler war von dem Samurai Kultur der Japaner fasziniert und eröffnete darüber eine Debatte in der SS. Rudolf Jacobsen, Bataillons- und Regimentskommandeur der Waffen-SS, betonte, dass der Reichsführer immer wieder "die japanische Tradition der Samurai" hervorhob, wenn er auf die Ausbildung der SS-Elite zu sprechen kam. Unter der Samurai-Literatur des Dritten Reichs ist vor allem ein "Büchlein" mit dem Titel Die Samurai, Ritter des Reiches in Ehre und Treue von Heinz Corazza zu nennen, dass Himmler mit 52.000 Exemplaren als beispielhafte Lektüre in der SS verteilen ließ und wozu er ein Vorwort schrieb.

 

1937 übergaben anlässlich des Julfestes mehrere SS-Obergruppenführer und –Gruppenführer "ihrem" Reichsführer, Heinrich Himmler, ein Wikingerschwert mit den Worten: "Möge die Kraft der Männer, die einst dieses Schwert in kühnen Taten für unseres Volkes Ehre und Ansehen führten, Sie Reichsführer, allzeit begleiten. Mit dem Gelöbnis, Ihnen, verehrter Reichsführer bedingungslos zu folgen, ohne zu fragen wohin und warum." – Das ist echter Samurai-Geist. Neben einer Porzellanmanufaktur gab es in den SS-eigenen Betrieben auch eine Schwertschmiede. Ein beliebter Slogan der damaligen Zeit war es, SS-Männer stünden in "Schwertmission". Im Hausorgan des SS-Ahnenerbes Germanien werden "eisenhafte Männer, die an das Schwert appellieren und durch das Schwert zu fallen bereit sind" herausgestellt.

 

Was faszinierte die Nazis an den japanischen Samurai?  Zu nennen sind unter anderem: "absolute Gefühlskontrolle, kompromisslose Härte und Kaltblütigkeit", "blinder Gehorsam und Treue", "Ehrenkodex und Standesethos",  "Krieg als Selbstzweck",   "Verachtung des Lebens, Verherrlichung des Todes" - "Harakiri".

 

Wenn nun einer glaubt, solch martialische Wertbegriffe seien Geschichte, dann irrt sich dieser. Seit einigen Jahren stößt das Hagakure wieder auf großes Interesse, nicht nur in Japan, sondern auch hierzulande. Der Münchner Piper-Verlag preist den ins Deutsche übersetzten Bestseller auf dem Klappentext als „spirituellen Leitfaden für den beruflichen und privaten Erfolg auch in der heutigen Welt“ an. Guido Keller, Herausgeber des Hagakure bei Piper, verweist darauf, dass der Geist dieses Buches an die „unbedingte Kampfeswut“ der Berserker in der nordischen Mythologie erinnert: „Ich meine ja auch, Germanen und Wikinger und wie sie alle in unserer Nähe hießen, sie hatten etwas, was Europäern heute weitgehend zu fehlen scheint – extremen Kampfgeist.“ – sagt Keller und stellt sich damit in die Tradition der NS-Kulturvergleiche. In dem Film Der Letzte Samurai wird am Ende eine pathetische Schwertszene als hohes Ethos herausgestellt, vor dem sich die Menschen angesichts des islamistischen Terrors zurzeit am meisten fürchten, dem Selbstmord (Harakiri) als ein heiliger Akt.

 

Das Schwert des Islam

Die Sakralisierung des Suizids, extremer Kampfgeist und eine geradezu mystische Verehrung des Schwertes kennzeichnet auch die muslimische Kultur des Heiligen Krieges. Das „Schwert des Islam“ oder das „Schwert des Propheten“ sind selbst in der westlichen Presse zu Schlagwörtern geworden. Bombastische Gemälde von Saddam Hussein, auf denen er schimmelreitend und mit gezücktem Schwert einer Menge voranschreitet, gingen um die ganze Welt. Die Komposition dieser Reiterbilder ist aufschlussreich. Das Schwert bildet die zentrale Waffe, erst im perspektivischen Hintergrund erscheint ein beachtliches Arsenal aus Panzern, Raketen, Kriegschiffen und Mig-Jägern.

