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Weltuntergang

Wer den modernen Islamismus verstehen will,

muss seine apokalyptischen Wurzeln kennen

Apokalypse macht mobil. Der Glaube an das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt verändert Menschen. Er gibt ihnen eine Kraft, die aus der absoluten Überzeugung entspringt, dass Gott auf der Seite des Gläubigen steht. Solche Menschen haben sehr klar umrissene Ziele. Und sie sind getrieben vom unbedingten Willen, über sich selbst hinauszuwachsen. Diese Faktoren finden sich bei allen wahrhaft apokalyptischen Gruppierungen. Sie schweißen diese Gruppen zu potenziell (wenn auch nicht zwangsläufig) destruktiven Organismen zusammen, denen die Außenwelt fremd und feindlich erscheint. Sie muss besiegt und beherrscht werden. Das alles ist jedem bekannt und offensichtlich, der sich mit apokalyptischen Gruppen gleich welcher Art beschäftigt. Fraglich ist hingegen, ob der Islam selbst ein apokalyptischer Glaube ist. Und, wenn ja, was das für die übrige Welt bedeutet.

Wer die apokalyptischen Muslime der Moderne verstehen will, der braucht eine klare Vorstellung von ihrer Geschichte. Denn die Vergangenheit ist für sie höchst lebendig. Viele Theorien sind entwickelt worden, um zu erklären, wie den Muslimen innerhalb eines einzigen Jahrhunderts die Eroberung der gesamten Welt des Altertums gelingen konnte - von Tours in Frankreich bis an die zentralasiatischen Grenzen Chinas. Manche Wissenschaftler verwerfen den Gedanken, dass religiöser Glaube bei diesen Eroberungen eine wichtige Rolle spielte. Doch solche Voreingenommenheit schadet unserem Verständnis des heutigen Islam - und sei es nur deshalb, weil zeitgenössische Muslime selbst davon überzeugt sind, dass der absolute Glaube an Allah und die einigende Macht des Islam die wichtigsten Ursachen jener Erfolge waren. Doch absoluter Glaube und Einigkeit genügten nicht, um den Dschihad auszulösen. Eine dritte Komponente musste hinzukommen: die Überzeugung von der Notwendigkeit, die Welt noch rechtzeitig vor dem bevorstehenden Tag des Jüngsten Gerichts zu erobern. Um genau diese Komponente geht es hier.

Vielleicht ist gar nicht so wichtig, was den Eroberungszug eigentlich veranlasste. Verstehen müssen wir vielmehr, wie moderne Muslime ihre Geschichte lesen. Diese Eroberung, Dschihad genannt, steht den historischen Quellen zufolge in engem Zusammenhang mit apokalyptischen Vorstellungen. Eine entsprechende Überlieferung lautet: "Siehe! Ich wurde mit dem Schwert geschickt (von Gott), bis die Stunde (des Jüngsten Gerichts) eintritt, und mein täglich Auskommen wurde gestellt unter den Schatten meines Schwertes. Erniedrigung und Demütigung sei denen, die gegen meine Sache stehen."

So verstanden, versuchten die Muslime nicht deshalb, die Welt zu erobern, weil sie sie beherrschen wollten. Sie taten, was sie taten, weil Gott es ihnen unmittelbar vor dem Weltuntergang aufgegeben hatte. Der Islam liefert das erste Beispiel dafür, was eine apokalyptische Gruppe zustande zu bringen vermag, wenn sie in kürzester Zeit einen unmöglichen Auftrag zu erledigen hat: nicht viel weniger als Weltherrschaft. Denn fast hätte sie ihr Ziel erreicht. Die revolutionärste Idee des fundamentalistischen Islam besteht deshalb in der Vorstellung, moderne Muslime könnten die Taten aus der Zeit des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert wiederholen. Dem gesamten Rest der Welt, einschließlich der so genannten muslimischen Länder, kommt dabei aus ihrer Sicht die Rolle der Ungläubigen zu. Es ist dieser gedankliche Hintergrund, vor dem sich die Überzeugung breit macht, ein apokalyptischer Dschihad sei nötig, um die bestehenden Missstände zu beseitigen.

