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Der große Manipulator
Giordano Bruno –
Manipulation
des Eros und
Massenpsychologie
von Victor und Victoria Trimondi
Der rumänische Religionswissenschaftler Joan P. Culianu (oder
Couliano) entdeckte bei dem Renaissancephilosophen Giordano Bruno (1548 – 1600)
die Grundlagen einer Theorie, die einen tiefen Einblick in die
pscho-mago-mythischen Mechanismen gewährt, mit denen die Menschen in den
modernen Massengesellschaften manipuliert und in Abhängigkeit gehalten
werden. Gegenüber von zwei Aufsätzen, die Bruno über die Manipulation des
Eros verfasst hat, erscheint – so Culianu – das berühmt-berüchtigte
Büchlein Der Fürst von Niccolo
Machiavelli „blass und lachhaft.“
(1)
Giordano Bruno, geboren zu Nola im Süden Italiens, war mit 15
Jahren dem Dominikanerorden beigetreten. Sein großes Interesse an den
neuesten wissenschaftlichen Forschungen und seine Faszination an
neoplatonischen Spekulationen veranlassten ihn jedoch sehr bald seinen
Orden zu verlassen, ein für die damalige Zeit mutiges Unterfangen. Von nun
an begann ein gehetztes Wanderleben, welches ihn durch ganz Europa trieb.
Dennoch verfasste und veröffentlichte der rastlose und geniale Ex-Mönch
zahlreiche „revolutionäre“ Schriften, die sich in allen möglichen
Themenbereichen kritisch zur kirchlichen Dogmatik verhielten. Die Tatsache,
dass sich Bruno viele Ideen des damals aufkommenden modernen
wissenschaftlichen Weltbildes, insbesondere das kopernikanische System zu
Eigen machte, hat ihn schon zu Lebzeiten zu einem Helden der Neuzeit werden
lassen. Nachdem er aufgrund eines Urteilsspruch der Inquisition im Jahre
1600 auf dem Campo de Fiori in Rom wegen Ketzerei lebendig verbrannt
wurde, erklärte ihn die europäische Aufklärung zum größten „Märtyrer der
modernen Wissenschaft“. Dieses Image ist ihm bis heute geblieben. Es
besteht jedoch mit einem gewissen Unrecht, da Bruno ebenso, wenn nicht weit
mehr, an den neu-platonischen Ideen seiner Zeit interessiert war wie an
modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Alle seine Werke haben magisch -
mystisch - mythologische Inhalte. Auch das Thema Liebe (Eros) handelt Bruno
aus dieser Weltsicht ab und kommt dabei zu erstaunlichen Aussagen.
Liebe (Eros, Amor), Pneuma und Magie wurden in der neuplatonische
Renaissance-Schule des Marsilio Ficino (1433-1499), in deren Nachfolge sich
Giordano Bruno stellt, als ein Gesamtkomplex angesehen. Unter „Liebe“
(Amor, Eros) versteht Ficino ganz allgemein die „Macht der Verbindung“.
Alle Formen der Eros sind durch diese Bezeichnung angesprochen, werden
jedoch in ihrer Wertigkeit unterschiedlich beurteilt. Auf der untersten
Stufe befindet sich die tierische und körperliche Liebe. Das ihr
entsprechende Gefühl ist die Wollust, ihr Vermögen besteht im Tastsinn. Auf
der nächsten Stufe folgt die menschliche Liebe, sie entspricht dem „tätigen“
Eros, der durch das Sehen zustande kommt. Die höchste Stufe nimmt die
göttliche Liebe ein. Sie gilt als kontemplativ und entspricht der Vernunft.
(2) Auch Giordano Bruno teilt diese
Sicht.
Beide, Ficino und Bruno, gehen zudem von der antiken stoischen
Tradition aus, nach der alle Dinge dieser Welt durch eine „spirituelle
Substanz“, das universelle Pneuma, miteinander verbunden sind. Dies
trifft sowohl auf den gesamten Kosmos als auch für jedes einzelne
menschliche Wesen zu. Alles steht mit allem durch das Pneuma in
Beziehung und Austausch. Weit verbreitet war in der Renaissance auch die
Vorstellung des römischen Arztes Galen (gest. um 199), dass das Pneuma
der „Träger der Seele“ sei. Die Einheit der Seele, der Kontakt zu anderen
Menschen, die Begegnung mit dem Göttlichen – alle diese emotionalen
Verbindungen sind nach Meinung der Stoiker durch das feinstofflichen Pneuma
miteinander verknüpft. Stimmungen, Gefühle und Leidenschaften wurden deswegen
als „pneumatische“ Zustände gedeutet und deswegen ebenfalls als eine Art
Substanz angesehen. Wenn der Renaissance-Dichter William Shakespeares vom
„Stoff“ spricht, „aus dem unsere Träume“
sind, so meint er das keineswegs allegorisch, sondern tatsächlich.
Träume, Phantasmen und Imaginationen gelten als Ausdrucksform des Pneumas
und damit als etwas Feinstoffliches. Das trifft auch für den „Geist der
Phantasie“, der phantastikon pneuma genannt wurde, und die
„Wissenschaft“, die sich mit diesem Stoff auseinander setzte, hieß
„Pneumo-Phantasmologie“ - eine Disziplin, in der Giordano Bruno ein
Meister war. Durch die Gleichsetzung von Liebe und Pneuma, die wir
auch aus christlich-theologischen Abhandlungen kennen, ist der Eros für die
Renaissancephilosophen grundsätzlich form- und manipulierbar wie ein Stück
Materie.
Das Mittel, den pneumatischen Stoff und damit auch den Eros zu
beherrschen und zu formen ist die Magie. Schon Ficino kommt zu der bündigen
Schlussfolgerung, dass „alle Macht der Zauberei auf der Liebe beruht.“ (3)
Magie ist für ihn die operationelle Kraft, von einander getrennte Teile
miteinander zu verbinden. „Die Wirkung der Magie besteht in der Anziehung,
welche ein Gegenstand auf einen anderen aufgrund einer bestimmten
Wesensverwandtschaft ausübt.“ (4) Diese Verbindungskraft wird von ihm
ebenfalls als eine primäre Qualität des Eros bezeichnet. So ist der Eros
für Ficino ein großer „Zauberer“ (magus), der die auf der Liebe
beruhenden Gesetze des Universums kennt und sie anwendet. „Darum besteht
kein Zweifel daran, dass Eros ein Zauberer ist; denn alle magischen Kräfte
beruhen auf der Liebe“ (5) Ein Magier verhält sich also ähnlich wie ein
Liebhaber, denn was tut ein Liebhaber anderes, fragt Ficino, als mit seinen
Worten und Handlungen ein „magisches Netz“ auszuspannen, um den Geliebten
an sich zu fesseln. Der Renaissancephilosoph spricht in diesem Kontext von rete, einem „Netzwerk“ bzw. einem
„Gewebe“. Die „Liebe“ in all ihren Variationen überzieht deswegen die Welt
mit ihren feinmaschigen Fäden, angefangen von den Körpern bis hinauf in die
metaphysischen Himmel, vom Sexus bis tief hinein in den ekstatischen
Herzschlag des Mystikers. Ficino benutzt noch andere Vokabeln als „Netz“,
um die Fangkraft der Liebe auszudrücken, zum Beispiel illex oder esca,
„Falle“ oder „Köder“.