 

In der Neunten Sure des Korans findet sich der berüchtigte „Schwertvers“ (al-Sayef), der zur Tötung der Ungläubigen aufruft. Osama bin Laden schätzt diesen mittlerweile weltbekannten Satz hoch ein und übersetzt Ungläubige mit Amerikaner, Juden und Kreuzzügler. „Allah weiß, dass ihr Blut verschüttet werden darf und dass ihr Reichtum eine Beute für diejenigen ist, die sie  töten.“ – konstatiert der Chefterrorist in einer seiner Kriegserklärungen und fährt dann fort – „Der Allerhöchste sagt im Vers von al-Sayef (Das Schwert): Wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Ungläubigen, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen auf.“ (9:5)

 

Islamische Schwerter entscheiden über Diesseits und Jenseits. In einem Spruch des Propheten (Hadith) heißt es: „Das Schwert ist der Schlüssel von Himmel und Hölle. Ein Tropfen Blut für die Sache Allahs – eine Nacht in Waffen verbracht – ist von größerem Wert als zwei Monate Fasten und Gebet. Wer auch immer in der Schlacht fällt, dessen Sünden sind vergeben, und am Tage des Jüngsten Gerichts werden seine Glieder mit den Flügeln von Engeln und Cherubim versehen.“

 

Wie in der Apokalyptik des Christentum so steht das „Schwert des Islam“ mit endzeitlichen Erwartungen in einem Zusammenhang.  „Gott sandte mich [Mohammed] aus mit einem Schwert, unmittelbar vor der Stunde, und stellte meine tägliche Nahrung in den Schatten meines Speeres; Erniedrigung und Verachtung denjenigen, die sich mir widersetzen.“ – soll der Prophet gesagt haben. Unter der Stunde versteht der Koran das Jüngste Gericht.

 

Bevor dieses jedoch abgehalten wird, steigt der mit Schwert und Speer bewaffnete islamische Jesus Christus (Isa) vom Himmel herab und tötet den Anti-Christen (Dajjal), der nach orthodoxer Auffassung ein Jude sein soll. „Es ist logisch, dass der falsche Messias ein Jude sein wird und dass die Juden sein Kommen erwarten. Man kann sehr gut erkennen, dass Allah die Errichtung des Staates Israel geplant hat als einen ersten Schritt zu seiner [des Dajjals] Ankunft und als Gericht über die Welt.“ – erklärte Scheich Amad ben Sadek seinen Zuhörern. Nur wird der Dajjal nicht mit dem Schwert getötet, sondern von einer Lanze durchbohrt. Jesus senkt seinen Speer in Brust des Gegenspielers und dieser „zerschmilzt wie Blei im Feuer“.

 

In einer selbstkonstruierten Prophezeiung kommt der sunnitische „Politologe“ Ahmad Fauzi Abdul Hamid aus Malaysia zu dem Schluss, dass es vor dem jüngsten Gericht noch sieben große Kriege geben werde. Der dritte große Krieg sei die von den Christen vorausgesagte Armageddon Schlacht. Diese ende in einer weltweiten nuklearen Katastrophe. Die Folge davon sei die Vernichtung aller Feuerwaffen, so dass die vier verbleibenden Kriege wieder mit Schwert, Lanze und Bogen ausgefochten würden. Wir kehren also dorthin zurück, wo es mit den Schwertern einmal angefangen hat.

 

Solche bizarren Endzeitspekulationen sind heute in den islamischen Ländern weit verbreitet und wirken sich auf die Politik im Mittleren Osten aus. Deswegen fordert der  amerikanische Religionswissenschaftler David Cook: „Das Studium der muslimischen Apokalyptik ist absolut notwendig, um den modernen Islam zu verstehen. Jeder, der den eminenten Einfluss dieser [apokalyptischen] Gruppen auf die Ausrichtung der Muslime verstehen will, darf sie nicht ignorieren.“

 