Denn aus der Perspektive heutiger Muslime steht die Welt Kopf. Überall hat ihr Glaube an Boden verloren - als Folge kolonialer Eroberung und christlicher Missionierung ebenso wie durch den Kulturimperialismus westlicher Medien. Gott hat den Muslimen nicht nur versprochen, dass sie die Empfänger seiner letzten dem Propheten Mohammed überbrachten Offenbarung sein würden. Vielmehr würden sie außerdem belohnt mit Herrschaft und weltlichem Erfolg. Ein volles Jahrtausend lang wurde dieses Versprechen erfüllt. So jedenfalls sahen es die Muslime. Denn es waren schließlich Araber und Türken, die, wie von Gott versprochen, zwischen 630 und 1688 die globale Szenerie beherrschten. Dagegen bestreiten nicht einmal hartgesottene Traditionalisten, dass die islamische Welt heute, weltweit betrachtet, bestenfalls noch die zweite, wenn nicht sogar die dritte Geige spielt. Da Gott dafür schwerlich verantwortlich sein kann, muss die Schuld bei den Muslimen selbst liegen. Die apokalyptische Deutung der Situation läuft darauf hinaus, dass Gott die wenigen Auserwählten kurz vor dem Ende der Welt auf die Probe stellt. Sie müssen ihren Glauben an Gott beweisen, indem sie die verlorene weltliche Herrschaft und göttlich bestimmte Überlegenheit der Muslime wiederherstellen.

Man mag einwenden, das apokalyptische Wesen des Islam sei über Jahrhunderte verborgen gewesen. Aber wenn apokalyptische Tendenzen in einer Gruppe latent vorhanden sind und hervorzutreten beginnen, dann beeinflussen sie nach und nach alle Mitglieder. Bereits heute hat der apokalyptische Diskurs auch andere Gruppen innerhalb der islamischen Welt erfasst. Selbst die religiösen Eliten, für die apokalyptische Gruppen nur Verachtung übrig haben, können sich ihm nicht entziehen.

Deshalb ist ein Blick auf die einzelnen apokalyptischen Glaubensvorstellungen angebracht, die modernen Muslimen heute zugänglich sind. Die meisten Szenarien deuten den Konflikt zwischen Israel und den arabischen Staaten als Ausgangspunkt endzeitlicher Ereignisse. Für einige Szenarien steht der Golfkrieg von 1990 und 1991 im Mittelpunkt. Irgendwann in der nahen Zukunft, heißt es, wird ein dämonisches Wesen, der muslimische Antichrist mit Namen Dadschal, die Macht über den Großteil der Welt an sich reißen. Ausgespart werden nur ein paar muslimische Länder sein. Welche das sein werden, ist zwar umstritten. Ganz oben auf den einschlägigen Listen stehen jedoch die virulentesten antiwestlichen Staaten. Jenes dämonische Wesen Dadschal wird ein Jude sein, der mithilfe einer globalen Verschwörung nach dem Muster der Protokolle der Weisen von Zion herrschen wird. Im Übrigen sind die Apokalyptiker davon überzeugt, dass dieses Wesen bereits heute, seiner physischen Erscheinung gleichsam vorauseilend, den Gang der Dinge in bösartiger Weise beeinflusst. Vorausgesagt wird ein apokalyptischer Krieg zwischen dem Dadschal, der den Westen und Israel anführen wird, und den Muslimen.

Die Begriffe "der Westen" und Christentum bedeuten für den modernen Muslim ein und dasselbe. Deshalb ist Widerstand gegen "den Westen" ein religiöses Gebot: Westlichen Einfluss anzuerkennen hieße, die Überlegenheit des Christentums anzuerkennen. Das ist selbst für Muslime undenkbar, die durchaus zwischen einem wirtschaftlichen und kulturellen System (der Westen) und einem religiösen System (Christentum) zu differenzieren vermögen.

Antiwestliche Einstellungen kommen üblicherweise in jenem Teil der Apokalypse zum Ausdruck, in dem es um die moralischen Symptome der Endzeit geht. Zu ihnen zählen Abscheulichkeiten wie Gewalt oder Sittenlosigkeit, welche es zwar zu allen Zeiten in allen Gesellschaften gibt und gegeben hat. Der Apokalytiker jedoch rechnet sie der Einfachheit halber westlichen Einflüssen zu. Gleichermaßen verunglimpft er den Einfluss der westlichen Wirtschaft, weil die Ökonomie des Westens den Kreditzins zur Grundlage hat, was der Islam streng verbietet. So wird zum "Beweis" der Endzeitlichkeit eine Vielzahl westlicher Traditionen herangezogen, die in jeder möglichen Weise zu bekämpfen und abzuwehren sind.

