BUDDHISMUSDEBATTE

Kritische Auseinandersetzung mit dem Buddhismus

 

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BUDDHISMUSDEBATTE

Tantrismus, Sexualität und politische Macht


Zu diesem Thema siehe auch unser Interview in der Zeitschrift YABUM - Berechtigte Zweifel. Günther Nennings unten abgedruckte Rezension unseres Buches Der Schatten des Dalai Lama ist dieselbe, die am 22. März 1999 in der Wiener PRESSE erschien.

Günther Nenning - BUDDHAS FREUDENHAUS

Günter Nenning und der tantrische Buddhismus - Eine Rezension seines Buches "Buddha, Jesus und der Rest der Welt" (PATTLOCH VERLAG - 1999)

Buddha ist in - Christus ist out

Die neue Globalreligion ist tantrisch-buddhistisch!

Kurzbesuch in Allahs Freudenhaus

Der Dalai Lama als der Papst des neuen Milleniums

Günther Nenning (geb. 1921) ist ein bekannter Wiener Publizist. Politisch nennt er sich "rot, grün und halbschwarz". In seinem vorletzten Buch "Gott ist verrückt" entwirft er eine Theologia sexualis, ein sexualfreudiges Christentum; in dem hier besprochenen Text "Buddha, Jesus und der Rest der Welt" (1999) überträgt er seine Sexualtheologie auf den Buddhismus.

Dadurch, daß sich der Autor in seinem Werk explizit "zur Wirrheit als Methode" bekennt ("Das Wohlgeordnete ist bloßer Schein, die mir mögliche Wahrheit ist fragmentarisch" - 217), hat er sich von vorneherein einen Freibrief ausgestellt, alles - wie ungereimt dies auch sein mag - zu sagen, sich ohne Hemmungen zu widersprechen und in der Tat "wirres Zeug" von sich zu geben. Dazu kommt noch, dass er partout witzig sein will. Das erleichtert unsere Aufgabe als Rezensenten nicht, zumal in diesem Buch ein bedeutendes Thema angesprochen wird, denn es geht Nenning um nichts Geringeres als um die Globalisierung der Religionen und um die Verbindung von Religion und Sinnlichkeit. Beides sind Königsthemen der kommenden Kulturdebatte im nächsten Jahrhundert und man sollte sich eigentlich darüber freuen, dass ein Autor wie Günther Nenning den Mut gezeigt hat, dieses schwierige Territorium zu betreten. Was aber dabei herausgekommen ist, muß als eine "wirre" Wiener Operette mit Buddha und Christus als Hauptdarstellern und zahlreichen lustigen Madel'n in den Nebenrollen bezeichnet werden.

Trotz der "Wirrheit als Methode" lässt sich Nennings Vision auf einen simplen Syllogismus reduzieren, der folgendermaßen lautet: Die Weisheiten des Buddhismus sind umfassend, die Lehren des Christentum sind begrenzt, also eignet sich der Buddhismus mehr zu einer Globalisierung der Religion als das Christentum. Con variatione durchzieht dieser Dreiklang die gesamte Nenning'sche Operette und erklingt zum Beispiel an anderer Stelle folgendermaßen: Buddhisten sind sexualfreundlich, Christen sind sexualfeindlich, also ist der Buddhismus die Grundlage für eine globale "Theologia sexualis". Überhaupt ist die Lust im vermeintlich sexualfreundlichen tantrischen Buddhismus das Hauptsujet in diesem Oeuvre und taucht in fast allen Akten auf, in denen Nenning seine beiden Religionsgründer auf die Bühne bringt. Wir werden uns deswegen auch auf dieses Zentralthema bei unserer Rezension konzentrieren. Aussagen, welche den Buddhismus als eine Nachfolgeorganisation der sozialdemokratischen Partei ("Der Mahayana Buddhismus ist heiliger Sozialismus" - 77) lassen wir außer Acht, weil sie auch bei Nenning eine Randerscheinung bilden, ihm, als dem "lachenden Ziegenbock" (84), geht es vor allem um die sexuellen Freuden im Himmel und auf Erden.

Buddha ist in - Christus ist out

Schon zu Beginn wartet Nenning mit einem Bekenntnis auf und offenbart sich dem Leser als tantrischer Lebemann: "Mein Herz gehört dem späteren, voll und reich entwickelten Buddhismus. In ihm ist der Buddha der All- und Ein- und Liebesgott. Er wohnt in den Schamlippen der Frauen. Er ist untrennbar von den auf seinem Schoß sitzenden und mit ihm sich vereinigenden Frauen. Er ist Gott, der Göttin ist." (8) Mit dieser Aussage hat das "ultimative Rennen" zwischen Buddha und Christus um den religiösen Worldcup begonnen. Wer ist der Champion?

"Wird der Globus im neuen Jahrtausend buddhistisch sein" - fragt Nenning -, "Hollywood-buddhistisch, echt buddhistisch? Buddha besiegt Jesus, Asien besiegt Europa?" (57) Auf die Plätze! Fertig! Los! "Das Christentum ist eine schöne Religion, aber unbequem. Der Buddhismus ist eine schöne Religion, aber bequemer. Der moderne Mensch will seine Bequemlichkeit. Also verliert Jesus, Buddha gewinnt. Vielleicht sind sie unterwegs zum Endspiel, blablabla. Na schön, Buddha schlägt Jesus, in der ersten Halbzeit steht es 1:0: das ist das Weltenrad, das sich dreht. Buddha gegen Jesus 0:1 wäre genauso das Weltenrad, das sich dreht." (59) Also ist noch nichts entschieden? Doch! - Nenning wartet das Rennen keineswegs ab, er hat schon Partei ergriffen, ja er weiß, dass sein Favorit derzeit nicht nur vorne liegt, sondern die Rallye gewinnen wird. "Jesus ist out, Buddha mega in. Der Westen fällt auf Buddha herein. [schreibt Nenning mit Begeisterung]. Wir zappeln in der Buddha Falle. Dem Westen fällt gar nix mehr ein. Er ist auf Import angewiesen. Buddha boomt." - heißt es auf S. 20 seines Buches.(20)