Josuas Schwert

Was die Neunte Koran-Sure und der Schwertvers für islamischen Terroristen bedeuten, das beinhaltet das Bibel-Buch Josua für die extremistische israelische Siedlerbewegung Gush Emunim. Josua war als Nachfolger des Moses und Heerführer der israelitischen Stämme bei der Eroberung von Samaria und Judäa im Einsatz. Der jüdische Haudegen ging vor mehr als dreitausend Jahren mit einer extremen Brutalität gegen die damaligen Einwohner der „Westbank“ vor. Als er sich in der Nähe von Jericho aufhielt, "sah er plötzlich einen Mann mit einem gezückten Schwert vor sich stehen." Auf seine Frage, wer er denn sei, antwortete der Fremde: "Ich bin der Anführer des Heeres des Herrn." Zwar wurden anschließend die Mauern Jerichos nicht durch Waffengewalt, sondern durch lautes "Kriegsgeschrei" und mit Hilfe der Bundeslade zum Einsturz gebracht, aber sofort danach begann ein abstoßendes Gemetzel: "Mit scharfem Schwert weihten sie [die Israeliten] alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel." – so steht im Buch Josua. Auch bei der anschließenden Eroberung der Stadt Ai ließ der heilige Krieger "seine Hand mit dem Sichelschwert nicht sinken, bis er alle Einwohner von Ai dem Untergang geweiht hatte" – "Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, alle Einwohner von Ai.".

 

Josua gilt  als Vorbild für jüdische Fanatiker und wird unter diesen immer wieder beschworen, wenn es um die Festigung der Westbank-Siedlungen und die Vertreibung der Palästinenser geht. Aber auch an anderer Stelle finden sich im Alten Testament Schwertverse. In  einigen Fällen richtet sich Gottes blitzende Waffe sogar gegen das eigene sündige Volk. So in einer Passage aus dem Prophezeiungen des Ezechiel: „Ein Drittel verbrenne mitten in der Stadt. [...] Ein anderes Drittel zerhaue mit dem Schwert in der Umgebung der Stadt. Das letzte Drittel streu in den Wind! Ich will hinter ihnen das Schwert zücken.“ – heißt es dort.

 

Das Lied vom Schwert des Herrn“, das bei Ezechiel 21: 6-22 nachzulesen ist, lässt keinen Zweifel daran, dass selbst Yahwe bereit ist, zur Klinge zu greifen. Nicht einmal die Gerechten können den Zorn Gottes besänftigen: „Weil ich bei dir die Gerechten und die Schuldigen ausrotten will, deshalb wird mein Schwert aus seiner Scheide fahren, gegen jeden Sterblichen vom Süden bis zum Norden. Dann werden alle Sterblichen erkennen, dass ich, der Herr, mein Schwert aus der Scheide gezogen habe. Es wird nicht mehr in die Scheide zurückkehren. […] Verdoppelt wird das Schwert, ja verdreifacht. Ein Schwert zum Morden ist es, zum Morden, das gewaltige Schwert, das sie durchbohrt. Das Herz soll verzagen, und viele sollen straucheln. An all ihren Toren habe ich dem Schwert zu schlachten befohlen. Ja, zum Blitzen bist du gemacht, zum Schlachten poliert. Zeig wie scharf zu bist! Zucke nach rechts und nach links, wohin deine Schneide gelenkt wird. Auch ich schlage die Hände zusammen; meinen Zorn will ich stillen. – Ich der Herr habe gesprochen.“

 

Das Schwert, das aus dem Munde wächst

Wenn wir nicht von der Geschichte des Christentums, sondern von bestimmten Textstellen des Neuen Testaments ausgehen, dann müsste die Lehre des Jesus von Nazareth wohl die friedlichste aller monotheistischen Religionen sein. Die Bergpredigt und die Aufforderung: "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" beinhalten bemerkenswerte humanistische Wertvorstellungen. Aber bedauerlicherweise ist auch in den Heiligen Büchern der Christen jener verhängnisvolle "Schwertspruch" zu finden, der Ritterorden, brutalen Kreuzzüglern, Konquistadoren, Inquisitoren, Katholiken wie Protestanten als "Krieger-Philosophie" gedient hat: "Glaubet nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert." – verkündet Christus seinen Anhängern im Matthäus Evangelium.