Die Liebe als
Fessel
Auch für Giordano Bruno verhalten sich ein „Magier“ und ein
„Liebhaber“ nahezu identisch: Beide werfen ihr erotisches „Netz“ aus, um
bestimmte „Objekte“ einzufangen, diese an sich heran zu ziehen und an sich
zu „fesseln“. Oder um ein anderes Bild Brunos zu verwenden, sie legen wie
Jäger ihre „Fallen“ und „Köder“ aus, um das flüchtige Wild, das heißt die
Seele und den Körper eines Menschen, einzufangen und von ihm Besitz zu
ergreifen. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden:
Der Liebhaber ist selber im Netz der Liebe verfangen, er wird selber
gefesselt, während der Magier frei von einer „Fesselung“ durch das
Liebesnetz, d. h. emotionslos ist und allein den Zweck verfolgt, einen anderen
emotional an sich zu binden. Da er selber nicht liebt, ist er ein
„Manipulator“ der Liebe, ein Fesselkünstler, der den Eros benutzt, um
andere seinem Willen zu unterwerfen. Das ist nach Bruno die Essenz der
Magie: „Wir haben dort, wo wir über die natürliche Magie gesprochen haben,
beschrieben, inwiefern alle Fesseln auf die Fessel der Liebe bezogen werden
können, von der Fessel der Liebe abhängig sind oder in der Fessel der Liebe
bestehen.“ (6)

Statue von Bruno auf dem Campo di Fiori
in Rom, der Ort wo er verbrannt wurde
Die mächtigste „Fessel“ ist also die Liebe, sie „ist eine einzige
und die eine Fessel, die alles zu einem macht.“ – sagt Bruno.(7) Diese
Omnipotenz gibt ihr den Charakter von etwas Ungeheuerlichem, insbesondere
dann wenn sie von einem der Liebespartner zum Schaden des anderen
ausgenutzt wird. „Für alle diejenigen, die zur Philosophie und Magie
geboren sind, ist es ganz und gar offensichtlich, dass die höchste, die
wichtigste und allgemeinste Fessel dem Eros zukommt und deshalb haben die Platoniker
die Liebe den Großen Dämon, daemon
magnus [den großen Dämon]
genannt.“ (8)
Die „Fessel“ als Synonym für den Eros erhält für Bruno eine
geradezu kosmische Bedeutung: Sie bestimmt den „Bauplan der Natur“. Sie
„ist die Kette, die Ordnung, der große Dämon, durch den alles gefesselt
wird.“ (9) Die Liebe als Fessel und keineswegs als gegenseitiger Austausch,
durchströmt nach Bruno das gesamte Universum, letztlich bildet sie die
primäre Ursache für alle anderen Affekte, welche den Menschen aneinander oder
an etwas binden. Deswegen müssen „alle Fesseln auf die Fessel der Liebe
bezogen werden [….], von der Fessel der Liebe abhängen oder in der Fessel
der Liebe bestehen.“ (10) So kann Bruno selbst im Hass eine Variante der
Liebe erkennen, denn der Hassende ist ebenso emotional an den Gehassten
„gefesselt“ wie der Liebende an den Geliebten. (11) Da ein „Magier“ diese
Fessel, d. h. die Liebe, zu seinen eigenen Zwecken benutzen kann, steht ihm
demnach die gesamte Palette der Gefühle, durch die sich Menschen in
irgendeine Abhängigkeit begeben, für seine Manipulationen zu Diensten:
Hoffnung, Liebe, Religiosität, Furcht, Mitgefühl, Hass, Empörung, Zorn,
Freude, Geduld, Verachtung gegenüber dem Leben und dem Tode. (12)
Welche nun die Voraussetzungen dafür sind, um eine solche
„Liebes-Fessel“ herzustellen und wie dies zu bewerkstelligen ist,
beschreibt Giordano Bruno in einem kurzen Traktat mit dem Titel De vinculis in genere („Über die
fesselnden Kräfte im Allgemeinen“ (13) – publiziert im Jahr 1591) Joan P.
Culianu bezeichnet diesen Text, den wir uns näher ansehen wollen, als ein
zynisches Handbuch psychologischer Massenmanipulation: „Die Abhandlung De vinculis in genere, die bis Ende
des 19. Jahrhunderts unveröffentlicht blieb, kaum gelesen und kaum
verstanden wurde, ist dennoch eine Schrift, der heute der wahre und einzige
Ehrenplatz unter den Theorien der Massenmanipulation gebührt. Ohne es zu
wissen, haben die weltbeherrschenden Intelligenztrusts sich davon anregen
lassen und die Gedanken Brunos in die Tat umgesetzt.“ (14) In der Tat
kümmert sich der von Humanisten so hoch geschätzte Bruno in seinem Traktat
recht wenig um die Würde des Menschen, sondern ausschließlich um die
Machtinteressen und den Gesichtspunkt des „Manipulators“, der die Menschen
an sich bindet.(15)
Wie funktioniert nun die erotische Fesselung durch den Manipulator?
Im Normalfall entsteht zwischen zwei Liebenden ein Gewebe aus Gefühlen,
Stimmungen und feinstofflichen Affektfäden, schreibt Bruno. Dieses
erotische Netzwerk (rete) kann
sich in einer leidenschaftlichen Beziehung durch sexuelle Abhängigkeit
äußern, ist aber in den meisten Fällen seelischer Natur, was jedoch seine
Bindungskraft nicht verringert, sondern im Gegenteil noch verstärkt und
dauerhafter macht. Alle Formen der Liebe fesseln auf ihre Weise. Die Liebe,
so Bruno, „ist eine einzige und die eine Fessel, die alles zu Einem macht.
Sie hat im Verschiedenen verschiedene Gesichter.“ (16)
„Gefesselt“ wird der (oder die) Liebende an die Person des (oder der)
Geliebten. Umgekehrt muss dies, wie schon gesagt, keineswegs der Fall sein,
denn der Geliebte braucht nicht selber zu lieben, um sich der Liebesfessel
zu bedienen. Eine Person kann also, wenn sie das will, eine andere ganz und
gar dadurch beherrschen, dass sie diese durch „Liebe“ an sich bindet, denn
„durch diese Fessel wird der Liebende hingerissen, so dass er in das
Geliebte überführt werden will.“ - schreibt Bruno.(17) Der erfolgreichste
Magier ist demnach der abgöttisch geliebte Manipulator, der die erotische
Energie der Liebenden zur Akkumulation eigener Macht auszunutzen versteht.
Bruno benennt ihn auch mit dem modern klingenden Begriff: der „Operator“,
da er eine psychologische Technik anwendet, um Liebe in Macht, „Amor“
(Liebe) in „Roma“ (Macht) zu transformieren. Im Kern hat der Magier es auf
die „Seele“ des Liebenden abgesehen, und er wird deswegen auch von Bruno
als „Seelenjäger“ (animarum venator) bezeichnet.(18)
Der „Operator“ bzw. „Manipulator“ kann durch die „Augen“, die
„Ohren“, die „Phantasie“ oder den „Geist“ in die Seele des Liebenden
eindringen und diese dann an sich fesseln. Er kann den Liebenden anblicken
und anlächeln, ihn mit Worten besprechen, seine Imagination stimulieren,
sich in dessen Bewusstsein einpflanzen. Die Sinne eines Menschen sind
ebenso wie seine Phantasie für den Manipulator „wie Eingänge, Türen oder
Fenster“, durch die er sich Zugang zu seinem Opfer verschafft. Dabei hat er
folgendes zu beachten: Die mit „Geist Begabten“ lassen sich durch
spirituelle Betrachtungen fesseln, die seelisch Berührten durch den Blick
sowie die Besprechung und die am Körper orientierten durch die Berührung.