Die Vereinigten Staaten, das versteht sich von selbst, spielen in den meisten apokalyptischen Szenarien die negative Hauptrolle. Grundsätzlich wird Amerika als das Große Babylon oder gar als der Antichrist höchstpersönlich präsentiert. Jeder amerikanische Präsident der jüngeren Vergangenheit - von Carter über Reagan und Bush bis Clinton - wurde aus diesem oder jenem Anlass als Agent des Antichrist dargestellt und mit Bestrafung für sein Treiben bedroht. Der Antichrist manipuliert angeblich zwar sämtliche Länder des Westens - sein Hauptquartier aber liegt unzweifelhaft in Amerika. Die gesamte ökonomische und kulturelle Aktivität Amerikas spiegelt vermeintlich die Pläne dieses dämonischen Wesens wider. Dafür wird Gott das Land mit unterschiedlichsten Mitteln bestrafen, Erdbeben etwa oder durch Atomschläge. In verschiedenen Szenarien unterwerfen die Muslime, nachdem sie Israel erobert haben, auch Westeuropa und die Vereinigten Staaten.

Selbstverständlich gilt die amerikanische Außenpolitik als vorrangige Methode der globalen Machtausübung des Antichrist. Besonders unverständlich ist Muslimen die fortgesetzte amerikanische Unterstützung für Israel. Üblicherweise wird sie mit einer jüdischen Verschwörung erklärt. Es gibt Ägypter und Palästinenser, die sich durch keinen noch so schlagenden Beweis des Gegenteils von der Auffassung abbringen lassen, alle amerikanischen Präsidenten und sämtliche Kongressabgeordnete der jüngeren Geschichte seien Juden gewesen. Auf dem Feld der Außenpolitik wirft man den Vereinigten Staaten vor, den Irak zum Angriff auf Kuwait gezwungen zu haben. (Freilich sind nicht alle Apokalyptiker pro-irakisch eingestellt. Vor allem die ägyptischen neigen eher dazu, Saddam selbst für einen Antichrist zu halten - nicht selten gar für einen unter israelischer Kontrolle.) In der Vergangenheit gab es häufig Versuche, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion in einen Topf zu werfen, weil beide angeblich unter jüdischer Herrschaft ständen. So ist auf Said Ayyubs einflussreichem Buch Der falsche Messias ein dämonisches Wesen abgebildet, das gleichzeitig mit einer amerikanische Flagge sowie mit Hammer und Sichel ausgestattet ist und obendrein einen Davidstern um den Hals trägt.

Israel ist den schärfsten Angriffen der modernen muslimischen Literatur zur Apokalypse ausgesetzt. Selten nur findet man ein Buch oder ein Traktat, in dem der jüdische Staat nicht lang und breit thematisiert wird. Das ist eine vergleichsweise neue Entwicklung, denn in der klassischen muslimischen Lehre von der Apokalypse spielten Juden kaum eine Rolle. Eine der klassischen Überlieferungen jedoch erwähnt sie und wird deshalb oft zitiert: "Die Stunde (des Jüngsten Gerichts) wird nicht eintreten, bis sie (die Muslime) die Juden bekämpfen. Und die Muslime werden sie töten, bis dass einer von ihnen sich hinter dem Felsen versteckt. Und dieser Fels sagt: O Muslim, ein Jude ist hinter mir - komm und töte ihn!" Diese Quelle erweist sich als hilfreich für den Entwurf von Szenarien, in denen die Muslime gegen Israel kämpfen und es niederwerfen. Grundsätzlich wird angenommen, dass der Dadschal die Direktherrschaft über den jüdischen Staat ausübt und dass Israel dessen Ziele durchsetzt. Praktischerweise vermag dieses Szenario eine Vielzahl unangenehmer Missstände und Ereignisse zu erklären: Mit seiner Hilfe stehen die Muslime nicht mehr einem winzigen, verächtlichen und halbentwickelten Staat gegenüber, sondern einer dämonischen Figur, die auf die Treue von Millionen Menschen in aller Welt zählen kann und ungeheure satanische Macht ausübt.

Die meisten Fundamentalisten glauben, dass die moderne Welt eine Wiederholung jener Verhältnisse zur Zeit des Propheten darstellt, als die Muslime ein kleiner Haufen von Gläubigen waren, die sich einer Welt von Ungläubigen zu widersetzen hatten. Deshalb erscheinen den Fundamentalisten andere Muslime, die nicht zu ihrer Gruppe gehören, als verderbt. Tatsächlich werden sie üblicherweise zu Ungläubigen und zu Kollaborateuren des Westens oder Israels erklärt. Folglich müssen sie genauso hart bekämpft werden wie alle anderen auch. Das ist der Grund, weshalb so viele muslimische Terrorgruppen gegen ihre eigenen Regierungen vorgehen - sogar gegen solche, die dem Westen alles andere als wohlgesonnen sind.