Der Buddhismus ist für Nenning die Mega Religion der Zukunft oder das Katholikon (das Allumffassende), welches alle anderen Religionen in sich integrieren kann: "Nicht der Buddhismus erwies sich als einschließbar ins Christentum, wo eine Ruhe-Religion durchaus ihren Platz finden könnte. Sondern das Christentum und überhaupt sämtliche Religionen erwiesen sich als einschließbar in den Buddhismus, der souverän unlogisch versichert: Wer immer welche Religion immer hat, er möge sie haben, sie tut ihm gut für den Weg zu Buddha, wenn einer eine/seine Religion mitbringt in den Buddhismus. Im Bauch des Buddhas hat alles Platz. Im Bauch des Jesus ausdrücklich nicht. Er erhebt Anspruch auf Ausschließlichkeit. Er hat keinen Bauch. - Wer gewinnt? .....Sagen wir: Buddha ... Das macht doch nichts. Wer gewinnt, interessiert weder Christus noch Buddha. Sie stehen drüber." (20)

Trotz dieses salomonischen Weisheitsspruchs bringt (der Antikapitalist) Nenning die beiden Religionsgründer weiterhin in eine scharfe Konkurrenz, wobei in fast allen Fällen Christus den Looser und Buddha den Winner spielt. Wir geben eine kleine Auswahl aus seiner religiösen Sportreportage: Buddha lacht - Jesus ist traurig: "Das Lächeln des Buddha und der Jammer im Auge Christi." (118) Im Buddhismus "geht es um die absolute Ruhe, nicht um die christliche Nervosität, zu einem persönlichen Gott zu gelangen." (64) "Buddha ist die Ruhe, Christen sind Leistungsfanatiker." (46) "Wir Christen sind Idioten, und Buddha ist ein großer Lehrer!" (10) "Die buddhistische Gelassenheit, an der fehlt es bei den Christen." (17) Buddhisten sind "großzügiger. Sie sind Weltbürger. Verglichen mit ihnen sind wir Christen Kleinbürger." (129) Wer will da noch Christ bleiben, denn: "Wenn mich Christen der Buddhismus frisst, gelange ich näher an die Vollkommenheit." (13)

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Buddhismus sowohl dogmatisch als auch historisch ist für Nenning ein Unthema. Dabei würde er ebenso viele Problemkreise entdecken wie in der Geschichte des Christentums und schon gar nicht würde er dort einen Buddhismus vorfinden wie ihn seine rege Männerphantasie ausmalt. Aber das macht nichts, es geht nicht um Inhalte, was für Nenning zählt ist ausschließlich die Überlebensfähigkeit eines religiösen Systems. Sie lässt die vergangenen Untaten vergessen. Das proklamiert der Autor schon für die katholische Kirche und tut dies ebenso für den Buddhismus: "Die Kirche ist zäh." - so Nenning - "Sie überlebt, mit ihren Verbrechen, Irrtümern, Fehlern. Ich finde das unglaublich, es ist ein Wunder und folglich doch glaublich." (58)

An einigen Stellen seines Buches erinnert er sich noch einmal an seine sozialdemokratische Vergangenheit, dort ist von gesellschaftlichem Engagement und Aufhebung der Weltenarmut die Rede, das hindert ihn aber nicht, der Kirche trotz ihrer Verbrechen seine Absolution zu erteilen, nur weil sie überlebt hat. Nicht einmal ein traditioneller Christ würde heute einen solchen Freibrief ausstellen und selbst der konservativer Papst (Johannes Paul II) hatte den Mut, sich für die Verfehlungen der Kirche in der Vergangenheit zu entschuldigen. Nenning ist von der Überlebensfähigkeit des Papsttums so überzeugt, dass er glaubt, dieses werde eher buddhistisch werden, als untergehen. Das ist in der Tat die Perspektive, auf die Nenning hinarbeitet, denn alles in der Lehre des Buddha ist besser als in der Lehre des Jesus Christus und die Kirchenväter erweisen sich bei näherer Hinsicht als verborgene Buddhisten.

Der Autor ist auch der Auffassung, daß die Tierliebe im Buddhismus weit mehr zuhause sei als im Christentum.(23) Er begründet dies damit, ein Mensch könne - nach buddhistischer Doktrin - auch als Tier wiedergeboren werden und ein Dackel könne sich (theoretisch) zu einem Buddha empor entwickeln (Nenning: "Waldi ist Buddha"). Auch diese Tierliebe ist, wie fast alles in der Nenning'schen Operette, ein Phantasiestück. Eine Inkarnation als Tier wird im Buddhismus, gleich welcher Schulrichtung, als etwas äußerst Niedriges und Bedauerliches angesehen und man stellt sich eine solche Wiedergeburt als sehr große Leidenssituation dar. Dagegen ist die Geburt als Mensch ein bedeutendes Privileg, denn nur ein Mensch kann die Einsicht gewinnen, den Erleuchtungsweg zu betreten. Eine Tierexistenz gilt als eine sehr schwierige Ausgangsposition und erst eine Wiedergeburt des Tieres als Mensch ist notwendig, um den Buddhapfad zu beschreiten. Vielleicht ist der buddhistische Vegetarismus etwas Tierfreundliches. Aber für die tantrischen Buddhisten (die Nenning so hoch schätzt) und für den gesamten tibetischen Buddhismus gilt dieses Gebot bis heute nicht. Verboten ist nicht der Genuss von Tierfleisch, sondern das Schlachten von Tieren. Dies üben in Tibet seit alters her die Moslems aus und verdienen gut dabei. Die Konsumenten sind die Buddhisten, allen voran die tibetischen Lamas. Die islamische Metzgerzunft wird heute immer wieder als ein Beispiel für die Toleranz im alten Tibet angeführt, welches beweisen soll, dass der Lamaismus auch andere Religionen neben sich geduldet habe.

