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Kritische und Kreative Kultur Debatte

 

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Mittelmeerdebatte

 

Der folgende Beitrag wurde in verkürzter Form als Vortrag von Victor und Victoria Trimondi für eine Konferenz der Universität Tunis in Hammamet zum Thema „La mondalisation et l’éspace méditerranéan“ (23. bis 25. Oktober, 2008) verfasst. Das „Ithaka-Projekt“ ist ein Beitrag zur international geführten Debatte über ein neues Kulturparadigma für das Mittelmeer.

 

Das Ithaka-Projekt

Mediterrane Mythen, Monotheismus

und die Geschlechterfrage

 

von Victor und Victoria Trimondi

 

Seit Nicolas Sarkozy im Juli dieses Jahres seine „Union für das Mittelmeer“ aus der Taufe gehoben hat, stößt die schon seit mehreren Jahren diskutierte Frage nach einem mediterranen Kulturparadigma wieder auf zunehmendes Interesse. Unter Kulturparadigma verstehen wir die bestimmenden Denksysteme, Dogmen, Mythen, Symbole, Rituale, Ideologien, Machtstrukturen und Routinen, die den Kern einer Kultur ausmachen. Abstrakt ausgedrückt richtet sich die moderne, rationale Gesellschaft nach dem „Paradigma der Vernunft“, die traditionellen, religiösen Gesellschaften orientieren sich nach ihrem Dogma, d. h. dem „Paradigma des Glaubens“ und die archaischen Gesellschaften folgen dem „Paradigma des Mythos“.

 

In keiner anderen Region der Welt sind im Laufe der Geschichte so viele, so widersprüchliche, aber auch so nachwirkende Kulturparadigmen ausformuliert worden wie in den Anrainerländern jenes Meeres, das die drei Kontinente Europa, Afrika und Asien sowohl voneinander trennt als auch miteinander verbindet. Das Mittelmeer ist die Wiege der drei monotheistischen Religionen, die Geburtsstätte der rationalen Philosophie und des Säkularismus, es ist aber auch ein unerschöpfliches Schatzhaus mythischer und literarischer Bilder, deren Symbolkraft bis heute ungebrochen weiterwirkt.

 

In der aktuellen Kulturdebatte über ein neues Mittelmeermodell stehen neben den wirtschaftlichen und politischen Erwägungen das „Paradigma der Vernunft“ und das „Paradigma des Glaubens“ beziehungsweise ihr Verhältnis zueinander im Zentrum. Diskutiert wird über die Kompatibilität von Religion und Säkularismus, von traditionellen und modernen Werten und last not least über die Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Glaubensrichtungen. Diskussionen über die mediterranen Mythen stoßen dagegen auf weniger Interesse.

 

Diese stiefmütterliche Behandlung des Mythos muss als ein Defizit angesehen werden und das nicht nur aus historischen Gründen. Denn trotz der Jahrhunderte langen sozialen und politischen Dominanz des Christentums, trotz der Säkularisierungsprozesse seit der Renaissance und der Aufklärung wurden und werden bis heute die antiken, mediterranen Mythen dazu benutzt, um dramatische Beziehungen zwischen Menschen und Völkern, insbesondere aber zwischen den beiden Geschlechtern darzustellen und paradigmatisch festzulegen. Unzählige Werke des Theaters, der Musik, der Oper, des Balletts, der Malerei und der Literatur verarbeiten seit Beginn der Neuzeit den römisch-griechischen Mythenstoff und seine Derivate. Das gilt nicht nur für die Kunst, sondern auch für diejenigen Wissenschaften, die sich mit der Psyche und dem Bewusstsein des Menschen auseinandersetzen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist Sigmund Freud, der die Ödipussage zur zentralen Achse der Psychoanalyse macht, d. h. zu einem Paradigma des 20. Jahrhunderts. Der Prometheus–Mythos dient Johann Wolfgang Goethe als Bild für den Aufstand des Citoyen gegen das Drohnendasein einer aristokratischen Elite. Ein weiteres Beispiel ist Albert Camus, der mit dem Sisyphus-Mythos seine Philosophie des heroischen Existenzialismus erklärt. Seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts bedienen sich Feministinnen und Matriarchatsforscherinnen aus dem mediterranen Mythenschatz, um ihre These von einem „matriarchalen Paradigma“ in der vor-griechische Mittelmeerregion wissenschaftlich zu begründen und um daraus dessen Restauration, das heißt die „Rückkehr der Göttin“, zu fordern. Eine gewissenhafte Auseinandersetzung mit der europäischen Kulturgeschichte und der europäischen Seele ist deswegen immer auch eine Auseinandersetzung mit Paradigmen, Mythen und Geschichten, die vor vielen Jahrhunderten in der Mittelmeerregion entstanden sind.

 

Wie kontrovers und unvereinbar sich die einzelnen säkularen, religiösen und mythischen Kulturkreise des Mittelmeeres auch zueinander verhalten mögen, so sind sie dennoch seit der Bronzezeit der spezifische Ausdruck eines sie allesamt umfassenden einheitlichen Prinzips. Es handelt sich um Gesellschaften, in denen Männer und nicht Frauen das Denken, die Dogmen, die Mythen, die Symbole, die Rituale, die sozialen, politischen und religiösen Machtstrukturen primär bestimmen. Das Mittelmeer brachte eine hebräischen Theologie hervor, die das Weibliche aus dem sakralen Raum verdammte und einen männlicher Gott zum absoluten Herrscher machte; eine griechische Philosophie, welche die Frauen aus der Debatte ausschloss; ein römisches Recht, das die Ehegattin mit Leben und Tod dem Willen des pater familias unterwarf; eine christliche Moral, die Frauen per se als Sünderinnen brandmarkte; eine islamische Scharia, die die absolute Subordination der Frauen unter den Mann verlangte. Das verbindende Element all dieser mediterranen Kulturkreise ist das „patriarchale Paradigma“. Das gilt auch für die säkularen an Europa orientierten Kulturen, die seit dem 19. Jahrhundert das Mittelmeer beherrschten. Aber das war nicht immer so: Die vor-griechischen mediterranen Gesellschaften orientierten sich an einer Kultur und Religion, die wir heute als „Matriarchat“ bezeichnen.

