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Mittelmeerdebatte

 

Die tragische Liebesgeschichte von Dido und Äneas ist einer der bekanntesten mediterranen Geschlechtermythen, die in der hier veröffentlichten Mittelmeerdebatte zur Diskussion gestellt werden. Sie hat, ausgehend von Vergils klassischer Bearbeitung, zahlreiche künstlerische Interpretationen erfahren. Sehr originell ist diejenige Henry Purcells, der sie als Stoff für eine Oper nahm. In ihrem Beitrag Das Ithaka-Projekt vergleichen Victor und Victoria Trimondi Purcells Version mit Virgils Präsentation des Mythos und verweisen auf eine Parallele in William Shakespeares Sturm.

 

Der folgende Artikel der österreichischen Publizistin Sabine M. Gruber zu Purcells Oper „Dido und Aeneas“ erschien als erstes im Programmmagazin der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (September/Oktober 2009)

 

Anatomie eines Selbstmords

Henry Purcell‘s Dido and Aeneas

 

Wann genau Henry Purcell „Dido and Aeneas“ komponiert hat, lässt sich nicht einmal ungefähr sagen. Die Mutmaßungen reichen von 1677 bis 1689. Ort und Anlass der Uraufführung wird mit Wahrscheinlichkeit vermutet: Eine Aufführung „At Mr. Josias Priest‘s Boarding-School at Chelsey“ ist tatsächlich belegt, um 1689. Manche meinen allerdings: Eine so bedeutende Oper kann unmöglich für eine unbedeutende Schulaufführung geschrieben worden sein! Vielleicht ist sie also doch schon früher uraufgeführt worden, von Profis, am englischen Hof, vielleicht aber auch nicht.

 

Daneben beschäftigt die Wissenschaft ein ungelöstes Rätsel: Der Unterschied zwischen dem im Original erhaltenen Libretto und der nur in späteren Abschriften vorhandenen Partitur. Einige Tänze fehlen darin, einzelne Textpassagen sind anderen Personen zugeordnet. Und vor allem: Der im Libretto ausgewiesene umfangreiche Prolog kommt in den Partitur-Abschriften überhaupt nicht vor! Viele Experten mutmaßen: Die uns überlieferte Partitur ist gegenüber einer uns unbekannten Original-Partitur unvollständig und verfälscht.

 

Meine Mutmaßung: Der Prolog ist speziell für diese eine Schulaufführung in Chelsey verfasst worden, als in sich geschlossener Fest-Prolog, wie er in der Barockzeit häufig vorkam. Vielleicht haben die Zöglinge des Pensionats den Prolog – gesprochen? Auch der Epilog wurde ja gesprochen, laut Überlieferung, von einer gewissen Lady Burke. Vielleicht hatte der Prolog gar nur den Zweck, sämtliche Pensionats-Zöglinge zu beschäftigen?

 

Wie auch immer es sich zugetragen hat oder auch nicht: Ich bin heilfroh, dass der musikalisch rein virtuelle Prolog verschwunden ist und sich nicht in die Frage einer „authentischen Aufführung“ einmischen kann. Denn weder erzählt dieser Text eine konkrete Vorgeschichte noch stimmt er auf das folgende Geschehen ein. Von Heiterkeit und Frohsinn getragen, bereitet er durch nichts, aber auch schon gar nichts auf die eigentliche Oper vor. Flirtlust und Liebesglück durchweben ihn, Zephir weht sachte, kein Wölkchen trübt den blauen Frühlingshimmel, der Sonnengott erstrahlt, Nereiden und Tritone tanzen lieblich, ebenso wie Schäferinnen – und alles endet laut Libretto in einem ausgelassenen Tanz von Bauernmädchen! Und diesen Tanz hätte Henry Purcell übergangslos in das münden lassen sollen, was folgt? In die tragische Geschichte eines unausweichlichen Selbstmords?

 

„Dido and Aeneas“, ein fast hochromantisch durchkomponiertes Opernkonzentrat von nur einer Stunde Spielzeit, entfaltet sich im Zuhörer auf etwa die doppelte Länge, lässt ihm keine Sekunde Zeit zum Luftholen. Schmerz, Trauer, Schicksal, Gemeinheit, Ausweglosigkeit wohnen in dieser Musik. Wirklicher Trost findet sich weit und breit keiner. Und Liebesglück? Wenn überhaupt Glück, dann für kurze Augenblicke und im Grunde nur als unerreichbares Ziel einer unstillbaren Sehnsucht.

 

Ohne Vorwarnung schneidet der erste Akkord der Ouvertüre dem Zuhörer mitten ins Herz und droht es in Stücke zu reißen. Nur Saiteninstrumente lässt Henry Purcell erklingen; sie werden gestrichen, manchmal fast geschlagen, am Cembalo auch gezupft und gerissen; und vom ersten Akkord an vermag das Streichen, Schlagen, Zupfen, Reißen fast körperlichen Schmerz zu erzeugen. Kein Blasinstrument kommt zum Einsatz, nur die menschliche Stimme haucht der Musik ihren Atem ein.

 

Die kollektive Stimme des Chores tut dies auf ganz ungewöhnliche Weise: Sie kommentiert nicht nur, sie greift ein, ist mitten im Geschehen, immer am Sprung, tritt hinter die jeweils handelnden Personen, nimmt ihre wechselnden Gefühle auf, lebt, erlebt und fühlt mit ihnen: tröstet, beruhigt, ermutigt, hetzt auf, höhnt, lacht, fürchtet sich, grölt, triumphiert, klagt – und weint am Ende bitterlich. Die Stimme des Chores ist es, die den Zuhörer wehrlos macht, packt und in das Geschehen hineinzieht, ob er will oder nicht.