„Die erste Fessel heißt die göttliche Liebe, die zweite die menschliche
Liebe, die dritte die tierische Liebe.“(19)
Beim Fesselakt unterscheidet Bruno vier Bewegungen. „Die erste ist
das Eindringen oder die Einführung, die zweite die Bindung oder die Fessel,
die dritte die Anziehung, die vierte die Verbindung, welche auch Genuss
genannt wird. [...] Deswegen will der Liebende ganz in den Geliebten
eindringen, mit der Zunge, dem Mund, mit den Augen etc.“ (20) Die Liebenden
lassen sich also umso straffer fesseln, je größer die Lust ist, die sie bei
ihrer Bindung an den Manipulator verspüren. Ihre Leidenschaft kann sich so
steigern, dass sie mit ihrem Fesselkünstler völlig verschmelzen wollen.
„Durch diese Fessel wird der Liebende hingerissen, so dass er in das
Geliebte überführt werden will, das Geliebte ganz aufnehmen und sich
aneignen will.“ (21) Eine solche ekstatische Bejahung der Fessel gibt dem
Manipulator die absolute Macht über den Liebenden.
Da nach
Bruno die gesamte menschliche Gemeinschaft durch das Netz (rete) des Eros miteinander verbunden
ist und ihre Beziehungen untereinander durch erotische Energien gesteuert
werden, partizipieren alle daran, aber dies geschieht weitgehend unbewusst
und spontan. Die Liebe, so sagt man, ist nicht kalkulierbar. Nach Bruno ist
das nicht korrekt. Sein „Manipulator“ durchschaut den erotischen
„Mechanismus“ und er versteht es, daraus seine Vorteile zu ziehen - als Künstler, als Hohepriester, als
Politiker, als Medienmanager. Die Manipulation des Eros durch Magie ist
deswegen ein Politikum ersten Ranges.
Die Gefühls-Askese des
Manipulators
Ein erfolgreicher Manipulator der menschlichen Gefühle darf sich
jedoch selber keinen emotionalen Neigungen hingeben. Um „Herr über die
Fesseln“ zu werden, darf er auf keinen Fall in derselben Art und Weise wie
der zu Fesselnde durch Emotionen „affiziert“ werden, sondern muss die
absolute Kontrolle über die eigene Gefühlswelt ausüben. (22) Eine hoch
potenzierte Egozentrik ist dafür die Voraussetzung. Nur eine einzige Liebe
ist ihm erlaubt, nämlich die Selbstliebe (philautia). Der Manipulator muss immer auf der Hut sein, dass
er keinerlei Gegenliebe für die von ihm gefesselten Liebenden entwickelt.
Das könnte ihm zum Verhängnis werden.
Ebenso wie seine Gefühle, so muss der Manipulator seine Phantasie
und seine Imaginationen zügeln, beziehungsweise beherrschen. Er muss
ständig „cool“ bleiben und darf sich selber nicht von der Welt der Bilder
faszinieren lassen, sonst kann aus dem Täter ein Opfer werden: „Sorge
dafür“, warnt ihn Bruno, „dass du dich nicht aus einem Operator in ein
Werkzeug der Phantasmen verwandelst.“ (23) Ein Fesselkünstler muss also in
der Lage sein, seine „Phantasie zu ordnen, zu berichtigen und einzurichten,
ihre Erscheinungsformen nach Belieben zusammenzusetzen.“ (24) Absolute
Kontrolle über die eigene Gefühlswelt, Immunität gegenüber jeglicher
Faszination ist die personelle Voraussetzung dafür, dass der Magier
überhaupt effektiv „fesseln“ kann. „Kurzum, er ist gehalten, auf keinen
einzigen Reiz aus der Außenwelt mehr zu reagieren. Um zu vermeiden, dass er
seinerseits gefesselt wird, darf er sich weder von Mitleid noch von der
Liebe zum Guten und Wahren noch durch irgendetwas anderes bewegen lassen.
Um auf andere Kontrolle ausüben zu können, muss man zunächst von jeder
Kontrolle, die von den anderen ausgeht, abgeschirmt sein.“ – lehrt Bruno
(25)

Doch es gilt, noch weiteres zu beachten: denn trotz „innerer
Coolness“ hat der Manipulator nach außen hin den Eindruck vorzutäuschen,
dass auch er die ihn Liebenden liebt. Denn - so Bruno – „die Fesseln der
Liebe, der Freundschaft, des Wohlwollens, des Gefallens, der Lust, der
Nächstenliebe, des Mitleids, der Begierde, der Leidenschaft, der Habsucht,
des Verlangens und der Sehnsucht verschwinden leicht, wenn sie nicht auf
Gegenseitigkeit beruhen. Daher rührt jenes Sprichwort: Ohne Liebe stirbt
die Liebe.“ (26) Damit diese Täuschung ein wirklicher Erfolg wird, muss der
Manipulator die Emotionen, die er bei dem Liebenden hervorruft und
stimuliert, in der eigenen Imagination nachvollziehen können, ohne sich
diesen jedoch selber hinzugeben. Ja er muss geradezu „in seinem
phantasmatischen Apparat [d. h. in seiner Imagination] gewaltige
Leidenschaften entfachen, vorausgesetzt, sie sind unfruchtbar und er ist
von ihnen losgelöst. Denn es gibt kein anderes Mittel zu behexen, als in
sich selbst zu erfahren, was man bei seinem Opfer herbeiführen will.“ (27)
So entsteht dieser paradoxe Doppelcharakter, der von einem Manipulator
verlangt wird: Er muss gleichermaßen „heiß“ und „kalt“, „Feuer“ und „Eis“
sein, oder wie es Culianu ausdrückt: Er muss „liebestrunken und vollkommen
gleichgültig gegen jede Leidenschaft, enthaltsam und ausschweifend“ zur
gleichen Zeit sein. (28)
Weil verschiedene Individuen
unterschiedliche Fesseln verlangen, muss der Manipulator die Eigenheiten
des zu Fesselnden genau kennen. „Fesseln kann, wer den universalen Begriff
(ratio) hat oder wenigstens die Natur der einzelnen Sache, die
gefesselt werden soll, ihre Anlagen, ihre Neigungen, ihre sittliche
Haltung, ihre Gewohnheit und ihr Ziel kennt.“ (29) Dennoch wusste Bruno schon, dass sich eine Menschenmasse
effektiver fesseln lässt als ein Individuum. „Es ist nämlich leichter,
viele als einen einzigen zu fesseln.“ (30) Demagogen fesseln die Massen
durch ihre Stimme und „die Völker, die am stärksten zu erotischen Lüsten
und zu Hass neigen, sind die tätigsten.“ (31) Auch Zeitpunkt und Ort, wann
und wo gefesselt wird, spielen eine wichtige Rolle.
Manipulation mit Hilfe des
Phantasma
Ziel des „Manipulators“ ist die Schaffung einer Illusionswelt.