 

Auch wenn dies aus Zeitgründen nur sehr schematisch und verkürzt möglich ist, möchten wir mit unserem Vortrag zwei Thesen in die Debatte bringen und begründen:

 

  1. Alle Mittelmeerkulturen wurden wesentlich geprägt von der Auseinandersetzung zwischen dem „patriarchalen Paradigma“ auf der einen Seite und dem „matriarchalen Paradigma“ auf der anderen.
  2. Da beide Paradigmen nicht miteinander kompatibel sind, folgt für ein zukünftiges, friedliches Mittelmeermodell die Etablierung eines „Paradigmas der Geschlechterbegegnung“

 

Zur Begründung unserer Thesen untersuchen wir einige bekannte mediterrane Mythen, welche die Gender-Thematik zum Inhalt haben. Unsere Analyse versteht sich weniger als ein Blick in die Vergangenheit, sondern macht Aussagen über den modernen Menschen, dessen Bewusstsein, dessen Seele und dessen Unterbewusstsein immer noch durch Mythen-Muster und religiöse Dogmen geprägt wird, welche in der Mittelmeerregion entstanden sind.

 

Die mediterranen Matriarchate

Nicht zuletzt dank akribischer archäologischer Vergleichsstudien besteht heute ein Konsensus darüber, dass die Mittelmeerkultur vom späten Neolithikum an bis hinein in die späte Bronzezeit matriarchalisch war. Tausende von Statuetten und Symbolbilder der Großen Muttergöttin sind von  Archäologen in Syrien, in Palästina, auf Kreta, auf den Kykladen, in den Pyrenäen, in Spanien, in Anatolien, in Mazedonien, auf Zypern und auf Malta ausgegraben worden. Die erste europäische Hochkultur, die minoische, stand unter dem Zeichen der Göttin.

 

Das „matriarchale Paradigma“, das vor 4000 Jahren die Mittelmeerregion beherrschte, betonte die Omnipotenz weiblicher Gottheiten, die als unsterblich, unveränderlich und allmächtig angebetet wurden. Natur, Mutterschaft und Sexualität standen im Zentrum des religiösen Lebens. Der Begriff der biologischen Vaterschaft, das heißt die Rolle des Spermas bei der Befruchtung, scheint in den Matriarchaten noch wenig bekannt gewesen zu sein. Allein den Frauen wurde das Mysterium der Geburt und damit der Schöpfung zugestanden. Der Kult der Göttin stand in enger Beziehung zu den jahreszeitlich bedingten Veränderungen im Tier- und Pflanzenreich sowie zu den Phasen des Mondes. In diesen naturhaften Kontext ordnete sich auch das sexuelle Leben ein. Der Religionsphilosoph Walter Schubart spricht von einer Religion des Sexus, die sich promiskuisch und explosiv äußerte und gerade deswegen als sakral empfunden wurde. Bis tief in die patriarchale Phase hinein überlebten diese Kulte in der Tempelprostitution des Vorderen Orients.

 

Neben der Archäologie gilt die Mythologie als zweite wichtige Quelle der Matriarchatsforschung. Der englische Schriftsteller und Altertumswissenschaftler Robert Graves leistete hierbei Mitte des vorigen Jahrhunderts eine Pionierarbeit. In seinem Buch „The Greek Myths“ wies er nach, dass eine große Zahl der griechischen Mythen kriegerisch ausgetragene Konflikte zwischen den patriarchal- und matriarchal-organisierten Gesellschaften widerspiegeln. Als die griechischen Invasoren vom Norden her damit begannen, die Region gewaltsam zu kolonisieren, stießen sie auf  den Widerstand autochthoner  Frauenkulturen. Die Geschichte dieses Geschlechterkrieges findet nach Graves ihren Ausdruck in Geschichten, welche von Frauenraub, Frauenopfer, Vergewaltigung und Amazonenkämpfen erzählen: Der griechische Göttervater Zeus zieht zeugend und schändend durch die gesamte Mittelmeerregion, immer verfolgt von der Eifersucht seiner von ihm betrogenen Gattin Hera; das Mädchen, dem Europa seinen Namen verdankt, wird von ihm in Stiergestalt entführt und geschwängert; sein Bruder Hades, Herrscher über die Toten, raubt Persephone und verschleppt sie in die Unterwelt; sein zweiter Bruder Poseidon, Herrscher über die Meere, vergewaltigt die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter; sein lichter Sohn Apollon vergewaltigt zahlreiche Nymphen und irdische Frauen, und bestraft diejenigen, die sich ihm widersetzen.

 

So brachial das Vorgehen der patriarchalen Mittelmeer-Invasoren (und ihrer Götter) auch gewesen sein mag, so trafen sie dennoch nicht auf Gesellschaften die friedfertig und harmonisch waren, wie es Feministinnen heute immer wieder verklärend behaupten. Die damalige matriarchale Hegemonie der Frauen ist keineswegs gewaltfrei gewesen. Kriege gab es auch im monoischen Kreta, wo sie das Sagen hatten. Kriegerköniginnen und Kriegsgöttinnen kennen wir auch aus vielen vor-griechischen Mittelmeerkulturen. Zudem gründeten die mediterranen Matriarchate ihre Herrschaft auf der Opferung des Mannes. Es waren junge Männer, die rituell getötet wurden, um die religiös-politische Macht der Großen Göttin zu festigen. Viele der weiblichen Gottheiten des östlichen Mittelmeeres pflegten solche Opferkulte: die phönizische Tanit, die kanaanitischen Anath, die phrygischen Kybele. Der Mythos vom getöteten und wiederauferstanden Gottmenschen, der später das Christentum prägen sollte, ist matriarchalen Ursprungs.