 

Noch bedeutend martialischer geht es in der Apokalypse des Johannes zu. Der Mittelpunkt dieser grausamen und verhängnisvollen Prophezeiung, aus der heraus heute Millionen von fundamentalistischen US-Christen die politischen Ereignisse im Mittleren Osten beurteilen, steht wiederum ein Schwertvers, ein Bild von surrealer Suggestion: „Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert; mit ihm wird er die Völker schlagen. Und er herrscht über sie mit eisernem Zepter, und er tritt die Kelter des Weines, des rächenden Zornes Gottes, der Herrschers über die ganze Schöpfung.“ – heißt es dort von dem richtenden Christus

 

Seit dem 11. September machen sich immer mehr Amerikaner Gedanken über diesen enigmatischen Satz. Apokalyptische Spekulationen sind so beliebt wie nie zuvor. Dabei ist die Faszination vom Ende der Welt längst über Gruppierungen der Christlichen Rechten hinausgewachsen und beschäftigt jetzt ein „Publikum, das bisher einem  Weltuntergangspropheten wie Nostradamus keine besondere Beachtung geschenkt hat, oder sich irgend wie um eine  heldenhafte Schlacht gekümmert hat, die das Ende der Zeiten kennzeichnet, oder sich überhaupt dafür interessiert hat. Dieses Publikum liest jetzt das Buch der Offenbarung.“ – schreibt Time Magazine und gibt zu bedenken, dass nach einer Umfrage 59 Prozent aller Amerikaner davon überzeugt sind, dass sich die in der Apokalypse geschilderten Ereignisse einmal realisieren werden.

 

Die Hexenklinge

Im Osten legen Frauen den Schleier an, im Westen greifen sie zum Schwert. Kürzlich sah man im Fernsehen den Film Witchblade. Die „Hexenklinge“ wird als eine Superwaffe von „unglaublicher Macht“ präsentiert. Nur Frauen mit außergewöhnlich starker Willenskraft und einem „gut durchtrainiertem Körper“ können das Zaubereisen tragen. Jeanne d’Arc  war eine aus dieser „Blutlinie von Kriegerfrauen“. Jahrhunderte lang habe das Witschblade im Schlaf gelegen, aber heute, in den ersten Tagen des 21. Jahrhunderts, sucht es sich eine neue Trägerin.

 

Frauen, die mit Schwertern über Schlachtfelder rasen, bieten nicht immer einen ästhetischen Anblick, sondern können auch einen beklemmenden Wahn ausstrahlen. So auf Pieter Brueghels  düsterem Bild die „Tolle Grete“ (Dulle Griet – hier ein Auszug), das eine vom Irrsinn getriebene hagere Frau zeigt, die mit der Klinge in der Hand aus einer geplünderten und brennenden Stadt heraustürmt.

 

Pieter Brueghel - Dulle Griet (Ausschnitt)

 

Weiblicher Wahnsinn wie in Kill Bill übersteigt noch die männlichen. Warum? Uma Thurman gibt selber die Erklärung. Während der Dreharbeiten fühlte sie sich stark von der dunklen Endzeitgöttin Kali angezogen: „Ich habe an eine großartige Göttin des Hinduismus gedacht: Kali.“ – sagte die Schauspielerin in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung – „Shivas schwarze Gattin, die blutrünstige Göttin der Zerstörung. Sie sieht furchteinflössend aus: drei rote, heraustretende Augen. Eine lange, herausgestreckte Zunge. Mindestens vier Armee, einer davon hält ein Schwert, ein anderer einen abgetrennten Kopf. Außerdem trägt sie eine Girlande mit 51 menschlichen Schädel um den Hals: […] Es war sexy, diese Grimmigkeit und Wildheit zu verkörpern.“ Gewalt, Sexualität und Morbidität vermischen sich in dieser grausamsten aller indischen Gottheiten, die mit einem blutigen Schwert das dunkle, von Krieg und Krankheit geprägten Zeitalters, das nach ihr benannten Kaliyuga, einleitet.