Selbst die buddhistische Hölle, in der - wie Nenning selber schreibt - "gekreuzigt, gebraten, gepfählt, gepeitscht und mit Eisenhämmern der Schädel eingeschlagen wird." (130/131) gilt im Gegensatz zur christlichen Hölle als akzeptabel und wird als eine progressive Wohltat herausgestellt - nur weil sie nicht ewig zu erleiden ist. Wer die einschlägigen tibetischen Texte liest, der wird jedoch bald feststellen, dass Höllenstrafen von Millionen von Jahren die Norm und nicht die Ausnahme bilden.

Buddha schlüpft für Nenning in die Rolle des christlichen Gottes. Er wird zum Alleinherrscher: "Klar ist: in der Fülle und der Überfülle des Buddhismus gibt es eine fortschreitende Entfaltung der Buddha-Gestalt hin zum Ein- und Allgott der Liebe. Er ist Retter, Befreier, Heiland. Buddha wandelt sich vom menschlichen Lehrer der Weltflucht zum göttlichen Weltenherrscher. Der ADI BUDDHA ist der 'Buddha des Anfangs und Endes'. Er ist das Alpha und Omega: er hat verblüffende Züge des Gottes der Christen: allmächtig, allwissend und Schöpfer aller Dinge." (143) Wir werden noch sehen, dass der Autor - diesen theologischen Gedanken fortsetzend - uns den Dalai Lama als zukünftigen Papst präsentiert.

Aber im Grunde ist der Wiener gemütlich und will's mit koan'm verderben. Nenning möchte am liebsten der Hofnarr von allen Parteien (grün, schwarz, rot oder christlich, buddhistisch, islamisch) sein und seine "Verwirrung als Methode" hilft ihm bei diesem Anliegen. Bescheiden wiederholt er deswegen mehrmals in seinem Buch, nachdem er die Christen vorher als "Idioten" bezeichnet hat, den Satz. "Buddha interessiert mich nicht, damit ich Buddhist werde. Buddha interessiert mich, damit ich ein besserer Christ werde." (10) Oder: "Buddha ist Teil meiner christlichen Ausrüstung" (137) Good News für das Christentum? Nein doch Bad News - wer emsig im Buch sammelt, der kommt unweigerlich zum Schluss: Buddha ist doch der Champ! Er wird das Rennen im Globalisierungswettlauf gewinnen.

"Der Buddhismus ist" - so Nenning - "die am leichtesten globalisierbare Religion. Drum kommt sie auch gut voran. Hollywood wird Buddhawood. Der Rest des Globus folgt. Christentum ist zu kompliziert, zu anspruchsvoll. Meditieren gegen Stress - das ist brauchbar, das kriegen wir hin. Schöne Worte in orangenroten Gewändern." (19) Hat jetzt noch einer Zweifel wegen Nennings "verwirrten Methode"? Der folgende Satz auf Seite 20 formuliert das globale Kulturprogramm für das kommende Millennium so kristallklar, dass jeder Zweifel schwindet. "Was sich globalisiert ist nicht Jesus, sondern Buddha. Er steigt auf zum Herrn der Globalisierung. Der Dalai Lama ist der Bill Gates der religiösen Globalisierung" (20) Auf den Dalai Lama als dem künftigen Weltenpapst kommen wir alsbald zu sprechen, wir möchten aber zuerst die Motive kennen lernen, die Nenning zu einer solchen Apotheose des Buddhismus geführt haben.

Die neue Globalreligion ist tantrisch-buddhistisch!

Diese Motive liegen - wir meinen das natürlich humorvoll - unter der Gürtellinie, sie sind ausgesprochen sexueller Natur. Das wirklich Erfolgversprechende an Nennings Wiener Operette ist, dass es hier um etwas geht, was alle interessiert, um Sex - Sex und nochmals Sex. "Mein Buddha Buch ist ein sexuelles Buch. .... Buddha ist eine sexuelle Figur." (9) Der "Erhabene" erhält die Rolle eines Superstars mit unwiderstehlichem Sexappeal und seine Religion entfaltet sich in einem ewigen Freudenhaus: "Buddha wird im Mahayana und vor allem im Tantra zu einem Liebeshelden und Sexprotz [sic!]. Erektion und Meditation, Orgasmus und Erleuchtung werden schlicht gleichgesetzt." (191)

Es geht wild und heiß zu im Leben des Gautama Buddha. Aber pflegte der "Erhabene" nicht einen asketischen Lebensstil? Warum nicht - denn auch wenn ein Buddha hungert - so erfahren wir - ist er immer noch ein Heißsporn, denn die "moderne Wissenschaft" habe - so Nenning - nachgewiesen, dass Unterernährung nicht die sexuelle Lust bändigen könne. Deswegen gäbe es in den Hungerländern, trotz Eiweißmangels so viele Kinder. Also - "Als Buddha mitten im Extremfasten war überfiel ihn die Geschlechtslust", denn "Meditation ist Erektion." (177)

Schon fast vom Fasten erschöpft, erscheinen ihm drei Madln. Die erste reicht ihm (Wiener) Schlagobers und raunt ihm ins Ohr: "Rette mich mit deiner leidenschaftlichen Liebe! O großes Wesen, liebe mich fest und ausdauernd." (175/176) Dieses Milchmädel ist gelb. Schon erscheint das nächste und säuselt zum Hungerleider: "O Verkörperung der Lehre, liebe mich fließend!" (176) Dann tritt das rote Feuermädchen auf die Bühne, gefolgt vom grünen Luftmädchen und vom weißen Bergmädchen. Buddha vernascht sie alle fünf gleichzeitig und erreicht dadurch fünfmal den Vollendungszustand. (175/176) "In den Schamlippen der Frau, ja da genau, weilt der Buddha meditierend." - Eine Superszene in Nennings Operette, haarscharf an der Zensur vorbei.

Buddha wohnt auch - so erfahren wir - in den "Schamlippen der weiblichen Gottheit Naga". Vorsicht! Naga ist keine weibliche Gottheit sondern der Schlangengott (wie schon die männliche Sanskritendung des Wortes zeigt) - aber das macht wohl nichts im tantrischen Tohuwabohu des Wieners - Hauptsache es ist warm und feucht.