 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass in der frühen Bronzezeit die Männer unter der Omnipotenz und Magie der Großen Muttergöttin gelitten haben. Die ewige Wiederkehr der rituell durch Menschenopfer nachvollzogenen Naturzyklen ließ keine Erneuerung, keine Freiheit, keine Entdeckung, keine Individualität zu. So kam es zu einem gewaltsamen Aufbegehren der männlichen Stammesmitglieder beziehungsweise fremder Eroberer gegen die weibliche Bevormundung, gegen das „matriarchale Paradigma“. Evident werden diese anti-matriarchalen Kämpfe in den Mythen, die davon erzählen wie ein Gott oder ein Held ein weibliches Untier oder ein männliches Monster, das dem Befehl einer Göttin gehorcht, vernichtet oder versklavt: Zeus tötet den Typhon, „das größte Ungeheuer, das je das Licht der Welt erblickte“ und das von der Erdmutter Gaia hervorgebracht wurde, um sich an dem Vater der olympischen Götter zu rächen; Perseus enthauptet die Gorgonen-Göttin Medusa; Apollon unterwirft das Orakel der Erdmutter, die Pythonschlange, und stellt es in Delphi in seinen Dienst. Vorgeprägt wurden diese Mythen in der babylonischen Schöpfungsgeschichte, die erzählt, wie der Lichtgott Marduk die monströse Meeresgöttin Tiamat tötet und aus ihrem geteilten Leib unsere irdische Welt baut. Es ist heute unter Alt-Orientalisten unbestritten, dass die von Göttern und männlichen Helden bekämpften und bezwungenen Mythentiere die als ungeheuerlich empfundene, alte soziale Ordnung der Göttin symbolisieren.

 

Zu Beginn werden wir, ausgehend von vier prominenten Mythen-Beispielen, deutlich machen, wie sich das „patriarchale Paradigma“ in der Mittelmeerregion durchsetzte, welche Sonderformen es in der Auseinandersetzung mit den matriarchalen Kulturen ausbildete und welche Nachwirkungen diese Formen auf die Jetztzeit haben:

 

  1. Der Muttermord des Orest – das Gründungsopfer des Patriarchats
  2. Die gescheiterte Hochzeit von Dido und Aeneas – Der Wille zur Macht siegt über den Eros und die Liebe
  3. Die Gottesmutter Maria – ein patriarchales Substitut der Großen Göttin
  4. Die Apokalypse des Johannes – eine misogyne Weltvernichtungsphantasie

 

Anschließend wollen wir ausgehend von Homers Odyssee zeigen, dass schon in der Antike das „Paradigma der Geschlechterbegegnung“ vorgedacht wurde. Aus Zeitgründen haben wir Beispiele aus dem islamischen und jüdischen Kulturkreis nur ganz am Rande erwähnt, können aber im Workshop und der Diskussion ausführlicher darauf zu sprechen kommen.

 

Der Muttermord des Orest – Das Gründungsopfer des Patriarchats

Kein Mythos hat den mediterranen Geschlechterkrieg in seiner ganzen Komplexität so authentisch dargestellt wie die Orestie, aufgeschrieben in der genialen Trilogie des griechischen Dichters Aichylos. Die Tragödie gilt als ein dramatisch verarbeitetes Kompendium verschiedener älterer Mythen. Eine kurze Notiz zum Inhalt: Am Anfang der blutigen Familientragödie steht ein sakrales Frauenopfer, der rituelle Mord, den der König Agamemnon an seiner Tochter Iphigenie ausführen lässt, um von den Göttern gute Wetterbedingungen zu erhalten, damit seine Kriegsschiffe nach Troja segeln können. Klytämnestra, die Gattin Agamemnons, rächt sich an dem Mörder ihrer Tochter und tötet ihn, kurz nachdem er mit der Seherin Kassandra als Konkubine und Sklavin aus den trojanischen Kriegen zurückgekehrt ist. Als Mordinstrument benutzt sie eine Doppelaxt, die Kultwaffe der Großen Göttin. Klytämnestras Sohn Orest erhebt nun gegen die eigene Mutter das Schwert, um seinerseits den Vater zu rächen, und schickt sie zusammen mit ihrem Liebhaber in den Hades.

 

In den vor-griechischen, matriarchalen Gesellschaften galt der Muttermord als das verruchteste aller Verbrechen. Als Orest die eigene Mutter tötet, übertritt er ein Tabu, das die Autorität der alten Göttin und die durch sie garantierte matriarchale Ordnung schützte. Zwar verfällt der Muttermörder nach seinem Verbrechen dem Wahnsinn, doch wird er am Ende erlöst, im Gegensatz zu seiner Komplizen-Schwester Elektra, die bis zum Tod in geistiger Umnachtung dahinvegetieren muss. Die neuen patriarchalen Gottheiten des Olymps entsühnen den Sohn und setzen ihn in der Nachfolge seines Vaters Agamemnon als König von Mykenä ein. Die weiblichen Prätendenten auf den Thron, Iphigenie und Elektra, werden ausgeschaltet.

 

Durch den „Muttermord“, das ist die androzentrische Schlussfolgerung aus der Orestie, befreit sich das männliche Subjekt aus der matriarchalen Hegemonie und macht sich zum alleinigen Herrscher. Auch die Frauen unterwerfen sich schließlich der patriarchalen Bevormundung, denn die blutrünstigen Erinnyen, die Orest wegen seines Verbrechens  verfolgen, werden am Ende der Tragödie friedliebenden, die Stadt Athen schützende  Eumeniden, und verzichten darauf, Klytämnestra zu rächen.

 

Die komplexe, differenzierte und politische Abhandlung des Geschlechterkrieges in der Orestie hat bei zahlreichen Kulturwissenschaftlern und Feministinnen zu der Hypothese geführt, der „Mord an der Mutter“ sei als das gewalttätige Gründungsopfer zu interpretieren, welches konstitutiv war für die Entstehung der androzentrischen, patrilinearen Gesellschaftsordnung beziehungsweise für die Festigung des „patriarchalen Paradigmas“ schlechthin. Nur durch einen solchen blutigen Gewaltakt konnte die alte matriarchale Ordnung zerstört werden, die im übrigen – wie wir oben gezeigt haben – ebenfalls auf einem Opfer, nämlich der rituellen Tötung des Mannes basierte. Ein Gründungsopfer - so der französische Kulturphilosoph René Girard – muss ständig repetiert werden, um die von ihm initiierte Kultur auf Dauer zu festigen. Diese Wiederholungen des Ursprungsmordes können auch durch stellvertretende Riten oder symbolisch durchgeführt werden. Indem sie Girards Gedankengang fortsetzt, kommt die französische Philosophin Luce Irigaray zu dem Schluss, der „Mord an der Mutter“ (matricide) werde seit Jahrtausenden symbolisch durch den systematischen und radikalen Ausschluss von Frauen aus den gesellschaftlichen, politischen und religiösen Machtsphären vollzogen.