 

Belinda, Freundin und Vertraute, erhebt ihre Stimme als Erste, um Didos trübe Gedanken zu verscheuchen. Der Chor stimmt ein, versucht behutsam Trost zu geben. Doch als die schöne Königin von Karthago antwortet, wird spürbar, dass die Geschichte trostlos enden wird. Schon in ihrem ersten Gesang lässt sie ihren letzten anklingen, ihren Todesgesang. Didos unauflösbarer innerer Konflikt macht ein gutes Ende von vorne herein unmöglich.

 

Henry Purcell, als barocker Mensch mit der antiken Mythologie vertraut, weiß das. Auch der Librettist Nahum Tate weiß es. Er hat seine Geschichte auf der Basis von Virgils „Aeneis“ geschrieben, in einer Erzählvariante, in welcher er diesen Konflikt nicht in den Vordergrund rückt, als bekannt voraussetzt.

 

Dido hat ihrem (von ihrem Halbbruder Pygmalion) ermordeten Gatten Sychaeus ewige Treue geschworen, über den Tod hinaus. Nie wieder wird sie sich mit einem Mann einlassen, hat sie gelobt. Und dann – kommt Aeneas aus Troja angesegelt. Sohn der Venus, sanft und mutig, tapfer und sinnlich, unwiderstehlich. Landet in der von ihr persönlich gegründeten Stadt Karthago. Dido, von Amors Pfeil getroffen, verliebt sich in Aeneas. Aeneas verliebt sich in Dido. Er beginnt Dido zu umwerben. Eine Heirat zwischen beiden würde sowohl Troja als auch Karthago nützen. Doch Dido zögert. Denn was ist mit dem toten Sychaeus? Das ist Didos innerer Grundkonflikt. Dazu kommt jener Zweifel, der an allen liebenden Frauen nagt: Liebt er mich oder liebt er mich nicht und wenn ja, dann wie sehr und wenn ja und sehr, dann – genug?

 

Während sie noch zögert, und als wären der Konflikte nicht schon genug, sind in einer finsteren Höhle die ärgsten IntrigantInnen am Werk. Die böse Oberhexe schart Gleichgesinnte um sich. Sie verkörpert und verbreitet das Bösesein um des Böseseins willen. Ein Elf wird, als Götterbote Merkur verkleidet, Aeneas aufsuchen und ihm einen angeblichen Befehl Jupiters überbringen, der ihn augenblicklich nach Troja zurückbeordert. Aeneas wird Dido verlassen und ihr Herz brechen. Karthago wird in Flammen aufgehen. So ist der Plan. Inzwischen hat Dido sich nun doch für Aeneas entschieden. Auf dem gemeinsamen Jagdausflug sind die beiden für kurze Zeit glücklich. Doch auch das können wir höchstens erahnen, und selbst das verdirbt die intrigante Oberhexe, schickt Sturm und Gewitter, treibt die Jagdgesellschaft gewaltsam zurück in die Stadt. Der falsche Merkur macht sich an Aeneas heran, überbringt die falsche Botschaft.

 

Wie soll Aeneas nun Dido beibringen, dass er sie, einer höheren Pflicht gehorchend, verlassen wird? Im Hafen wird schon alles für seine Abfahrt vorbereitet. Der perfide Plan der Hexen geht auf. Dido, in den Palast zurückgekehrt, weiß, dass Aeneas sie verlassen wird, noch ehe dieser ihr seine Abreise gesteht. Der Textdichter scheint Mitleid mit seiner Heldin zu haben und gibt ihr eine letzte (von Vergil nicht vorgesehene) Chance: Aeneas, als er Dido nun gegenüber steht und ihren tiefen Schmerz spürt, macht seine Entscheidung rückgängig! Doch Dido will gar nicht mehr, dass er sich umentscheidet. Spontan und ohne Zögern hätte er sich für sie entscheiden müssen! Nicht halbherzig. Weil er sie liebt! Nicht aus Mitleid. Der Unehrlichkeit beschuldigt sie ihn.

 

Aeneas’ Tränen sind für sie unechte Tränen, wie von einem dieser Krokodile, die nicht aus Trauer weinen, sondern weil sie beim Verzehr ihrer Opfer das Maul so weit aufreißen müssen. Immer leidenschaftlicher bekennt Aeneas seine Liebe. Zu spät. Viel zu spät. Den Treueeid für ihren toten Gatten hat Dido gebrochen, und der Mensch, um dessen Liebe willen sie sich diesen Eid zu brechen überwand, hat sie verraten: war bereit, sie zu verlassen. Die subjektiv zwingende, ja zwanghafte innere Vorstellung gewinnt die Oberhand über die Wirklichkeit, blendet diese aus, während sich der Kreis der Gedanken verengt, in einer Spirale nach unten, zu einer punktförmigen Gewissheit: Selbstmord.

 

Didos Todesgesang ist vielleicht der erschütterndste Ausdruck ausweglosen Schmerzes, den je ein Mensch in Musik übersetzt hat. Die kollektive Stimme des Chores am Ende ist Musik gewordenes Mitfühlen. Henry Purcells Anatomie eines Selbstmords folgt keinem Vorbild und bleibt in seiner Expressivität bis heute unerreicht.

 

© Sabine M. Gruber 2009

 

Sabine M. Gruber, 1960 in Linz/Donau geboren, studierte literarisches Übersetzen (Französisch, Russisch) und Cembalo in Wien; sie schreibt Romane, Erzählungen und Musik-Essays und lebt als freie Schriftstellerin und Musikpublizistin in Klosterneuburg bei Wien. http://www.sabine-m-gruber.at

 

© Victor & Victoria Trimondi