Besonders die Angehörigen religiöser Eliten geraten ins Fadenkreuz. Sie unterhalten in der Regel wirtschaftliche Verbindungen zur jeweiligen Regierung und gelten daher als Verräter, die sich des Hasses und der Kugeln der Fundamentalisten sicher sein können. Anders als die Einstellungen gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel hat diese Haltung eine gewisse Tradition im apokalyptisch-muslimischen Denken. Das hat den Vorteil, dass sich der moderne Apokalyptiker in diesem Fall auf klassische Lehren beziehen kann, die den Erfordernissen der modernen Welt genügen, ohne in größerem Maße der Überarbeitung zu bedürfen.

Gern wüsste man genauer, welche Beziehung zwischen apokalyptischer Literatur und apokalyptisch-messianischen Gruppierungen bestehen. Wenn der Markt überschwemmt ist von Literatur über das Weltende oder den Antichrist, müssen wir dann erwarten, dass eine Führerfigur oder eine Gruppe sich daranmacht, den Inhalt dieser Schriften in die Tat umzusetzen? Liest der Hamas-Terrorist im Westjordanland tatsächlich zuerst ein apokalyptisches Pamphlet, ehe er zu seiner Bombe greift und Selbstmord begeht? Denkt er, das Ende der Welt sei so nah, dass es keinen Sinn mehr habe, weiterzuleben? Oder dass die Apokalypse dadurch schneller komme, dass er den Auslöser betätigt?

Unglücklicherweise sind alle diese Fragen kaum erforscht. Vermutungen müssen genügen. Meines Erachtens ähnelt das Verhältnis zwischen apokalyptischen Schriften und Terrorismus dem Verhältnis zwischen Pornografie und Sexualverbrechen. Zwar lässt sich nicht sagen, dass ein direkter Weg vom obszönen Material zur sexuellen Gewalttat führt. Aber es ist anzunehmen, dass die große Mehrheit derjenigen, die solche Taten begehen, zuvor mit Pornografie nicht bloß ganz am Rande zu tun hatten. Doch genau wissen wir selbst das nicht. Was die Relation zwischen aufreizenden Materialien und handfesten Taten angeht, mögen größere Optimisten deshalb zu anderen Schlüssen kommen.

Jedenfalls lassen sich die apokalyptischen Ursachen wichtiger Ereignisse in der muslimischen Welt nicht bestreiten. Die Islamische Revolution im Iran ereignete sich im letzten Jahr des 14. Jahrhunderts islamischer Zeitrechnung - genau wie die apokalyptische Revolte in der Großen Moschee in Mekka im November 1979. Beide Bewegungen verwendeten apokalyptische Materialien, um die Dringlichkeit ihrer Botschaften öffentlich zu vermitteln. Bei der Hamas im Westjordanland und im Gaza-Streifen handelt es sich eindeutig um eine apokalyptische Gruppe, wie sich aus ihren Pamphleten und ihrer übrigen Literatur ohne weiteres ergibt. Ihre Ideologen benutzen in ihrer Propaganda gegen die PLO regelmäßig apokalyptische Motive. Der Beginn der Intifada 1987 stimmt überein mit einer 80 Jahre alten Vorhersage des Weltuntergangs. Sowohl die ägyptischen wie auch die algerischen Fundamentalisten greifen ständig in die apokalyptische Bücherkiste. Über andere Bewegungen besitzen wir zu wenig harte Erkenntnisse. Doch vieles deutet darauf hin, dass sich apokalyptische Elemente bei den meisten, wenn nicht bei allen aktiven fundamentalistischen Gruppen finden lassen.

Die Kenntnis der muslimischen Lehren von der Apokalypse ist die unbedingte Voraussetzung für das Verständnis des modernen Islam. Wer den enormen Einfluss begreifen will, den apokalyptische Gruppen heute auf Entwicklungen in der muslimischen Welt haben, kommt an diesen Schriften nicht vorbei. Die betreffenden Gruppen sind oft anonym und unbekannt - bis sie mit irgendeiner spektakulären Tat auf die Weltbühne treten. Doch aus ihren Motiven und Glaubensbekenntnissen machen sie auch vorher schon kein Geheimnis. Ihre Broschüren, Pamphlete und Bücher sind an jedem Zeitungskiosk zu kaufen. Und in den Moscheen gibt es sie sogar umsonst. Viel bleibt freilich zu erforschen, bis wir die genaue Verbindung zwischen Literatur und Tat entschlüsseln können. Mehr als alles andere betrifft das jene rätselhaften Selbstmordattentate, die ohne tiefe ideologische Überzeugungen kaum denkbar sind.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr

©  Die Zeit (2001)  www.zeit.de/archiv/2001/39/200139_essay.cook.xml?page=all