 

Deswegen steht ihrer Meinung nach der „Muttermord“ auch als verborgenes Symbolfeld hinter den monotheistischen Religionen, in deren Kultmysterien das Weibliche und die Göttin keine Präsenz und keine Macht haben. Beispielsweise werde im Christentum durch das Dogma der Trinität die androzentrische Omnipotenz und die patrilineare Genealogie als kosmisches Prinzip festlegt. Gottvater, Gottsohn und der Heilige Geist gelten dem Dogma nach als männliche Personen. Das Weibliche dagegen ist sowohl als Prinzip wie als Person aus dieser trinitarischen Kosmologie verbannt. Auch im Judentum und im Islam lässt sich die systematische Verdrängung der Göttin und der Frau aus den religiösen Kulten nachweisen.

 

Die gescheiterte Hochzeit von Dido und Aeneas – Macht siegt über die Liebe

Viele der griechisch-römischen Mythen schildern nicht nur die Vernichtung der alten matriarchalen Vorherrschaft, sondern richten sich auch gegen Versuche von königlichen Frauen, ihre Macht mit den Männern zu teilen. Es zählt zu den Stereotypen in den Mittelmeermythen, dass ein Mann die Liebe opfert, um des Ehrgeizes und der Macht willen. Jason betrügt Medea, die ihm das goldene Fließ verschafft, und heiratet eine griechische Prinzessin; Theseus verlässt Ariadne, die ihn sicher aus dem Labyrinth von Knossos herausgeführt hat; im Falle von Caesar und Kleopatra wird diese Stereotype sogar zur Realgeschichte. Der römische Feldherr trennt sich aus machtpolitischen Erwägungen von der ägyptischen Königin, die ein Kind von ihm gebiert und die Herrschaft über Ägypten mit ihm teilen möchte.

 

Literarisch ausgestaltet wurde das Scheitern der Liebe zugunsten der Macht in der Geschichte von Dido und Äneas. Die Aeneis des römischen Dichters Vergil ist die bekannteste literarische Ausführung dieses Dramas: Äneas, der Sohn der Liebesgöttin Venus erleidet nach seiner Flucht aus Troja und einer Irrfahrt durch das Mittelmeer in Nordafrika Schiffbruch und sucht Zuflucht in Karthago, einer von der phönizischen Königin Dido regierten Stadt. Beide verlieben sich, entscheiden sich, zu heiraten und die politische Macht miteinander zu teilen. Jupiter aber verlangt von Äneas, seiner Bestimmung zu folgen und nach Italien zu segeln, um dort ein neues Reich, das spätere Rom, zu gründen. Der Held folgt dem göttlichen Willen, verlässt heimlich, wenn auch widerwillig, seine geliebte Gattin Dido. In ihrer Verzweiflung verflucht sie Äneas und begeht Selbstmord auf einem Scheiterhaufen. In Italien erkämpfen sich der Held und seine Gefährten das Reich Latium. Auch dort begegnet er einer starken Frauengestalt. Seine erbittertste Gegnerin wird die latinische Amazonenkönigin Camilla. Aus der Nachkommenschaft des Äneas stammen Romulus und Remus, die beiden Gründer Roms.

 

Üblicherweise wird die Geschichte um Äneas und Dido als ein Konflikt zwischen Pflicht und Neigung interpretiert. Der Held folgt dem Weg der Pflicht, um einer höheren Sache, der Gründung Roms, zu dienen. Lesen wir aber das Drama unter dem Aspekt des Geschlechterkrieges, dann ist auch die Äneis ein Loblied auf den Sieg des Patriarchats. Besiegt wird aber nicht das Matriarchat als solches, sondern eine Vision, die beide Geschlechter in die Versöhnung bringen will. Dido will mit Äneas ihre Macht teilen, aber dieser hat nicht den Mut, mit Dido zusammen Rom zu gründen und gemeinsam mit ihr über Karthago und Rom zu herrschen, nein - er schleicht sich davon wie ein Dieb in der Nacht, um allein und als Mann den Weg der Macht und des Krieges zu gehen. Keinerlei Liebe, kein Bündnis walte zwischen den Völkern, die von uns abstammen, hatte Dido nach dem Verrat des Äneas bei der Göttin des Himmels und der Göttin der Unterwelt, bei Juno und Hekate, geschworen. Mit diesem Fluch gegen den Gründungsvater der mächtigsten patriarchalen Gesellschaft, die das Mittelmeer jemals beherrscht hat, kehrt sie zurück in das Reich der alten, matriarchalen Rachegöttinnen.

 

In der Tat kämpfte Rom in den punischen Kriegen fast 100 Jahre lang gegen Karthago und machte es im Jahre 146 vor Christus dem Erdboden gleich. In der afrikanischen Stadt wurde in dieser Zeit die phönizische Göttin Tanit verehrt, auch wenn Virgil von Juno spricht. Jedenfalls war es eine Matriarchin, die im Zentrum des Kultlebens von Karthago stand. Der Konflikt zwischen Rom und Karthago trägt deswegen ebenfalls den Charakter eines Krieges zwischen einer matriarchalen und einer patriarchalen Ordnung. Somit leitet das imperialistische Rom die Anfänge seiner Weltherrschaft aus der Vernichtung eines Kulturkreises ab, der unter dem Zeichen der Göttin stand.

 

Virgil schrieb die Aeneis als ein Epos auf die Größe Roms und als Ruhmgedicht auf den ersten römischen Kaiser Gajus Octavius Augustus, der davon überzeugt war, von dem trojanischen Helden abzustammen. Symbolisch steht Rom auch heute noch für die reale Macht des Staates, des Gesetzes, des Rechts, der Bürokratie und des Militärs. Weitere Bilder und Qualitäten, die wir mit Rom verbinden sind: Pragmatismus, strategisches Kalkül, planvolle Rationalisierung, methodisches Denken und Tun, technische und ökonomische Effizienz, Sachlichkeit, Betonung des Willens, Eroberung, Krieg und Beherrschung der Natur. Roms realistische Macht- und Staatsauffassung wird am Beginn der Neuzeit von Nicolo Macchiavelli und von Thomas Hobbes aufgegriffen und als theoretische Grundlage für den modernen Staat neu formuliert. Keine Stadt der Antike symbolisiert so klar und eindeutig das „patriarchale Paradigma“ wie das antike Rom.