Dabei sind sich Bruno ebenso wie die modernen „brain trusts“ der Werbung,
Politik und Religion bewusst, dass die Manipulation der Menschen, die ganze
Komplexität ihrer subjektiven Erwartungshaltungen miteinbeziehen muss, so
dass eine imaginäre und phantasmatische Welt entsteht, in der jeder die
Illusion hat, es gehe um seine eigenen Interessen und individuellen Wünsche.
Insofern kommt es zu einer paradoxen Massenmanipulation, bei der sich die
einzelnen nicht als Masse, sondern im Gegenteil als Individualisten
erleben. Die magisch bewirkte Fesselung darf deswegen nie gegen den
offenkundigen Willen der Verzauberten geschehen. Im Gegenteil, der
Manipulator muss in seinem Opfer immer die Suggestion hervorrufen, alles
ereigne nur zu dessen persönlichen Vorteil. Er schafft die völlige
Illusion, der Liebende sei ein Auserwählter, ein unabhängiges und freies
Individuum, das in der ersten Phase seinem eigenen Willen folgt. Im
weiteren Prozess der Liebesbeziehung ist der Liebende jedoch bereit, seinen
Willen, seine Individualität und seine Persönlichkeit für den Geliebten
hinzugeben.
Die Kultur der Renaissance maß dem Phantasma, der Imagination und
der Symbolik eine alles prägende kulturelle Bedeutung bei. Joan P. Culianu
bezeichnete sie deswegen als eine phantasmatische Kultur, die „die
Fähigkeit, auf die Phantasmen aktiv einzuwirken und sie magisch
einzusetzen, bis zum Äußersten verfeinert“ hatte. (32) Das effektivste
Instrument für die Manipulation des Eros durch einen „Operator“ ist also
die Phantasie der Liebenden: „Es hat nämlich die phantastische Erscheinung
die ihr eigene Wahrheit, aus der folgt, dass sie auch wahrhaftig wirkt und
wahrhaftig und sehr mächtig dadurch das Fesselbare bindet.“ (33)
Die Phantasma erregt das Bewusstsein des Menschen häufiger und
intensiver als die Vernunft und verschafft sich, ohne dass dies gemerkt
wird, einen Zugang zum Unterbewusstsein: „Viele lieben, aber warum, wissen
sie nicht, weil sie ohne Vernunft lieben. Sie lieben aber dennoch nicht
ohne die sie antreibende Ursache, wie den Fiebrigen die Liebe zum Wasser
fesselt.“ (34) Die Ketten, die den Liebenden binden, brauchen von diesem
nicht wahrgenommen werden: „Viele nämlich, da sie ohne Vernunft lieben,
wenn auch nicht ohne sie dazu antreibende Ursache, werden zwar gefesselt,
aber wodurch sie gefesselt werden, wissen sie nicht.“ (35)
Imagination und Phantasie setzen das erotische Pneuma frei und
dienen deswegen ebenfalls dazu, den anderen zu binden: „Wird nicht der
Mensch von den höchsten und immateriellen Dingen, also von imaginären und
nicht erfahrenen, im höchsten Maße gefesselt?“ – fragt Bruno. (36) Durch
ein geeignetes Phantasma kann der Magus in die Seele des zu Fesselnden
eintreten und dessen Liebesbereitschaft stimulieren. Die Phantasie „nämlich
ist die Pforte und der hauptsächliche Zugang zu den Aktionen, Passionen und
allgemeinen Affekten, die sich in einem Lebewesen befinden.“ (37) Über die
Phantasie setzt der Manipulator alle nur denkbaren Affekte frei: „Hoffung,
Mitleid, Furcht, Liebe, Hass, Unwillen, Zorn, Freude, Geduld, Verachtung
des Lebens, des Todes und der Fortuna und all das, dessen Kräfte aus der
Seele in den Körper einwandern, um ihn zu verändern.“ (38) Es ist die „Welt
der Bilder“ und die Imagination, welche Liebe und Lust hervorrufen, und
„die Lust ist die Fessel der Fesseln.“ (39)
Aber auch hier gilt dasselbe wie bei den Gefühlen. Der Manipulator muss
seine eigene Phantasie voll zügeln und sie beherrschen: „Sorge dafür,“ -
warnt ihn Bruno – „dass du dich nicht aus einem Operator in ein Werkzeug
der Phantasmen verwandelst.“ (40) Der echte Magier ist in der Lage, seine
„Phantasie zu ordnen, zu berichtigen und einzurichten, ihre
Erscheinungsformen nach Belieben zusammenzusetzen.“ (41)
Dem Phantasma im Bewusstsein des Gefesselten ist also das Resultat
einer bewussten Täuschung durch den Manipulator. Er hat eine ausgetüftelte
Methode gefühlsstimulierender Techniken entwickelt, die ihm Zugang zur
Seele seines Opfers schafft. Er weiß genau, dass nicht durch das
„wahrhaftig Gute und Schöne“ gefesselt werden muss, sondern durch die
„Illusion“ vom Guten und vom Schönen: „Es ist nicht so, wie man sagt, dass
die Kraft der Fessel eher von einem Guten herkommt, als dass vielmehr die
Meinung, man habe etwas Gutes vor sich, fesselt.“ (42) Das gilt nach Bruno
selbst für rationale und ethische Gründe. So wird der vernünftige und
sittliche Mensch durch vernünftige und sittliche Argumente und Gründe des
Magiers manipuliert, ohne dass dieser damit vernünftige und sittliche
Absichten und Endziele damit verfolgen muss.
Sowohl durch unsere Bequemlichkeit als auch durch unsere Gier
können wir an den Manipulator gekettet werden. Einen Ängstlichen fesselt
man am besten dadurch, dass man ihm verbietet, zu kämpfen, einem Gottlosen,
bringt man davon ab, die Götter zu ehren und einen „Unmenschlichen“ fordert
man dazu auf, „seinen eigenen Annehmlichkeiten zu dienen.“ (43) Der Manipulator
schmeichelt den Neigungen des zu Fesselnden. Deswegen gilt der Satz: „Der
umsichtige Schmeichler fesselt mehr als der wahre Freund.“ (44) Der
Manipulator bindet ebenfalls dadurch, dass er den Leuten das Blaue vom
Himmel verspricht und ihre Besitzgier anstachelt, denn das, was wir nicht
haben, „das lieben wir um so heißer.“ (45) Spricht der Magier eine Masse
von Menschen an, dann muss er die Illusion schaffen, dass jeder seine
ureigenen Interessen befriedigt sieht.
Joan P. Culianu oder die Magie in der
Moderne
Brunos Überlegungen zur phantasmatischen Magie sind auch in unserem
„Zeitalter der Aufklärung“ nicht überholt. Überzeugend weist Joan P.