 

Schwert und Scheide

Es klingt naiv, wenn der Spiegel die populären Schwertfilme aus Hollywood als eine Nostalgie nach dem „Inbegriff des kämpferischen Edelmuts“ im Zeitalter der Raketenangriffe und Autobomben interpretiert. Da  steckt mehr dahinter! Das Schwert ist auch im asymmetrischen Zeitalter der Massenvernichtungswaffen und Selbstmordattentäter das Symbol einer sakralen Kriegerkaste, die in unseren Tagen vom Rande der Religionen immer mehr in das kulturelle Zentrum drängt. Dabei ist festzustellen, dass sich die populären „Kriegertypologien“ des Westens zunehmend an asiatischen Vorbildern orientieren, in denen Meditation und Disziplin des Geistes ebenso zählen wie der Umgang mit der Waffe. Im Zen-Buddhismus insbesondere aber in der Samurai-Philosophie, gibt es genügend  Elemente, welche sich als Bausteine für eine totalitäre Kriegerideologie eignen und die sich historisch schon „bewährt“ haben. Mit ihrem Draufgängertum, ihrer strengen Dressur, ihrer Selbstmordverherrlichung und ihrer Brutalität könnte sich die Weltsicht der Samurai als eine ost-westliche Alternative zur militaristischen Djihad-Philosophie der sunnitischen und schiitischen Gotteskrieger entwickeln. In Hollywoods Film Fabrik wird eine solche Entwicklung schon vorbereitet.

 

Die „nostalgischen“ Schwertspiele sind gefährlich. Zu einer Zeit, als man in Deutschlands Schulen noch Balladen auswendig lernen musste, zählte „Etzels Schwert“ von Conrad Ferdinand Meyer zu einer der beliebtesten. Darin wird erzählt, wie Ritter Hug für seine Heldentaten das Schwert des Hunnenkönigs Etzel vom Kaiser als Geschenk erhält. Als er sich mit der Klinge in das Schlachtgetümmel stürzt, gerät diese in einen Blutrausch und der erschöpfte Ritter kann den tobenden Stahl nicht mehr kontrollieren. „Doch weh, es weiß von keiner Rast, es hebt ein neues Morden an und trifft und frisst, was es erfasst.“ - heißt es in der Ballade. Am Ende, wenn schon alles niedergemetzelt ist, ergreift das Mordeisen auch noch seinen Träger: „Und jubelnd sticht ihm durch die Brust des Hunnen unersättlich Schwert.“ Die Moral aus der Geschicht’, wer bestimmte Schwerter zieht endet im Harakiri. Also Vorsicht!

 

Wie kann nun ein tobendes Schwert zur Ruhe gebracht werden? Recht einfach, indem man es in die Scheide steckt. Die alten Griechen wussten das und sie veranschaulichten einen Friedensprozess, nicht ohne Humor, durch die Vereinigung ihres Kriegsgottes Ares mit der Liebesgöttin Aphrodite oder, römisch ausgedrückt, der Conjunctio zwischen Mars und Venus. Das Ergebnis war eine Tochter mit dem Namen „Harmonia“. Wenn Schwert und Scheide, dito der martialische Phallus und die venusische Vagina miteinander verschmelzen – dann herrschen Friede und Harmonie! Der Eros besiegt den Krieg! An diese Weisheit erinnerten auch die Friedenaktivisten der 60er Jahre, als sie auf ihre Transparente schrieben: „Make love not war!“ Aber die segensreiche Vereinigung der beiden Gottheiten ist nicht von Dauer. Aphrodite war nämlich, so erzählt es der Mythos, mit dem Hersteller von Kriegsschwertern, dem göttlichen Schmied Hephaistos verheiratet. Hephaistos, ein Vertreter der damaligen „Rüstungsindustrie“, ertappt die beiden Liebenden in flagranti, fängt sie in einem Netz ein und gibt sie der Lächerlichkeit preis, indem er die im Netz Gefangenen den sich amüsierenden Göttern präsentiert. Was wiederum zeigt, dass die griechischen Götter und Göttinnen ebenfalls kein allzu großes Interesse an einer Ersetzung des Krieges durch den Eros hatten.

 

© Victor und Victoria Trimondi

 

 

 

Über die Aktualität der „Politischen Apokalyptik“, des „Militanten Messianismus“ und des „Heiligen Krieges“ berichtet unser ständig aktualisierter Newsletter: „Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse.“

 

© Victor & Victoria Trimondi

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