 

Der Symbolwert Karthagos dagegen ist weniger geläufig. Es wäre jedoch nicht ohne Reiz, genauer zu untersuchen, ob die mächtige Gegenspielerin Roms als Repräsentantin des „matriarchalen Paradigmas“ angesehen werden kann. Symbolisch stünde Karthago dann für die Macht der Göttin, für Natur, für Magie, Gefühl, für sakrale Sexualität und für Opferrituale. Die Aeneis lässt jedoch noch einen anderen Schluss zu, nämlich dass Karthago unter ihrer Königin Dido eine emanzipierte Stadt werden sollte, die keinem der beiden Paradigmen folgen sollte, sondern wo der Versuch unternommen wurde, ein „Paradigma der Begegnung“ oder ein „Paradigma der Geschlechterliebe“ zu etablieren.

 

Ein solcher Paar-Entwurf hätte die sakrale Hochzeit von Dido und Äneas auch in den Gegensatz zu den traditionell matriarchalen Kulten der Stadt gebracht. Der britischen Barockkomponist Henry Purcell spielt in seiner Verarbeitung des Stoffs darauf an. Die von ihm 1685 verfasste und vier Jahre später uraufgeführte Oper Dido and Aeneas benennt nicht die olympischen Götter, sondern die Rachegöttinnen (Furien) und Hexen, die das Liebespaar durch Schadzauber und üble Tricks auseinander bringen.

 

Schon 70 Jahre früher (1611) hatte William Shakespeare im Sturm, einem seiner berühmtesten Mittelmeerstücke, die Hexe (damn’d witch) Sycorax als Gegenkraft zu Prospero und damit auch des jungen Paares (Ferdinand und Miranda), dessen Hochzeit der Magier vorbereitete, dramatisch herausgestellt. Wir erfahren ebenfalls, dass Lady Macbeth vom Geist der „Dreifachen Hekate“ besessen war, die sie inspirierte, König Duncan zu töten. Wer sind diese mediterranen Hexen, welche die Phantasie englischer Künstler der Renaissance und des Barock so anregten? Colin Still sagt in seinem Buch The Tempest über Sycorax: Der Text schreibt ihr „alle hervorstechende Attribute zu, mit denen das mythische Böse Weib ausgestattet ist. Wir haben gesehen, dass sich unter den vielen traditionellen Versionen des Bösen Weibes die Lilith aus dem Zohar befindet, ebenso wie die Fremde Frau aus den Sprichwörtern [Bibel], die Große Hure der Apokalypse, die ägyptische Nepthys, die hebräische Tehum und die chaldäische Omoroca oder Talath, deren griechisches Äquivalent Hekate ist.“ Das sind alles dunkle weibliche Gottheiten des Mittelmeeres. Auch Robert (Ranke) Graves, der sich ja ausführlich mit den mediterranen Geschlechtermythen auseinandergesetzt hat, sieht in Sycorax den grausamen Aspekt ehemaliger Göttinnen, die sich rächen wollen, weil sie in der frühen Bronzezeit von androkratischen Kriegerstämmen entmachtet wurden. Eine an der Archetypenlehre orientierte Sicht steuert  Noel Cobb in seiner Deutung des Sturms bei. Sycorax sei „dieses schmutzige Bild des vernachlässigten Weiblichen, das wütend und rachsüchtig geworden ist. Sycorax, übergangen und unsichtbar, bringt eine dunkle Macht und eine Tiefe in das Stück, das vorher gefehlt hat.“ Vielleicht sind Purcells Hexen als eine eben solche „dunkle weibliche Macht“ zu verstehen, die sich aber nicht nur gegen die Männerherrschaft richtet, sondern in diesem Fall auch gegen die Liebe und Begegnung der Geschlechter als solche.

 

Wie ein Leitmotiv zieht sich der Liebesbetrug aus Machterwägungen, wie er in Virgils Aeneis geschildert wird, durch die gesamte europäische Literatur. Gesteigert wird diese Dramatik nur noch, wenn beide Liebenden zusammen an der Macht zerbrechen. Auch das ist ein beliebtes Sujet der Mittelmeerkultur wie William Shakespeares Stücke Othello und Romeo und  Julia oder Guiseppe Verdis Aida, um nur ein paar Beispiele aus einer langen Liste zu nennen.

 

Da wir uns hier in Tunis, sozusagen auf dem authentischen Terrain dieses mythischen Ereignisses aufhalten, möchten wir auch auf eine vergleichbare Geschichte aus dem islamischen Kulturkreis zu sprechen kommen. Diese Geschichte erzählt, dass am Ende des 7. Jahrhundert das Schicksal, das Dido erleiden musste, erneut der Berber-Königin al Kahena aufgezwungen wurde, die ebenfalls Regentin von Karthago war. Die Truppen des Kalifen Abd el Malik machten die Stadt – wie 800 Jahre vorher die Römer – dem Erdboden gleich. Aber trotzdem gab sich al Kahena nicht geschlagen. Mit einer Strategie der verbrannten Erde konnte sie die Muslime in die Flucht schlagen. Wie im Fall von Dido war es wieder eine betrogene Liebe, die die neue Königin von Karthago zu Fall brachte. Nachdem sie einen muslimischen Reiter mit dem Namen Khaled Ibn Yezid  das Leben gerettet hatte, schwor ihr dieser ewige Treue. Al Kahena nahm ihn zu ihrem Geliebten, teilte mit ihm Bett und Herrschaft. Aber Khaled hielt seinen Schwur nicht und verriet die Königin an den muslimischen Feldherrn Hassan Ibn Noomane. Ohne Erbarmen ließ dieser ihr den Kopf abschlagen und warf das Haupt der Königin in einen Brunnen. Es hätte seine Logik, die Enthauptung al Kahenas als das Gründungsopfer zur Errichtung des patriarchalen, islamischen Paradigmas in dieser Region des Mittelmeeres zu interpretieren.

 

Die Gottesmutter Maria – ein patriarchales Substitut der Großen Göttin

Auch Männergesellschaften benötigen Frauen, um ihre Herrschaft zu festigen, auszudehnen und um sich zu reproduzieren. Frauen und Göttinnen waren unentbehrlich zur Aufrechterhaltung des Imperium Romanum, aber sie wurden den männlichen Machtinteressen unterworfen, wie die jungfräulichen Vestalinnen, die das heilige Feuer der ewigen Stadt hüteten und die mit dem Tode bestraft wurden, wenn sie sich der sinnlichen Liebe hingaben.