Culianu darauf hin, dass sich das magische Weltbild vergangener
Jahrhunderte in den Techniken hochmoderner Bewusstseinsmanipulation neu
artikuliert. Bruno, so Culianu, sah in der Magie die Fesselung und
Manipulation erotischer Affekte mit dem Ziel der Beherrschung und
Machtausübung. Zu diesem Zweck verschafft sich der „Manipulator“ einen
Zugang zur Phantasie seiner Opfer und versucht in deren Imagination
nachhaltige Impressionen (Bilder) einzupflanzen. Die Magie im Sinne Brunos
ist nach den Worten Culianus „eine Beherrschungsmethode des Einzelnen und
der Massen, die auf einer vertieften Einsicht in die persönlichen und
kollektiven erotischen Triebe gründet. Man kann darin nicht nur den fernen
Ahnherrn der Psychoanalyse erkennen, sondern auch vor allem den der
angewandten Psychosoziologie und der Massenpsychologie.“ (46)
Insbesondere nähert sich nach Culianu die moderne Welt der
Massenmedien mit ihrer Bilderinflation mehr und mehr der phantasmatischen
Welt der Renaissance an. Beide Kulturen seien in ein manipulierbares
„erotisches Network“ eingewoben: „Und da die Beziehungen zwischen den
Individuen nach - im weitesten Sinne dieses Beiwortes - 'erotischen' Kriterien geregelt sind,
ist die menschliche Gesellschaft auf allen ihren Ebenen nichts als wirkende
Magie. Selbst ohne sich dessen bewusst zu sein, nimmt jedes Lebewesen, das
wegen der Beschaffenheit der Welt in ein intersubjektives Netz einbezogen
wird, an einem magischen Vorgang teil. Da er diesen Mechanismus als Ganzes
verstanden hat, ist der Operator der Einzige, der zunächst als Beobachter
der intersubjektiven Beziehungen auftritt und gleichzeitig die Erkenntnis
gewinnt, die er sich dann nutzbar zu machen weiß.“ (47)
Das „Zeitalter der Magie“ habe sich nur „versteckt“ und liege heute
in den Händen von Public-Relation-Managern, Propaganda-Ministerien,
Markt-Strategen, Werbefachleuten, Filmemachern, Informatikern,
Meinungsforschern, Politikern, Wahlmanagern, Zensoren. Es äußere sich durch
Gegen- und Falschinformation, durch Zensur und Spionage. Soziologen,
Psychologen, Parteiberater arbeiteten ständig daran, Techniken der
Bewusstseinsbeherrschung durch das Auswerfen eines phantasmatischen
(erotischen) Netzwerkes effektiver zu gestalten. So habe die Manipulation
des Phantasma mehr und mehr entpersönlicht und eine technische und
transpersonelle Struktur angenommen, sie folge aber dennoch den Grundzügen
des Bruno’schen Manipulators, denn Phantasie und Eros bleiben weiterhin der
Stoff (pneuma) der im Einzelnen
von der Manipulation geformt wird. Überhaupt sei die moderne Technik und
die mit ihr verbundenen, realen (!) „Phantasmen“ (durch die Luft fliegen, Licht hervorbringen,
überweite Strecken miteinander Sekunden schnell in Kommunikation treten
lassen, ein Speichergedächtnis zur Verfügung zu haben usw.) mit den
magischen (damals irrealen) Phantasmen des 16. Jahrhunderts geradezu
kongruent, aber bei weitem effektiver, da sie sich materialisieren ließen. In der modernen
Science-Fiction Literatur ist die Kombination von Hypertechnik und Magie
zudem ein Standardthema.
Bruno hatte behauptet. dass der Manipulator durch das Auge in das
Bewusstsein und Unterbewusstsein des Manipulierten eindringt, die Augen
sind das Tor, durch das sich die „Verzauberung“ den Zugang zu den Menschen
verschafft. Heute gilt das für das Fernsehen und Kino. Die Bilder in den
Medien können alle Affekte hervorrufen: Liebe, Hass, Lachen, Trauer, Mitleid,
Verabscheuung, Verzweiflung, Freude. Sie stimulieren bestimmte Stimmungen
der Seele und des Geistes und affizieren das ganze Wesen eines Menschen,
ohne dass dies wirklich bewusst wird. Es gibt nach Bruno auch „sehr
schlechte Eindrücke“, die in „die Seele und in den Körper durch die Augen“ hineingetragen werden,
„aber nicht auf so offenkundige Weise, eher durch etwas, was wir nicht
beurteilen können.“ (48) Oft sind es unbedeutende Objekte und Gesten,
welche bei dem zu Fesselnden starke Bindungen bewirken.
Nach Bruno kann der Magier das Phantasma ebenfalls durch das
Herbeizitieren „machtvoller unsichtbarer Wesenheiten, Dämonen und Heroen“
auslösen. Diese von ihm evozierten und befohlenen Geister brauchen „weder
Ohren noch eine Stimme noch Flüstern, sondern sie dringen in den inneren
Sinn [der Liebenden], wie beschrieben, ein. So geben sie nicht nur Träume
ein und bewirken, dass Stimmen vernommen werden und alles Mögliche gesehen
wird, sondern auch dem Wachenden drängen sie bestimmte Gedanken als Wahrheit
auf, die sie kaum als von einem anderen stammend erkennen.“ (49) So meinen
auch in diesem Fall die Liebenden fälschlicherweise aus eigenen Motiven zu
handeln, während sie in Wahrheit magisch gesteuert und kontrolliert sind.
Selbst wenn wir heute nicht mehr an solche magische Evokations-Praktiken
glauben, können wir das Phantasma, das durch Filme ausgelöst wird, durchaus
als ein „Herbeizitieren“ von Dämonen und Heroen bezeichnen. Die
unsichtbaren Wesenheiten Brunos sind somit sichtbar geworden.
„Der Köder
muss dem Fisch schmecken,
nicht dem Angler“ – kaum ein Satz
kann anschaulicher die Manipulation im Bruno’schen Sinne beschreiben, wie
dieser Spruch des ehemaligen Geschäftsführers des deutschen
Privatsenders RTL, Helmut
Thoma. Erinnern wir uns daran zurück, dass
Marsilio Ficino in seiner Theorie des Eros neben der Vokabel „Netz“ auch
das Wort „Köder“ (esca) benutzte,
um die Fangkraft der Liebe zu bezeichnen. Unter „Köder“ versteht Thoma das
Programm des RTL, unter „Fisch“ das Fernsehpublikum und unter „Angler“ den
Sender bzw. all diejenigen, die von dem Sender profitieren. Wie der Magier
in Brunos erotischer Fesseltheorie, so darf sich der Angler (der
Fernsehmacher) an dem Köder (dem Programm), mit dem er die Gefühle des
Publikums „erotisiert“, nicht selber „ergötzen“. Er muss cool und
unbeteiligt bleiben. Das Resultat ist, dass der Zuschauer am Ende gefangen
und dann „gefressen“, d. h. als freies Individuum vernichtet wird.
Ein Vergleich mit der modernen Massenpsychologie
Auch wenn Brunos Theorie von den fesselnden Kräften des Eros als
eine Grundlage dienen mag, die moderne Mediengesellschaft zu verstehen, so
evoziert sie weit mehr das keineswegs überholte Phänomen, wenn sich die
„operative Magie der Medien“ mit dem Charisma einer Führerpersönlichkeit in
ShowBiz, Politik oder Religion verbindet. Diese Kombination wurde
strukturell in den großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts mithilfe einer
gigantischen Propagandamaschinerie vorbereit. In diesen Fällen kam jedoch
der starke Einfluss einer politischen Ideologie hinzu (Faschismus,
Nationalsozialismus, Kommunismus). Dagegen stehen ideologische Erwägungen
bei modernen politischen „Führern“ immer weniger im Vordergrund. Es ist
besonders die von den Medien wirksam präsentierte Person, die von den
Massen geliebt wird. Das hat dazu geführt, dass Politiker, Präsidenten und
Päpste genauso effektive Medienplayer geworden sind wie Filmschauspieler.