Ebenso wie der historische Buddha, so haben - nach Nenning - die Urtantriker, die Maha Siddhas, irre sexuelle Nummern anzubieten. Diese Rebellen verließen Ende des vorigen Jahrtausends die "großen durchorganisierten und dogmatisierten Klöster. Sie zogen in den Wald, oder an Plätze, wo man Leichen verbrannte, oder in Bordelle." (183) Toll oder nicht? Nenning vermeidet es höflich, den Hard Sex der Maha Siddhas zu schildern, der sich auf den Leichenplätzen abspielte. Das mutet selbst er seinen LeserInnen nicht mehr zu: Kakophagie, Nekrophilie, Kindsmissbrauch, Menschenfresserei - vielen perversen Freuden des Marquis de Sade können wir auch auf den tantrischen Friedhöfen begegnen. Selbstverständlich wird hier - gemäß dem Bodhisattva Gebot - der Hard Sex ohne Anhaftung und zum Wohle aller lebenden Wesen praktiziert - versteht sich. Holla! - Wenn das kein Paradies ist! Alles ist erlaubt, alles ist heilig!

Leider sind die tantrischen Szenarien, die Nenning uns in seiner heißen Operette aufführt, ein Produkt der Unwissenheit. Der Buddhismus ist von Beginn an ein frauenfeindliches und sexualfeindliches System. Davon macht auch der tantrische Spätbuddhismus keine Ausnahme. Zwar wird dort die Frau in der Tat erhöht und als Göttin angebetet. Aber dies gilt nur zur Zeit der sexualmagischen Riten, die mit den Gefährtinnen durchgeführt werden. Danach fällt die Sexualpartnerin zurück ins soziale Nichts und erleidet alle klassischen Unterdrückungsmechanismen einer patriarchalen Gesellschaft. Würde Nenning sich die Mühe machen, das tantrische Ritualwesen wirklich und gewissenhaft zu studieren (er zitiert ausschließlich einen Originaltext, das Guhyasamaja Tantra), dann würde er die extreme Frauenverachtung dieses Systems ohne weiteres feststellen. Er würde erkennen, dass im buddhistischen Tantrismus die Energie der Frauen und die Sexualität zwischen Mann und Frau schlechthin benutzt werden, um die weltliche und spirituelle Macht einer patriarchalen Mönchskaste zu stabilisieren und auszuweiten. Nur an einer einzigen Stelle lässt der Autor die androzentrische Motivation in den Tantras durchblicken und zwar durch ein Zitat von Edward Conze, dem berühmten Historiker des Mahayana Buddhismus: "Die Anbetung von Shaktis, weiblichen Gottheiten, mit denen die männlichen Gottheiten in der Umarmung der Liebesvereinigung verbunden sind und von denen die männlichen Gottheiten ihre Energie erhalten." (192) - Darum geht es, um nichts anderes als um die Absorption weiblicher Energie durch den Tantra Meister, welcher die männliche Gottheit simuliert. Der Tantrismus ist deswegen keine "sinnliche Ehrenrettung des Buddhismus" - wie Nenning schreibt - sondern genau das Gegenteil - er ist die höchste Form männlicher Askese und zutiefst frauenfeindlich. Prüde - da müssen wir dem Wiener zustimmen - ist er in der Tat nicht.

Aber ist es wirklich nur Unwissenheit, weshalb der Autor diese Techniken nicht erwähnt. Er hätte sich leicht durch die Lektüre anerkannter Tibetologen wie David Snellgrove Klarheit schaffen können, aber auch durch ein Studium des von ihm zitierten Edward Conze. Wir vermuten eher, dass der "lustige Theologe" Günther Nenning (ebenso wie die buddhistischen Tantra Meister) selbst gar nicht an einer erotischen Begegnung mit der Frau als einem autonomen und gleichwertigen Wesen interessiert ist, sondern ausschließlich an dem Ausleben seiner männlichen Sexphantasien. Er benutzt den Buddhismus (der sich kaum in seinen Schriften wiedererkennen dürfte) als philosophisches Feigenblatt hierzu.

Tantra heißt für Nenning: "Die sexuelle Leidenschaft befreit von dem, was Leiden schafft. Sie verstrickt nicht, sie löst. In der Glut der Vereinigung verbrennt alles Unwesentliche. Schluss und Knalleffekt der erotischen Ekstase ist die eintretenden Beruhigung und Befreiung. Orgasmus wird zur höchsten Form buddhistischer Gelassenheit." (177) - Auch das ist naiv: Ein Orgasmus findet, zumindest von männlicher Seite im tantrischen Buddhismus nicht statt. Es gibt ein striktes Gebot, dass der Praktikant sein Sperma nicht verliert. Sogenannte "Knalleffekte" dürfen auf keinen Fall auftreten. Der Sexualakt ist - per Dekret - niemals leidenschaftlich, sondern immer cool und berechnend. Es geht niemals um die "reine Lust" sondern um die Transformation von Lust in Macht, spirituelle und weltliche. "Ein grobes Missverständnis der Tantras besteht darin zu meinen" - schreibt der Münchner Theologe Michael v. Brück in seinem "Anti-Buch" zum 'Der Schatten des Dalai Lama', "dass sie eine subtile Form des egozentrischen Lustgewinns seien." (Brück 140) - Dies aber ist genau, was Nenning anstrebt.

Der Autor verrät uns sogar das intime Rezept, durch das er seine "Kundalini", seine "innere Schlangenkraft", (mit oder ohne Partnerin) erweckt: "Jetzt immer noch mit demselben Atem gehe ich nach unten. Ich wölbe die Hoden, ich weite das After. Immer noch mit demselben Atem wecke ich die Schlange Kundalini. Sie liegt am untersten Ende der Wirbelsäule eingeringelt. Sie richtet sich freundlich auf. Ich lasse sie aufgerichtet. So bleibe ich eine Zeitlang stehen, immer noch mit demselben Atem. Jetzt atme ich aus. Die Schlange Kundalini ringelt sich wieder gemütlich ein, die Hoden werden schlaff, das After schließt sich. Ich drücke fest nach, bis es ganz fest zu ist. Ich lasse es fest zu." (149) - so einfach und "gemütlich" kann man nach Nenning Erleuchtung erlangen. Mit einem Vers à la Wilhelm Busch wird der Schlangentanz auch noch lustig:

Drum finden wir Tantristen gut

Wenn das Glied im Schoße ruht.