 

Ebenso gelang es dem Christentum, nachdem es Rom und das Mittelmeer erobert hatte, nicht, die mediterrane Göttin vollständig auszurotten. Die Erinnerung an sie blieb über die Jahrhunderte hinweg lebendig. Deswegen suchten die Kirchenväter und Bischöfe nach einem weiblichen Substitut, das ihren patriarchalen Machtinteressen keinen Schaden zufügte, das aber dennoch die tiefe Sehnsucht der Menschen nach einer weiblichen und mütterlichen Gottheit befriedigen konnte. Mit großem Geschick gelang ihnen dies, als sie die Mutter Jesu, neu entdeckten und sie als heilige Jungfrau, als Gottesgebärerin und als Heilsbringerin mythisierten. Auf der Synode zu Alexandrien im Jahre 430 und auf dem Konzil zu Ephesus im Jahre 431 begann der Siegeszug der Maria. Ephesus ist kein Zufall, dort gab es noch in frühchristlicher Zeit einen Hochkult der mediterranen Göttin Artemis. Die ‚große Artemis der Epheser’, wie ihr Titel lautete, verwandelte sich nun in die ‚große erhabene, ruhmreiche Gottesmutter Maria’ des Christentums. Bei dieser Metamorphose änderte die alte Göttin aber nicht nur ihren Namen, sondern auch ihr Wesen. Maria erhielt zwar von nun an den Status eines über allem Menschlichen erhabenen göttlichen Bildes, aber sie unterstand strikt der Vormundschaft des dreieinigen Gottes. Die christliche Himmelskönigin blieb auch nach ihrer Apotheose weiterhin die „Magd des Herrn“.

 

Ein weiterer Versuch, der mediterranen Göttin in der christlichen Kosmogonie einen erhabenen Platz einzuräumen, ist Dantes Göttliche Komödie. Der Dichter erhöht am Ende seines Werkes Maria als die den ganzen Himmel durchdringende Liebeskraft. Aber auch diese himmlische Macht der Liebe bleibt für die Welt und die sterblichen Menschen transzendent, und schließt die Frauen auf Erden weiterhin von der realen Macht aus. Auf Erden erscheint Dante das göttlich Weibliche nur in der Gestalt eines 9 jährigen Mädchens mit dem Namen Beatrice, das früh verstirbt und dem sich der Dichter kaum zu nahen wagte.

 

Selbst im muslimischen Kulturkreis vernehmen mystische Dichter den Ruf der mediterranen Göttin. Schon zwei Generationen vor Dante hatte der arabische Gelehrte Muhammed Ibn al- Arabi  aus Córdoba die Religion als die Sehnsucht nach dem Weiblichen definiert. Auch ihm offenbart sich die Göttin in der Gestalt eines jungen Mädchens. Mehrmals begegnet er ihr, sogar einmal beim Umschreiten der Kaaba. Um seine Vision mit dem monotheistischen Glauben zu vereinbaren, sah er sie als „Gott manifestiert in der Gestalt der Frau“. Doch seine Einsichten hatten ebenfalls keine politischen Konsequenzen für die soziale Gleichberechtigung der Frau im Islam.

 

Die Apokalypse des Johannes – eine misogyne Weltvernichtungsphantasie

Das katastrophalste literarische Werk der christlich-patriarchalen Mittelmeerkultur ist die auf der griechischen Insel Patmos verfasste christliche Offenbarung des Johannes, die so genannte Apokalypse. Dabei handelt es sich um eine „messianische Eschatologie“ im Sinne von Max Weber, da diese Prophezeiung keineswegs nur auf das Jenseits verweist, sondern einen durchaus noch im Diesseits stattfindenden Krieg zwischen Gut und Böse prognostiziert. So ist die Johannesoffenbarung mehr als einmal in der Menschheitsgeschichte als „politisches Programm“ benutzt worden, um den Endkampf gegen eine wie auch immer geartete „Achse des Bösen“ einzufordern. Seit Jahrhunderten dient sie christlichen Fundamentalisten dazu, fanatische Religionskriege ideologisch zu legitimieren und das bis hinein in unsere Gegenwart.

 

Auch hinter diesem endzeitlichen Drama, diesem unsäglichen Horror einer gnadenlosen Weltvernichtung und dieser gequälten Sehnsucht nach einem Paradies, verbirgt sich ein  Geschlechterkrieg. Die gewalttätigen und gnadenlosen Licht- Feuer- und Engelskräfte repräsentieren die männliche Partei der Guten. Ihr oberster Feldherr verkörpert sich in dem wieder auferstandenen, militanten Christus, der auf einem weißen Pferd reitend die Welt mit einem totalen Krieg überzieht.

 

Die weibliche Partei in der Johannesoffenbarung ist gleich durch mehrere Frauengestalten repräsentiert. Was die bösen, matriarchalen Gegenmächte anbelangt, so verdichten sich diese  in dem „apokalyptischen Tier“ mit zehn Hörnern und sieben Köpfen, das dem Wasser entsteigt und das den Himmel und die Welt erobern will. „Es wurde ihm auch die Macht gegeben über alle Stämme, Völker, Sprachen und Nationen. Alle Bewohner der Erde fallen nieder vor ihm.“ – heißt es in der Offenbarung (13: 7, 8). Diese Bestie symbolisiert erneut die alte archaische Göttin, die schon, wie wir eingangs erwähnt haben, in der Mythenwelt der Babylonier, der antiken Griechen und der Hebräer in der Gestalt von Untieren und chaotischen Monstern gegen das „patriarchale Paradigma“ antritt und die am Ende von männlichen Lichthelden getötet und zerstückelt wird wie Tiamat durch Marduk, Typhon durch Zeus, Medusa durch Perseus, der Minotaurus durch Theseus und in späterer Zeit der Drache durch St. Georg. Noch deutlicher zeigt sich die Präsenz der Göttin im Auftritt der „Großen Hure Babylon“, die im 17. Kapitel der Offenbarung auf der apokalyptischen Bühne erscheint. Mit ihren sexuellen und erotischen Verführungskünsten zieht sie die Männer in den Abgrund – Reminiszenzen an die alten matriarchalen Kulte, in denen Promiskuität, Orgien, Männeropfer und Tempelprostitution heilig waren, aber auch Erinnerungen an die tiefsten Ängste des Mannes vor der Frau werden geweckt.  