Bruno würde sagen, sie sind „Herren des Phantasma“ und werden deswegen
geliebt.
Es liegt nahe, die Überlegungen Brunos mit den modernen Theorien
der Massenpsychologie zu vergleichen. Dabei fällt sofort auf, dass die
klassischen Autoren zu diesem Thema wie Gustave Le Bon (50), Sigmund Freud
(51), Wilhelm Reich (52), Ortega y Gasset (53) und Elias Canetti (54) an
erster Stelle die Massen und die Interdependenzen der Menschen in der Masse
untersuchen. Einig sind sich alle
darin, dass die Masse keine Menge darstellt, nicht die Summe der Einzelnen
ist, sondern ein umfassendes Ganzes. Le Bon spricht von einer
„Gemeinschaftsseele“ der Masse, Freud von einem „provisorischen Wesen“,
welches aus heterogenen Elementen bestehe, die sich für einen Augenblick
miteinander verbunden haben. Das Individuum verschwindet in der Masse, es
gibt seine Persönlichkeit (sein Ich) auf und ist deswegen leicht
beeinflussbar. „Die Hauptmerkmale des Einzelnen in der Masse sind also:
Schwinden der bewussten Persönlichkeit, Vorherrschaft des unbewussten
Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und
Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung zur unverzüglichen
Verwirklichung der eingeflößten Ideen. Der einzelne ist nicht mehr er
selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr
in der Gewalt hat.“ – schreibt Le Bon. (55)
Hier zeigt sich schon ein Unterschied zu Bruno. Bruno
betont die Macht des Manipulators und die Hingabe, d. h. letztlich die
Ohnmacht des Liebenden, des Manipulierten, auch wenn dieser zuerst als
Individuum zu handeln glaubt. Der Renaissancephilosoph stellt keinesfalls
auf die „Verschmelzung“ der Mitglieder einer Masse untereinander ab,
sondern auf die Verschmelzung jedes einzelnen mit dem Manipulator. Der
Liebende möchte nicht mit allen anderen Individuen einer Masse zur Einheit
werden, sondern er schenkt ausschließlich seine Individualität dem
Geliebten. Mehr noch, er fühlt sich direkt von dem Manipulator
angesprochen. Zwar geht Bruno ebenso wie Freud und die anderen
Massenpsychologen von einem Persönlichkeitsschwund aus, aber bei ihm
schwindet die Persönlichkeit nicht in der Masse, sondern im Manipulator, im
geliebten Führer. Das Pneuma des Liebenden fließt direkt zu ihm. Das
„Ich“ will sich im Führer auflösen. Es will „erlöst“ werden. Der Führer ist
deswegen ein Erlöser, ein Messias. (56)
Über die psychologische Konstitution und
die Psychotechniken des Führers erfahren wir bei den erwähnten Autoren nur
wenig und Ungenaues. Le Bon spricht von „Suggestion“, mit der auf die
Massen eingewirkt wird. In einem Satz kommt er dem Magier-Manipulator Brunos
sehr nahe, wenn er schreibt: „Der Nimbus ist in Wahrheit eine Art Zauber,
den eine Persönlichkeit, ein Werk oder eine Idee auf uns ausübt. Diese
Bezauberung lähmt alle unsere kritischen Fähigkeiten und erfüllt unsere
Seele mit Staunen und Ehrfurcht. [...] Der Nimbus ist der mächtige Quell
aller Herrschaft. Götter, Könige und Frauen hätten ohne ihn niemals
herrschen können.“ (57) Freud orientiert sich an dem Begriff „Hypnose“.
Auch hier zeigen sich Parallelen zu Brunos Begriff von der libidinösen Magie,
aber als ein Mann der Ratio schreckt der Begründer der Psychoanalyse vor
der eigenen Erkenntnis zurück: „Die Hypnose würde uns das Rätsel der
libidinösen Konstitution einer Masse glatt lösen, wenn sie selbst nicht
noch Züge enthielte, die sich der bisherigen rationellen Aufklärung [...]
entziehen.“ (58)
Mit dem Libido-Begriff im allgemeinen und
dessen Heranziehen zur Erklärung der Massenpsyche im Besonderen nähert sich
Freud ebenfalls Brunos pneumatischer Interpretation des Eros. Doch Wilhelm
Reich tut dies noch viel mehr. Für ihn ist die Libido nicht nur ein
Prinzip, das bestimmte Gefühlsaffekte zwischen Personen beschreibt. Liebe
und Eros gelten ihm als der Ausdruck einer universellen Energie, die den
gesamten Kosmos durchströmt und die er als „Orgonenergie“ bezeichnet. Sie
erhält in der Sexualität ihre höchste menschliche Verdichtung. „Freuds
‚Libido’ ist und kann nichts anderes sein als die Energie des
Sexualtriebes.“ – schreibt Reich. (59) Er war davon überzeugt, so etwas wie
eine feinstoffliche Substanz, das Orgon, entdeckt zu haben, die von den
Menschen als natürliche Liebesfähigkeit erfahren wird. Das ist der
Pneuma-Theorie der Stoiker und der Renaissancephilosophen doch sehr
ähnlich, auch wenn diese nicht – wie Reich – den Sexualtrieb, bzw. den Orgasmus
als die höchste Verdichtung des Eros ansehen. „Die seelische Gesundheit
hängt von der orgastischen Potenz ab, das heißt vom Ausmaß der Hingabe- und
Erlebnisfähigkeit am Höhepunkt der sexuellen Erregung im natürlichen
Geschlechtsakt.“ (60)
Aber da der Liebestrieb, bzw. die
„orgastische Potenz“, bei Reich etwas Authentisches und sehr Persönliches
darstellt, kann er überhaupt nicht manipuliert werden. Deswegen ist in der
Beziehung der Massenindividuen untereinander eben keine Form der Liebe
wirksam, sondern das gerade Gegenteil, der Verlust von Liebe, die
Unterdrückung von Eros und Sexus. Massenmenschen, die sich dem Faschismus
anschließen, leiden nach Reich an einer „emotionalen Panzerung“, durch die
sie die natürliche Liebe und deren Ausleben in sich zurückdrängen. Es kommt
dann zu Anstauungen „bioenergetischer Energie“, die sich in gewalttätigen
und destruktiven Entladungen Luft schaffen und „zu Quellen irrationaler
Handlungen werden.“ (61) Erst die wachsende innere Spannung der erotisch
und sexuell Unerfüllten und die plötzliche Freisetzung dieser Blockierung
schaffen für einen Führer die Bedingungen, die Massen in seinem Sinne zu
beeinflussen. Er kann nur Erfolg haben, „wenn seine persönliche Anschauung,
seine Ideologie und sein Programm an die durchschnittliche Struktur einer
breiten Schicht von Massenindividuen anklingt.“ (62) Für Le Bon, für Freud
und für Reich gehen somit die Massen dem Führer voraus. Nach Brunos Theorie
dagegen ist es der Führer, der die Massen sozusagen als eine Armee der Liebenden
geradezu hervorbringt und dann an sich fesselt. (63)
Vergleich mit
tantrischen Lehren
Im Gegensatz zu Wilhelm Reich empfehlen
die Sexuallehren verschiedener asiatischer Religionen, den Orgasmus nicht
auszuleben, sondern nach innen zurückzuziehen. Ein solche Doktrin gibt es
im indischen und tibetischen Tantrismus (Vajrayana) ebenso wie im
chinesischen Taoismus. Die Zurückhaltung des Spermas beim coitus
reservatus soll langes Leben und ebenso spirituellen wie weltlichen
Machtzuwachs bewirken.