Wenn wir ruhen nass und nass

Ist's vorbei mit Gier und Hass.

.......

Kriegen wir nochmals Gier

Bleibt sie zwischen dir und mir

Ferne vom Betrieb der Welt

Treiben wir's wie's uns gefällt

Und moralischen Voyeuren

Raten wir, uns nicht zu stören

Auch im Falle des Falles

Eines dritten Males.

Dass wir uns in Glückes Strömen

Bei der Liebe übernehmen.

Davor bewahrt uns aber

Der Buddha Amitabha

Glied im Schoß und Hand in Hand

Führt er uns ins reine Land. (155/156)

Welcher Wiener, der was auf sich hält, möchte bei einer solchen "wahren Überschwemmung mit Weiblichkeit" (Nenning) nicht Buddhist werden? Der Tantrismus macht den Buddhismus - nach Nenning - zu einem kosmischen Freudenhaus mit Buddha als Dauerkunden.

Der religiöse Populist Nenning nennt die tantrischen Praktiken emphatisch einen "sexuellen Volksbuddhismus". Auch diese Bezeichnung ist völlig danebengegriffen. Vom Buddhismus als einer "Volksreligion" zu sprechen ist grundsätzlich falsch, da es in diesem System von Beginn an eine klare Trennung zwischen Volk und der buddhistischen Gemeinschaft (dem Sangha) gibt. Diese Trennung wird im tibetischen System geradezu auf den Höhepunkt getrieben. Deswegen müssen wir - mit zahlreichen Indologen - den Buddhismus im Gegensatz zum Hinduismus nicht als "populär", sondern als höchst "elitär" bezeichnen. Dies gilt aber in ganz besonderem Maße für den tantrischen Buddhismus. Es gibt nichts Asozialeres und vom Volk Entfremdeteres wie die indischen Gründergestalten des Tantrismus, die sogenannten Maha Siddhas (Großzauberer). Asozialität, die bis hin zum kultivierten Verbrechen reicht, zählt geradezu zur Ausbildung eines tantrischen Adepten. Das gleiche gilt für Tibet. Auch im Schneeland ist der monastische Sexualverkehr mit Frauen nur ganz wenigen vorbehalten und läuft nach einem äußerst strengen Regelsystem ab. Nicht einmal das Gros der Mönche und schon gar nicht das gemeine Volk dürfen tantrische Praktiken durchführen. Dem Günther Nenning ist einfach die "wüste" Phantasie durchgegangen, wenn er schreibt: "Dem Buddhismus muss man sich von einer unverbrauchten Seite nähern, ich behaupte: von 'unten', wo die wüste Musik des 'Volksbuddhismus' spielt, unerhört den westlichen Schweinsohren, peinlich den feinen 'Bildungsbuddhisten' in Ost wie in West. Hier ist die religiöse Potenz, nicht in den dünnen Ausgüssen der Esoteriker und Dialogtheologen." (180)

Am Ende seines Buches kommt der Autor noch einmal auf die tantrische Erhöhung der Frauen zurück. Nenning plaudert davon, im Tantrismus sei die Frau nicht nur gleichberechtigt, sondern hier handele es sich um eine Überbetonung des Weiblichen. Die Madeln, die den Buddha umschwirren, seien Göttinnen und wilde Huren zugleich. Klasse! Das erinnert ihn an den französischen Philosophen George Bataille: "Bataille wie der gesamte Tantra-Buddhismus haben mit der Gleichberechtigung der Frau nichts am Hut, sondern mit der Überberechtigung der Frau: Sie erhöhen den Leib, sie erhöhen die Frau. Die Frau wird göttlich. Sinnlichkeit wird Heiligkeit. .... Die Frau soll Frau werden - das ist mein Begehren: ein unerhörtes Wesen der Zukunft, dem Manne sternenweit überlegen und dringend nötig. Die Frau als Ziel und Inbegriff unserer Zukunft. Das ist die Botschaft." (185) Eine solche Wendung kommt wieder einmal - wie so vieles in diesem Buch - überraschend. Entpuppt sich Günther Nenning hier als Feminist? In der Tat - wie wir sehen werden - der Autor proklamiert einen Feminismus eigener Prägung. Wie sieht nun seine Zukunfts Eva aus? "Dafür gibt es auch ein konkretes Vorbild, erstrebenswert und unerreichbar: MARIA." - erfährt der Leser etwas enttäuscht. (185) Maria, die Magd ihres Herrn, die im göttlichen Schöpfungsgeschehen nur eine Nebenrolle spielt - gerade sie, die ewige Jungfrau, soll Sinnlichkeit und Heiligkeit in sich vereinigen? Nun gut - "Verwirrung als Methode" sichert auch eine solche These ab.

Aber dahinter steckt etwas anderes. Männer wie Günther Nenning, die mit buddhistischen Göttinnen, Hexen und Dakinis herumgurren und schnurren und die es - wie wir noch sehen werden - auch mit islamischen Huris treiben, brauchen anschließend eine reine makellose MARIA, welche sie von ihren "Schweinereien" purifiziert. Nachdem sie die Sau herausgelassen haben (zum Beispiel mit der tantrischen Göttin Vajravarahi, der "Diamentensau"), fliehen sie zurück unter den Mantel der christlichen Gottesmutter. Dieses abgeschmackte Menü nennt sich "religiöser Feminismus als die höchste Form des Feminismus" (198), gekocht und serviert vom Küchenmeister persönlich, dem "lachenden Ziegenbock" Günther Nenning: "Wer aber firm ist im künftigen Feminismus, fest und treu zum Ziel steht: Freiheit der Frau - der darf schon Urlaub nehmen im fernen Lustreich des Tantra, sich erholen vom finsterbrauigen, trampulösen Pseudofeminismus der Gegenwart. Das männliche Glied entlässt Wolken von Buddhas. Buddha ist ein phallischer Gott." (186) Da spricht der Hexenmeister, der auf dem Sabbat (dem im tantrischen Buddhismus ein sogenanntes Ganachakra entspricht), inmitten von Hexen und Dakinis mit seinem erregierten Glied als Dirigentenstab den Tanz eröffnet.