 

Als lichter Kontrapunkt zu den dunklen matriarchalen Mächten, strahlt im 12. Kapitel der Johannesoffenbarung die transzendente, dem Patriarchat dienende überweltliche Frau in der Gestalt eines, wie es heißt, „mit der Sonne bekleideten“ Weibes, die den kommenden Messias in ihren Armen hält. Das apokalyptische Sonnenweib ist keine andere als Maria, die Magd ihres Herrn, die Frau, die sich dem „patriarchalen Paradigma“ bedingungslos unterworfen hat, ein weiteres Substitut für die mediterrane Göttin.

 

Am Ende der Vision, nach der totalen Weltvernichtung, erscheint dann - ganz unerwartet - ein Versöhnungsbild: die Hochzeit zwischen Christus, als das „Lamm“ bezeichnet, und der „Braut“. Aber diese apokalyptische Braut ist erneut ein symbolisches Substitut für die Göttin, sie ist überhaupt keine als Person verstandene Gottheit oder Frau, sondern eine Stadt, die heilige Stadt Jerusalem. Diese abstrakte Entpersonifizierung des Weiblichen hat ihren Anfang in der Hebräischen Bibel, wo das Volk Israel als Jahwes Braut vorgestellt wird, im Neuen Testament verwandelt sich diese Abstraktion in das dogmatische Bild von der Hochzeit Christi mit seiner Kirche. Was für einen extrem misogynen Charakter die Johannesoffenbarung aufweist, zeigt sich weiterhin daran, dass die 144 000 Auserwählten, die nach dem Endzeit-Massaker erlöst werden, nur Männer sind, „die sich nicht mit Weibern befleckt haben“. Die Szene gilt als die frauenfeindlichste in den ganzen Evangelien.

 

Die Eroberungs- und Untergangs-Visionen der Johannesoffenbarung haben verheerende Auswirkungen auf die Geschichte gehabt. Immer wieder wurde dieses Schreckensdokument des Mittelmeeres beschworen: in den christlichen Kreuzzügen gegen den Islam, in den europäischen Religionskriegen zwischen Katholiken und Protestanten, selbst einflussreiche Nazis ließen sich daraus inspirieren. Doch dieser Wahn gehört keineswegs der Vergangenheit an. In den letzten Jahren haben Weltuntergangsideologien bei islamischen, christlichen und jüdischen Fundamentalisten Hochkonjunktur - in den USA ist es die Christian Right, in Israel sind es die Religiösen Zionisten und in den muslimischen Ländern sind es Islamisten aller Schattierungen, die heute den Konflikt im Nahen und Mittleren Osten als die sich erfüllenden apokalyptischen Prophezeiungen eines globalen Krieges zwischen Gut und Böse, zwischen Gläubigen und Ungläubigen interpretieren. Wer die Rolle der Frauen in diesen fundamentalistischen Gruppierungen unter die Lupe nimmt, der wird sofort erkennen mit welcher Radikalität dort das „patriarchale Paradigma“ weiterhin durchgesetzt wird.

 

Das „Paradigma der Geschlechterbegegnung“

Zusammenfassend können wir sagen: Zwei umfassende, einander widersprechende Paradigmen haben seit Jahrtausenden die übergreifenden Kulturkreise des Mittelmeeres bestimmt, das „matriarchale Paradigma“ und das „patriarchale Paradigma“. Der Konflikt zwischen beiden führte nicht nur zu Machtkämpfen und Kriegen, sondern die psychologischen, sozialen und politischen Beziehungen zwischen beiden Geschlechtern widerspiegeln bis in die Gegenwart hinein die in den Epen, Dramen und Tragödien des Mittelmeeres ausgetragenen Gender-Konflikte. Insbesondere hat die Verarbeitung der Geschlechterbeziehungen in der römisch-griechischen Mythologie der europäischen Kulturgeschichte ihren Stempel aufgeprägt. Die Frage stellt sich somit ganz naturwüchsig, ob nicht die Zeit für ein neues Paradigma gekommen ist, ein „Paradigma der Geschlechterbegegnung“?

 

Erfreulicherweise können wir schon in den vergangenen Mittelmeerkulturen auf  Mythen und Geschichten zurückgreifen, die das Glück und den Frieden zwischen den Geschlechtern ins Zentrum stellen. Das bekannteste Epos dieses Genres ist Homers Odyssee. Zehn Jahre lang ließen die Götter den Helden Odysseus umherirren, bis er zu seiner Gattin Penelope heimkehren durfte. Die Rückkehr des Odysseus in seine Heimat Ithaka ist die humane Antwort auf den ewigen Geschlechterstreit der griechischen Gottheiten. Odysseus überwindet auf seinen Irrfahrten durch das Mittelmeer alle Hindernisse, um den gähnenden Abgrund, der in diesem Teil der Welt Mann und Frau voneinander trennt, zu überbrücken. Dies kann ihm nur gelingen, indem er die an ihren gegenseitigen Streitereien verbissen festhaltenden Götter und Göttinnen überlistet.

 

Auch andere mediterrane Geschichten nehmen das neue „Paradigma der Geschlechterbegegnung“ vorweg. Zum Beispiel die Liebesromanze von Amor und Psyche aus dem 2. Jahrhundert, die der römische Schriftsteller Lucius Apuleius aufgeschrieben hat. Octavio Paz verweist auf den „revolutionären“ Aspekt dieser „Lovestory“ für die gesamte europäische Liebeskultur. In der antiken Gesellschaft wurde die Liebe fast ausschließlich von der Person des Liebenden aus thematisiert. Der/die Geliebte war vor allem das Objekt des eigenen Liebesverlangens. In Amor und Psyche aber steht die wechselseitige Subjektivität der sich Liebenden im Zentrum. Amor liebt Psyche und Psyche liebt Amor. So unterscheidet sich ihre Liebe von den unzähligen Amouren der griechischen und römischen Götter, da sie sich nicht nur an der Sinnlichkeit der nackten Körper erfreut, sondern das seelische Potential der Partner mit in die Beziehung einbringt und deswegen erst zum Eros wird. Psyche beseelt Amor und Amor versinnlicht Psyche.