Nun zeigen zwei Sätze Giordano Brunos über den „Eros als Fessel“
eine bemerkenswerte Übereinstimmung zu einer solchen Praxis. Bruno sagt:
„Durch das Ausstoßen des Samens werden die Fesseln gelockert, durch die
Zurückhaltung gestrafft.“ (64) Und an anderer Stelle heißt es: „Wenn dieser [der Samen] seinem Teil
entsprechend ausgestoßen wird, geht daher in einem Verhältnis dazu die
Kraft der Fessel zugrunde.“ (65) Diese Aussagen und noch einige ähnliche veranlassten Culianu zu
einem Vergleich mit den oben erwähnten östlichen Sexuallehren: „Einige
Stellen von de vinculis sind besonders interessant, denn sie
scheinen darauf hinzuweisen, dass die Praxis des coitus reservatus
der Bruno’schen Magie nicht fremd ist. Nun ist bekannt, dass diese Praxis
den chinesischen Taoisten und den tantrischen Yogins in Indien und Tibet
eigentümlich war. Es wäre überraschend zu entdecken, dass sie auch im
Abendland nicht unbekannt war.“ (66)
Dass
Culianu auf diese Übereinstimmung aufmerksam macht, ist kein Zufall. Am
Institut für Religionsgeschichte der Divinity School der Universität
Chikago, wo der Wissenschaftler lehrte, war die Spermagnosis der
asiatischen Glaubensrichtungen ein bekanntes Thema. Der damalige berühmte
Institutsleiter Mircea Eliade geht ausführlich in seinem Buch Yoga. Unsterblichkeit
und Freiheit darauf ein. (67) Aber noch mehr widmete sich dessen
Nachfolgerin Wendy Doniger O’Flaherty dem Sujet. Die von vielen
konservativen Kollegen kritisierte Professorin, die von einem
frauenkritischen Ansatz schreibt, macht die kulturgeschichtliche Bedeutung
der Sperma-Retention in den indischen Religionen zu einem ihrer
Hauptforschungsgebiete. Sie zeigt an Beispielen aus den Veden, den
Upanishaden, dem Buddhismus, dem Hinduismus und dem Lamaismus, dass für
alle diese Richtungen ein Gesetz gilt: das Ausströmen des Spermas bedeutet
Schwächung und Tod, die Zurückhaltung des Spermas dagegen bedeutet
Langlebigkeit , Männlichkeit und Macht. (68) Der Samen wird durch
Yoga-Techniken nach innen gelenkt, und steigt dann durch die einzelnen Chakren
(Energiezentren des Körpers) hindurch bis in den Kopf, wo er den
Erleuchtungsgeist freisetzt. Statt ejakuliert wird „injakuliert“. (69) Auch
der XIV. Dalai Lama beschreibt eine solche Praxis in den auch von ihm
durchgeführten tantrischen Ritualen: „Das Sexualorgan wird zwar benutzt,
aber der Fluss der Energie wird völlig beherrscht. Die Energie sollte sich
niemals entladen. Sie muss kontrolliert und schließlich in andere Teile des
Körpers zurückgeführt werden. Tantra-Praktizierende müssen die Fähigkeit entwickeln,
ihre Anlagen zur Glückseligkeit und die Glückserfahrungen, die durch das
Strömen der regenerativen Kräfte in den eigenen Energiekanälen
hervorgerufen werden, zu nutzen. Entscheidend ist die Fähigkeit, sich vor
dem Fehler des Samenergusses zu hüten. Da es sich nicht um einen
gewöhnlichen Sexualakt handelt, kann man die Verbindung zur Enthaltsamkeit
herstellen.“ (70)
Genau diese Fähigkeit, Enthaltsamkeit und Sexualtrieb miteinander
zu verbinden, kennzeichnet nach Bruno eine Charaktereigenschaft des
Manipulators. In De Magia („Über Magie“) zählt er die drei
unbedingten „Tugenden“ eines erfolgreichen Magiers auf: „Keuschheit,
Reinigung und Abstinenz“. (71) Aber das reicht nicht: Ebenso wie der
Tantriker muss der Manipulator dieselben Affekte und Triebe in sich
entwickeln, „wie diejenigen, die er in seinem Opfer zu erwecken gedenkt,
aber er muss gleichwohl darauf achten, dass die eigenen Phantasmen nicht
von ihm Besitz ergreifen, und auch darauf, nie zu der Befriedigung des
Begehrens gelangen zu wollen, denn andernfalls löst sich die Macht der
Fessel auf.“ (72)
Dass Brunos „Operator“ wie ein Tantriker mit dem physischen Sperma
experimentiert ist jedoch nicht notwendigerweise auf einen östlichen
Einfluss zurückzuführen. Bruno kann sich dabei auf Vorstellungen des
Aristoteles berufen, nach denen sich das Pneuma (die erotische Substanz) im männlichen Samen verdichten
und dann zur Erhaltung der Art beitragen soll. Durch das Zurückhalten des
Spermas wird wertvolles Pneuma und damit Lebenskraft im Körper gesammelt.
Joan P. Culianu verweist auch auf
vergleichbare Traditionen in der europäischen Alchemie. Als Beispiel
zitiert er den Alchemisten Franciscus Mercurius von Helmont (1614-98), der
unter anderem davon überzeugt war, der zurückgehaltene Samen könne in
rhetorische Fertigkeiten umgesetzt werden, er werde dann in der Form einer
Rede ausgestoßen. (73)
Es gibt noch eine weitere
Parallele zum Tantrismus. Bruno betont, dass der Manipulator zuerst seine
Phantasmen entwickeln muss, „um sie dann zielsicher auf den
phantasmatischen Apparat seine Opfers übertragen zu können.“ (74) Trotz strikter Abstinenz soll er
wollüstige Bilder hervorbringen, deren Zweck jedoch nicht in der
Selbstbefriedigung besteht, sondern die Bilder sollen die Imagination des
zu manipulierenden Subjekts beeinflussen..(75) Vorstellungen erotischer und
sexueller Phantasmen spielen in den tantrischen Ritualen eine wichtige
Rolle und der männliche Tantriker darf, ebenso wie der Manipulator, nicht
die Kontrolle darüber verlieren. Es
ist ihm untersagt, sich den von ihm produzierten Bildern selber hinzugeben;
er bleibt nie „verhaftet“, wie es
die Buddhisten ausdrücken. In dem Buch Der Schatten des Dalai Lama –
Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus (1999) sind wir
ausführlich auf die Beziehung von Machtambitionen und tantrischen
Sexualpraktiken eingegangen. Andererseits spielt das Phänomen der
Samenretention auch in den monotheistischen Religionen eine Rolle,
insbesondere wenn sie das Zölibat als Doktrin aufweisen.