Kurzbesuch in Allahs Freudenhaus

Für eine "sexuelle Revolution" des Himmels taugt nach Nenning das Christentum nicht oder nur sehr wenig. Buddha ist in diesem Fall fraglos der Commandante. Aber auch im Islam gibt's Vergleichbares. Nenning betritt ganz offen und ungeniert den vorder-orientalischen Harem und schwelgt in den Aussichten, welche die 55. Sure (Vers 56 ff.) des Korans den Gläubigen nach ihrem Tode anbietet: "In den Paradiesgärten befinden sich, die Augen niedergeschlagen, weibliche Wesen, die weder Mensch noch Dschinn (Geist) zuvor entjungfert hat. Welche von den Wohltaten des Herrn wollt ihr denn leugnen? Sie sind, wie wenn sie aus Hyazinth und Koralle wären. Huris, in Zelten eingesperrt. Welche von den Wohltaten des Herrn wollt ihr den leugnen? Weibliche Wesen, die weder Mensch noch Dschinn zuvor entjungfert hat, und ihr liegt auf grünen decken und schönen Abkari Teppichen." (91) - Nenning'sche Männerphantasien: Mädchen, welche die Augen geschlossen halten und die noch niemals einer berührt hat. Selbst wenn der Wiener Bonvivant ihnen im Paradies beigewohnt hat, wächst ihnen anschließend erneut ein Hymen. Hymnen auf den sinnlichen Islam, Buddha schlief mit fünf Dakinis gleichzeitig, im moslemischen Paradies gibt es Jungfrauen (Huris) ohne Zahl.

Im Rausch der Sinne vergisst Nenning, dass diese Freuden nur einem orthodoxen Moslem zustehen und nicht einem "verwirrten" Christen und auf keinem Fall einem Tantra-Buddhisten, denn diese zählen im Islam zu den allerübelsten Götzendienern. Es handelt sich hierbei um jene bedauernswerten "Frevler", von denen es nur ganz wenige Verse vorher in derselben Sure, aus welcher das obige Paradieszitat stammt, heißt: "Die Frevler wird man an ihrem Merkmalen erkennen, und an dem Stirnhaar und den Füssen wird man sie ergreifen..... Dies ist nun die Hölle, welche die Frevler leugnen und sie sollen zwischen ihr und heißsiedendem Wasser hin und her wandern." (55: 42-46) Keine schönen Aussichten für einen eingefleischten Tantriker wie Günther Nenning.

Vielleicht hatte der Autor doch eine Ahnung davon, dass sich sein Eintritt in das islamische Freudenhaus etwas schwierig gestalten könnte und so begnügt er sich, auf einmal wieder ein gutmütiger und volksnaher Österreicher, mit einem gediegenen Wirtshaus und erlebt bei einem bloßen Schoppen Wein für ein paar Schillinge die himmlischen Freuden. Im nächsten Absatz nach der Paradies Sure liest der Leser nämlich mit großem Erstaunen: "So weit [bis ins Huri - Paradies] brauch' ich nicht zu schweifen. Schon westlich von Wien in den Vor- und Hauptalpen findet sich die dem wienerischen Ruhebedürfnis stracks entgegengesetzte Vorstellung vom lebhaften Treiben im Paradies. Betritt ein Alpenländer ein Wirtshaus, wo es hoch hergeht, sagt er: 'Da geht's zu wie im ewigen Leben.' " (91) Also ist er doch manierlich und kein Sexprotz - dieser Günther Nenning!

Aber dann kratzt es ihn wieder. Auf Seite 123 seines Textes will er erneut ins Huri Paradies, vor allem weil's mit den Frauen in dieser Welt nicht optimal klappt: "Auf dieser Welt sind die Frauen eine Todesart, auf dieser Welt die süßeste Todesart, und in der künftigen Welt, im Paradies, in jedem der vier Paradiese, die der Islam kennt, sind die Frauen die süßeste ewige Lebensart. Vögeln als irdische Todesart, Vögeln als ewige Lebensart." (123) Wer kann - nach Nenning - besser "vögeln" als Mohammed, denn diesem "wird bewundernd die Potenz von 30 Männern zugeschrieben"? (123)

Nenning ist jetzt in seinem islamischen Delirium, das buddhistische Freudenhaus ist vergessen, was geht mich dieser dickbäuchige Buddha an, heut bin ich Gast im himmlischen Harem des Korans. Labsal über Labsal... "An Ewig sprudelnden Quellen, auf schwellenden Pölstern werden sie sich vermählen mit schwarzäugigen Huris und werden, nachdem sie den Tod geschmeckt haben, den Tod niemals schmecken. Man wird ihnen alles bringen, auch Wein, der das Begehren weckt und jene züchtig blickenden Jungfrauen, die Allah den seinen versprochen hat. Großäugige Jungfrauen werden bei ihnen bleiben, die frei sein werden von törichtem Geschwätz [wie das von lästigen und hässlichen Emanzen]. Die großäugigen Schönen werden bei ihnen die Runde machen und sie werden sich an ihnen erfreuen wie an aufleuchtenden Perlen. Großäugige Schöne, die Allah als besondere Schöpfung für sie hervorbrachte." (124) In der Tat versorgt Allah - wenn wir den Koran wörtlich nehmen - seine Männer nach dem Tode mit unberührten Jungfrauen, während die gestorbenen islamischen Ehefrauen im Himmel ein züchtiges Madonnenleben führen müssen - ausgeschlossen von jeglicher Sexualität. Selber schuld - sie sind ja keine Jungfrauen mehr. Auch Günther Nenning macht sich nicht viel Gedanken darüber. Hauptsache: ihm fächern die Huris zu. Angesichts solcher Perspektiven ist er ohne großes Federlesen bereit, die religiösen Fronten zu wechseln. Der zum Buddhismus bekehrte Christ Günther Nenning wird über Nacht zum lüsternen Mullah: "Die paradiesische Sinnlichkeit des Koran" - hören wir ihn schwärmen - "steht im scharfen Gegensatz zu Judentum, Christentum, Buddhismus. Jedem Muslim ungezählte Gespielinnen. Sexualität ist das Paradies des Menschen." (124) Auch hiermit müssen sich, so Nenning achselzuckend, "schwerfüßige Feministinnen" abfinden.