 

Wir könnten noch eine ganze Anzahl von Mittelmeer-Mythen aufzählen, die sich an einer Kultur der Geschlechterbegegnung, einer Kultur des Eros orientieren. Diese muss die drei abrahamitischen Religionen nicht als reine Gegnerinnen verstehen, denn wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass die Genesis der Menschheit weder im Judentum, noch im Christentum, noch im Islam mit dem „Patriarchen“ Abraham beginnt. Wir sind nicht primär die „Kinder Abrahams“, wie heute überall im interreligiösen Dialog pathetisch hervorgehoben wird, noch sind wir aus der Parthenogenese einer Übermutter entstanden, wie es einige Feministinnen behaupten, sondern wir Menschen sind an erster Stelle die Kinder eines Liebespaares – die Kinder von Adam und Eva.

 

Insbesondere das Judentum und der Islam haben, obgleich sie dem „patriarchalen Paradigma“ folgen, eine reiche Kultur der Geschlechterliebe hervorgebracht. Aus der Hebräischen Bibel stammt das bekannteste Liebesgedicht des Mittelmeeres, ja der gesamten Weltliteratur, das „Lied der Lieder“, das Hohelied auf den göttlichen Eros zwischen Mann und Frau. Im arabischen Andalusien pflegte man eine Poesie, in der die Liebe zwischen Mann und Frau als eine überzeitliche, archetypische Schönheit besungen wird, ohne dass sie deswegen auf die Sinnlichkeit verzichten musste. Von nachhaltiger Wirkung für dieses literarische Genre ist ein Traktat des Gelehrten Ibn Hazan aus Sevilla mit dem Titel „Das Halsband der Taube“ - eine Liebeslehre, eine ars amandi, die im Gegensatz zu Ovids betonter Körperlichkeit nach der Verbindung von geistiger, seelischer und körperlicher Liebe sucht. Das „Halsband der Taube“ wurde im 11. Jahrhundert verfasst und hat später die Imagination der provençalischen Troubadoure beeinflusst. Von größter Achtung gegenüber der Frau ist auch das umfangreiche Oeuvre eines zweiten Andalusiers, von Muhammad Ibn Arabi. Wenn Ibn Arabi sagt: „Ich beziehe mich auf eine Religion der Liebe gleich welche Richtung sie nimmt: die Liebe ist meine Religion, die Liebe ist mein Glaube“ („Je me lie par la religion de l’amour quelque soit la direction que prennent ses coursiers: l’amour est ma religion, l’amour est ma foi“) dann meint er mit „Religion der Liebe“ nicht nur - wie viele Sufis - die geistige Liebe, sondern ebenso die körperliche Liebe zwischen den beiden Geschlechtern. Die Verbindung von Sinnlichkeit (sensibilité) und  Spiritualität (spiritualité), von Sexualität und Transzendenz hat in der arabisch-islamischen Kultur eine einmalige Reife erfahren.

 

In unserem Plädoyer für ein Kultur der Geschlechterbegegnung möchten wir uns jedoch dafür einsetzen, dass das neue Paradigma eine weit über der Eros hinausragende Symbolkraft erhält. Eine solche Ausweitung des Paradigmas ist keineswegs willkürlich, greifen doch alle drei monotheistischen Religionen zu Bildern des Eros, wenn sie bestimmte religiöse Beziehungen ausdrücken wollen, ganz besonders zur Metapher der Hochzeit. Sowohl in der jüdischen, als auch in der christlichen, als auch in islamischen Mystik wird die Vereinigung mit Gott als „Hochzeit“, als hieros gamos, bezeichnet. Da die neue kulturelle Achse der Geschlechter aus der Überwindung des matriarchalen und des patriarchalen Paradigmas entsteht, drückt sie symbolisch die Umwandlung von Dualismen in Formen der Polarität, der Kooperation und der Vereinigung aus. Das „Paradigma der Geschlechterbegegnung“ fordert die Einheit von Macht und Liebe, von Logos und Eros, von Verstand und Gefühl, von Körper und Seele, von Spiritualität und Sinnlichkeit, von Freiheit und Bindung, von Natur und Geist, von Nord und Süd, von West und Ost, von Europa und Afrika, von Israel und Palästina, von Christen und Muslimen, von Schwarz und Weiß – kurz es spricht über die Heilige Hochzeit von Rom und Karthago, von Gott und Göttin, von Mann und Frau.

 

Wir haben als Erinnerung und als Hommage an die Treue und Liebe des Odysseus zu seiner Gattin Penelope und an die Mühsale seiner turbulenten Irrfahrten, die er vor seiner Heimkehr erdulden musste, die Realisierung des von vorgeschlagenen „Paradigmas der Geschlechterbegegnung“ für ein neues Mittelmeermodell „Projekt Ithaka“ genannt. Odysseus widersteht der Willkür der Götter. Verstand, List, Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Ausdauer und Stärke bringen ihn zu seinem Ziel. Dieses Ziel ist die Geschlechterliebe. Auch sind die patriarchalen Tugenden Krieg, Heroentum und Ruhm nicht die vordringlichen Ambitionen des Odysseus, sondern es sind Heimat, Glück, Friede, Familie und  Eros.

 

Wir sprechen von einem „Projekt“, weil es sich um ein langfristiges Unterfangen handelt, um ein Kulturprogramm innerhalb der neuen Mittelmeerunion, dessen Absicht es ist, das „Paradigma der Geschlechterbegegnung“ bekannt zu machen, zu diskutieren und zu festigen. Das „Projekt Ithaka“ hat einen kritischen und einen kreativen Teil. Im kritischen Teil wird die Beziehung der Geschlechter in den mediterranen Kulturkreisen untersucht, angefangen von der Frühgeschichte bis heute. Im kreativen Teil werden Kulturentwürfe vorgeschlagen und zur Diskussion gestellt, welche die Kooperation und die Liebe zwischen den Geschlechtern als originäres Anliegen haben. Der Kunst kommt in diesem Kontext eine zentrale Rolle zu. Ob und wie sich das „Projekt Ithaka“ realisieren lässt, darüber möchten wir in unserem Workshop diskutieren.

                          


Erläuternde Beiträge zum Text:

 

Anatomie eines Selbstmords - Henry Purcell‘s Dido and Aeneas

 

Kahena – die vergessene Königin von Ifrikia

 

 

© Victor & Victoria Trimondi