Bruno und Machiavelli
Es liegt ebenfalls nahe, Brunos „psychologische Manipulation“
seiner Fesselmagie mit dem ungefähr achtzig Jahre (1513) vorher erschienen
machtpolitischen Brevier zu vergleichen, das Niccolo Machiavelli (1469 –
1571) in seinem berühmten Büchlein Der
Fürst aufgeschrieben hatte. „Wie blass und lachhaft“, meint Culianu,
„nimmt sich heutzutage die Gestalt des machiavellischen Abenteurers und
Fürsten gegen die des Psychologen und Magiers bei Bruno aus.“ (76) Die
Figur des politischen Hasardeurs sei im Schwinden begriffen und heute erst
entfalte sich Brunos Psychologie der Manipulation durch die große Bedeutung
der Massenmedien und ihre globale Vernetzung.
Brunos Schrift über die Manipulation der Liebe ist wie Machiavellis
Fürst völlig frei von irgendwelchen
moralischen oder humanitären Skrupeln. Ihn interessiert die menschliche
Würde recht wenig. „Das einzige Recht, das er ins Auge fasst, kommt weder
Gott noch den Menschen, sondern nur dem Manipulator selbst zu.“ - schreibt Culianu. (77) Gemäß dem A-Moralismus
des Renaissance-Menschen ist es für Bruno kein Problem, ob die Fessel einem
schönen, guten oder einem hässlichen oder schlechten Zweck dient. Sie ist
eine Bewusstseinstechnik jenseits von Gut und Böse: „Daher gibt es mehrere
Gattungen von Fesseln als nur die, die vom Schönen ausgehen. Vielmehr gibt
es auch mehrere die vom Bösen und Gewalttätigen ausgehen, die das Prinzip
der Verbrechens sind.“.(78) Da die „Fessel“ nicht auf dem Konsensus zweier
Liebenden beruht, welche sich gegenseitig fesseln, sondern da sie durch
Täuschung des Gefesselten durchgeführt wird, bezeichnet er sie korrekt als
„Raub“ (raptus) der Seele: „Der
Fesselnde vereinigt keine Seele mit sich, es sei denn er raubt sie. Er
raubt sie nicht, wenn er sie nicht mit sich verbunden hat.“ (79)
Dennoch zieht Culianu den modernen „Magierstaat“, dem modernen
„Polizeistaat“ vor. Beide unterdrücken zwar die menschliche Freiheit aber
der Polizeistaat unterdrückt zudem noch die „Illusion der Freiheit“ und
verwandelt sich dabei in ein Gefängnis, in dem jegliche Hoffnung verloren
ist. „Zu viel Subtilität und zuviel Geschmeidigkeit sind die Hauptmängel
des Magier-Staates, der entarten und zu einem Zauberer-Staat werden kann;
ein völliger Mangel an Subtilität und Geschmeidigkeit ist der Hauptfehler
des Polizeistaates, der zu einem Kerkerstaat entartet ist.“ (80)
Der gleichwertige Eros entgeht der Manipulation
Für Bruno ist die Liebe (das erotische Pneuma) im weitesten Sinne
der „Lebenssaft“, der die Errichtung und Aufrecherhaltung von
Machtinstitutionen mit einer charismatischen Person an der Spitze erst
ermöglicht. Er nimmt damit Freuds These vorweg, der auf die „Libido“ als
die Bindeenergie (man könnte auch sagen „Fessel“) hinweist, die große
Institutionen wie die Kirche und die Armee zusammenschweißt. Freud
spricht in diesem Kontext von „künstlichen Massen“. Dort spiele die
„Illusion“, dass die Leitfigur der jeweiligen Institution ihre Libido
vorgeblich auf jeden einzelnen ausrichte, eine bestimmende Rolle. In den
christlichen Kirchen werde zum Beispiel suggeriert, jedes einzelne
Individuum werde von Christus beziehungsweise seinen Vertretern auf Erden
geliebt. „Ähnliches gilt für das Heer; der Feldherr ist der Vater, der alle
seine Soldaten gleich liebt.“ (81) Auch für Bruno ist die
institutionalisierte Religion ein
„mächtiges Instrument der Massenmanipulation“ sei. (82)
In den monotheistischen
Religionen wird immer wieder hervorgehoben, dass Gott die Menschen liebt,
dass also die „wahre“ Liebe zwischen Mensch und Gott auf Gegenseitigkeit
beruht. Für Bruno dagegen ist „Gott“ der Große Manipulator, der durch die
Illusion, er liebe die Menschen, diese an sich und an seine Priester
bindet. Jedenfalls gilt, dass die Liebe,
so stark sie auch sein mag, manipulierbar ist, wenn sie einseitig bleibt
und nicht erwidert wird. Ja - je stärker sie ist, umso leichter kann sie
(durch den „Geliebten“. d. h. den „Operator“) für Machtzwecke benutzt oder
„missbraucht“ werden.
Die „wahre“ Liebe
dagegen ist keine Subjekt-Objekt-Beziehung, sondern eine Beziehung zwischen
zwei Subjekten. Grundsätzlich fordert der Eros die Anerkennung des
Anderen, des oder der Geliebten als „Subjekt“. Der Andere kann deswegen
nicht ein „Objekt“ der Begierde, der Vereinnahmung oder des
Machtmissbrauchs sein, er „wird auf dem Weg der Sympathie, als ein anderes
Ich-selbst, als das alter ego erkannt.“ (Emmanuel Levinas).(83) Octavio Paz
definiert die Liebe zwischen zwei Menschen als die „mysteriöse starke Zuneigung
zu einem einzigen Menschen, das heißt Verwandlung des ‚erotischen Objekts’
in ein freies und einzigartiges Subjekt.“ (84) Deswegen findet die
gegenseitige Liebe auch nicht ihren Höhepunkt im „Verschmelzen“ der
Liebenden, sondern sie hält ihre Polarität (Dualität) und den Respekt des
Anderen aufrecht, ja schützt sie als ein höchstes Gut. „Die
Leidenschaftlichkeit der Liebe besteht jedoch in einer unüberwindlichen
Dualität des Seienden. [...] Das Verhältnis neutralisiert nicht ipso facto
die Andersheit, sondern bewahrt sie. Die Leidenschaftlichkeit der Wollust
besteht darin, zu zweit zu sein.“ (Emmanuel Levinas) (85) Liebe bedeutet
deswegen nicht die Aufgabe jeder Kritikfähigkeit, die das Verhältnis des
Liebenden zum Manipulator kennzeichnet.
Fußnoten:
(15) Culianu sieht in diesem Renaissancedokument
schon die theoretischen Grundlagen ausformuliert, die Ende 19. und Anfang
des 20. Jahrhundert von Gustave Le Bon (Psychologie der Massen -
1895) und von Sigmund Freud (Massenpsychologie und Ich-Analyse – 1921)
weiterentwickelt wurden.
(68) Wendy Doniger O’Flaherty – Women,
Androgynes and Other Mythical Beasts – Chicago 1980, unter anderem die
Seiten: 30, 31, 44-47, 269 – 272; In: Ŝiva - The Erotic Ascetic
– Oxford u. a. 1981, 261 – 277;
siehe auch: Mircea Eliade - Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit – Frankfurt
1985, 254
(83)
Emmanuel Lévinas – Die Zeit und der
Andere – Hamburg 2003, 55
(85)Emmanuel
Lévinas – Die Zeit und der Andere
– Hamburg 2003, 57
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