Es ist auffallend wie viel Nenning von Sex und wie wenig er von Eros in seinem Buch spricht. Der Eros ist umfassend und kann sich über den Kosmos ausdehnen, zumindest hat dies Plato so gesehen. Sex ist nur eine Farbe in der Vielfalt der erotischen Palette. Für Günther Nenning aber wird die Sexualität zu einer Besessenheit, von der er nur durch die Jungfrau MARIA geheilt werden kann. Im klassischen Pendelverkehr zwischen großer Hure und Madonna erfährt er das Paradies. Mit einer würdevollen und poetischen Liebesbegegnung der Geschlechter hat dies nicht viel zu tun. Deswegen denkt der Wiener auch weiterhin, wenn er von Religion spricht, in den Kategorien von Päpsten, Kirchen und Priestern und nicht von Paaren, die in gleichwertiger Polarität das Leben im Kosmos symbolisieren könnten.


Der Dalai Lama als der Papst des neuen Milleniums

Sollte der Buddhismus - wie uns Günther Nenning vorschlägt - die neue Globalisierungsreligion darstellen, was wird dann aus dem Papst in Rom? Gibt es für ihn eine Alternative. Nenning nennt - wenn auch mit leicht ironischem Unterton - den Dalai Lama. Mit diesem Kandidaten für den Stuhl Petri würde sich ein großer Wunsch des Wiener Tantrikers erfüllen: Die Katholische Kirche ist vor dem Untergang gerettet und dennoch der Buddhismus zur Religion aller Religionen erhoben. In diesem Zusammenhang setzt er sich auch mit unserem Buch "Der Schatten des Dalai Lama" auseinander - und wir werden ihn deswegen etwas ausführlicher zitieren. Hier die Kritik an unserem Text, die mit demselben Text am 22. März 1999 in der PRESSE erschien:

Nieder mit dem Dalai Lama

Hoch der Dalai Lama! Nieder mit dem Dalai Lama! Das musste ja kommen. Jetzt ist Nieder dran. Erst rauschten die Tasten: Buddha erobert die Welt, Hollywood hat er schon, der Rest folgt. Der Dalai Lama, der lebende Buddha, ist jedermanns Freund und niemandes Feind. Er bekam den Nobelpreis, stieg auf, der schlaue Kerl aus dem finsteren Tibet, zum Staats- und Überstaatsmann zum Neben und Überpapst.

Der Dalai Lama ist ausgelutscht. Die Medienkarawane zieht weiter. Schon rauschen die Tasten: Der Buddhismus, zumal der des Dalai Lama, ist eine grausame Geheimlehre, abscheulicher als alle Sekten. Dieser 'Tantra-Buddhismus' ist voll Sex und Blut, Perversion und Gewalt, eine Macho-Ideologie zur 'Aussaugung der Frauenkraft'.

Der Dalai Lama ist totalitär, autoritär, antidemokratisch, faschistisch, kommunistisch und überhaupt ein Schuft. In den Verliesen seiner Exilregierung schmachten seine Gegner. Feinden des lebenden Buddha werden die Augen ausgestochen, die haut wird ihnen abgeschunden, sie werden gemeuchelt mit Messer und Gift. Natürlich steckt der Dalai Lama auch hinter den Giftanschlägen auf die Tokior U-Bahn. Wie Hitler strebt der Dalai Lama nach Weltherrschaft, nach der "Budhokratie".

Nichts ist wahr und alles wird enthüllt. Die Medienkarawane nimmt alle Kurven.

Sag mir, wo die 68er sind. Ach, überall. Graumeliert im Management; als Schülerschreck im Bildungswesen; bärtig in der Esoterik. "Victor und Victoria Trimondi" ist ein Jux- und Tarnname für Herbert und Mariana Röttegn. Hinter "Trimondi" steckt "Trikont", der einst revolutionär gemeinte 68er Verlag, später "Dianus-Trikont", abgerutscht ins esoterische Business. Folgt die Andockung ans Buddha-Raumschif (1982 ff.). Victor und Victoria managen Dalai Lama Events in Deutschland. Folgt der Abfall vom lebendigen Buddha. Abtrünnige werden meist besonders aggressive Gegner. Eben noch war der Dalai Lama groß und wunderbar. Jetzt ist er klein und hässlich: 800 Seiten "Der Schatten des Dalai Lama", vergeblich erhoffter Bestseller (Patmos, Düsseldorf).

Der Eindruck von Kompetenz trügt, im Kern ist es eine dünne Verschwörungstheorie, ohne religionswissenschaftliches oder gar religiöses Verständnis. Es ist aber nicht Sache eines trendigen Sachbuchs, sachlich zu sein. Es hat die Aufgabe, interessant zu sein, und das ist es, einigermaßen.

Wenn man den modern bebrillten, stets lächelnden Dalia Lama reden hört, immer von Frieden, Demokratie und Menschenrechten, ganz Staatsmann, stets korrekt und sanft langweilig - würde man gar nicht auf die Idee kommen, dass er eine Verkörperung der Bodhisattva Avalokiteshvara ist.

Avalokiteshvara ist der werdende Buddha der großen Liebe, in 33 Gestalten mit 11 Gesichtern und 1000 Armen hilft er allen Menschen.

Avalokiteshvara, und somit der Dalai Lama, wird vielfach als weiblich betrachtet, vor allem in China und Japan. Auf dem Haupt trägt Avalokiteshvara die schwarze Krone, geflochten aus den Schlangenhaaren der fünf Dakinis. Dakinis sind rasende nackte Frauengestalten, voll Geheimnis; die geheimste ist Dorjephagmo, die "Diamantensau". Die Dakinis kopulieren zu fünft mit dem himmlichen Buddha, wie dies im Guhyasamaja Tantra detailliert beschrieben wird. Aus der Fassung gerät der Buddha beim Beischlaf nicht. Er meditiert weiter und wird desto eher zum Adhi-Buddha, der Ursprung und Ende, Kosmos und Menschheit liebend umfasst als der All-und-Eine. 'Wenn im Schoß das Glied ruht, dann schaut man das Bild des Buddhas. Und aus allen Poren verbreitet man klar und bewusst Wolken von Buddhas' (Guhyasamaja Tantra) Wer würde solche Geschichten dem biederen Dalai Lama ansehen? Nicht einmal er sich selber. Dass der Dalai Lama derlei betreibt, dafür fehlen alle westliche Wahrscheinlichkeiten. Nein, uns ist er eine positive Figur im Zentrum der Globalisierung von Religion. Zu Recht sind wir heilfroh, dass wir ihn haben. Hoch der Dalai Lama." (53 - 56)

Also da haben wir's - der Dalai Lama darf sich nicht den süßen Kopulationsgelüsten mit den Tantra Madln hingeben. Am Hofe spricht man nicht von solchen Dingen, dö's ziemt sich nicht. Das weiß auch Günther Nenning (und darin ist er ein waschechter Wiener und Hofdiener), der ansonsten so gerne in die Niederungen des "wüsten Volksbuddhismus" hinabsteigt. Das Volk darf soviel "vögeln" wie es will, das macht garnix, aber in der Hofburg des "Gottkönigs" plädiert Nenning respektierlich für die gute alte asexuelle Heiligkeit unserer Oberhirten. Schließlich hat der Autor ein hohes Amt für den Dalai Lama vorgesehen: "Sollen alle Katholiken Buddhisten werden?" - fragt der Christ Günther Nenning - "Der Dalai Lama als der Superpapst des neuen Jahrtausends?" (17) - und er beantwortet seine Frage selbst: "Was sich globalisiert ist nicht Jesus, sondern Buddha. Er steigt auf zum Herrn der Globalisierung. Der Dalai Lama ist der Bill Gates der religiösen Globalisierung" (20) 1:0 für den Dalai Lama. "Buddha wird höher steigen unter den Christen. Vielleicht macht Buddha eine Karriere wie die Maria. Buddhas Import nach Hollywood ist ja schon voll im Gang. Das ist der halbe Weg zum Petersdom." (138)

Das Abendland ist gerettet, die Katholische Kirche ist gerettet, Christus ist gerettet! Endlich wird die Kirche zu einem sexuellen Freudenhaus. Beim neu von Nenning gekürten "Gelben Papst", herabgestiegen vom Dach der Welt, beim tibetischen Erlöser des christlichen Schafsvolkes, beim höchsten Hirten der europäischen, asiatischen und amerikanischen Völker, beim Dalai Lama vermischen sich beide Geschlechter. Der "Gottkönig" gilt im Kalachakra Tantra, dem höchste Ritual des tibetischen Buddhismus, als eine Emanation des ADI BUDDHA, eine kosmisch- androgyne Gestalt, in der das weibliche Prinzip durch das männliche absorbiert ist, ein patriarchaler Despot, der keine anderen Götter und Religionen neben sich duldet. Dieser Überbuddha triumphiert allein und unbeweibt am Ende von Güther Nennings Sex Operette. Er hat endlich den polaren Eros zwischen den Geschlechtspartnern aufgelöst. Der ADI BUDDHA braucht keine Göttinnen, Dakinis und Huris mehr, er befriedigt sich selbst. Er ist Mann und Frau in einer Person. "Dass Gott eine Frau ist, war schon immer (klar). Buddha, Christus und alle nie identischen, immer dieselben, immer verschiedenen Gestalten Gottes sind Frauen. Das ist keine feministische Erfindung." (211) Alles verändert sich, nichts verändert sich, alles mischt sich: "Die Menschenfrauen kommen zu Ansehen in der buddhistischen Kirche. Die Gottgestalt Buddha kriegt weibliche Formen. Buddha wird transsexuell." (213)

Nennings Buch will lustig sein, aber es stimmt einen traurig, da es - wie schon gesagt - so wichtige Themen wie die Globalisierung der Religionen und die Verbindung von Sinnlichkeit und Religion anschneidet. Den Autor treibt sicher eine tiefe und sehr wertvolle Sehnsucht, um die Widersprüche zwischen den religiösen Traditionen zu überwinden. Aber der Versuch, seine eigenen ökumenischen Visionen dadurch zu realisieren, indem man sich (wie Günther Nenning) kritiklos und völlig naiv einem atavistischen System in die Arme wirft, kann zu einem Horrorfilm werden, wenn man plötzlich entdeckt, dass man in ein Labyrinth geraten ist und dass gerade dort, wo man das Heilmittel suchte, üppige Giftpflanzen wachsen. Jede Religion ist heute grundsätzlich reformbedürftig, davon machen auch der tantrische Buddhismus und der Dalai Lama keine Ausnahmen. Sie haben es aber wie keine andere Religion und kein anderer Religionsführer verstanden, die Intellektuellen des Westens zu verwirren und Nennings Buch trägt inhaltlich und methodisch ("Verwirrung als Methode") weiter zu dieser Verwirrung bei. In einer deutschen Talkshow (NDR), in der sein Buch vorgestellt wurde, bekannte der Autor, dass er Angst vor dem Tode habe. Weshalb eigentlich - wenn der Himmel voller geigender Madl'n hängt? Wer aber die grässlichen und erbarmungslosen Prüfungen kennt, welche das Tibetische Totenbuch den Verstorbenen nach ihrem Ableben in Aussicht stellt, der kann die Ängste des Wieners Autors gut verstehen.

 

 

 

 

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