BUDDHISMUSDEBATTE

Kritische Auseinandersetzung mit dem Buddhismus

 

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BUDDHISMUSDEBATTE

Zahlreiche Artikel zum Lamaismus finden Sie auch unter den Segmenten Hitler-Buddha-Krishna und Kritisches Forum Kalachakra. Siehe ebenfalls: Presseberichte und Interviews.

Buddhokratie und Weltenherrschaft II


1. - Die coole Restauration einer weltweiten Buddhokratie

2. - Den größten Schaden den wir anrichten, betrifft ein paar Teepflanzen

3. - Buddhokratie und Weltenherrschaft I


Die coole Restauration einer weltweiten Buddhokratie

Rezension des Buches von Robert Thurman - "Revolution von innen - Die Lehren des Buddhismus oder das vollkommene Glück" - (Econ Verlag, Oktober 1999) von Victor & Victoria Trimondi

BIOGRAPHISCHE NOTIZ ZU ROBERT THURMAN

DIE BONNER TIBET-KONFERENZ (1996)

DIE GESTOHLENE REVOLUTION

DIE THURMAN'SCHE GESCHICHTSKLITTERUNG

EINE WELTWEITE BUDDHOKRATIE

TIBET - EIN LAND DER AUFKLÄRUNG ?

THURMAN ALS HOHEPRIESTER DES KALACHKRA TANTRA

ZUR DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG

In den Rezensionen einiger Zeitungen der liberalen Presse (SZ, NZZ, Standard) bestand das Hauptargument gegen unser Buch "Der Schatten des Dalai Lama" darin, wir würden dem Dalai Lama (und seinem System) bösartigerweise unterstellen, dass er eine globale "Buddhokratie", eine Buddhisierung unseres gesamten Planeten anstrebe. In etwas differenzierteren Besprechungen hieß es, eine solche Absicht könne durchaus Inhalt der von uns vorgelegten tibetischen Ritualtexte (insbesondere des Kalachkra Tantra) und politischen Visionen (insbesondere des Shambhala Mythos) sein, diese Dokumente stammten jedoch aus längst vergangenen Zeiten und spielten heute im religiösen Leben des Lamaismus keinerlei Rolle mehr. Obgleich wir ein enormes Material präsentiert haben, das den lamaistischen Weltenanspruch beweist und wir dieses gewissenhaft kommentiert haben, wollen das bestimmte Rezensenten einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Im Zusammenhang mit dem Dalai Lama Syndrom durchläuft der kritische Journalismus in der Tat eine existenzielle Krise. Die Unfähigkeit vieler Intellektueller, in "metapolitischen" Zusammenhängen zu denken, führt zu einer erschreckenden Blindheit angesichts der rapiden kulturellen Veränderungen, welche die Weltgesellschaft seit mehreren Jahren durchläuft. Irgendwie geht man hierzulande immer noch von dem Stereotyp aus, Politik und Religion seien zwei voneinander getrennte Bereiche. So absurd es klingen mag, viele religiöse Gruppierungen haben es mittlerweile brillant verstanden, sich diese Trennung nutzbar zu machen. Obgleich sie von ihrem Selbstverständnis her genau das Gegenteil beabsichtigen, nämlich ein Zusammengehen von Religion und Politik, gibt ihnen deren aktuelle Separation in den westlichen Demokratien die Möglichkeit, ohne öffentliche Debatte und Kritik ihre Ideen zu verankern und zu verbreiten. Keinem gelingt es besser als dem Dalai Lama und seiner Religion, die westliche Aufspaltung in Sakralität und Profanität zu eigenen Nutzen auszubeuten. Er hat es sogar verstanden, das atavistisches System des Lamaismus als den Garant für bürgerlicher Freiheiten und Tugenden zu präsentieren.

Zugegeben, eine solche Täuschung ist schwer zu durchschauen und wir selber sind jahrelang Opfer dieses Blendwerks gewesen. Umso mehr bedarf es einer stoischen Geduld, um die öffentliche Auseinandersetzung über den Buddhismus in Schwung zu bringen und die Dringlichkeit einer solchen Debatte zu vermitteln. Die honigsüßen Gemeinplätze über den Dalai Lama und den tibetischen Buddhismus haben den Geschmack schon so verdorben, dass man den bitteren Inhalt der lamaistischen Zuckerpillen nicht mehr verspürt.

Vielleicht hilft es einigen Journalisten durch eine aufmerksame Lektüre von dem jetzt im ECON VERLAG erschienen Buch "Revolution von Innen - Die Lehren des Buddhismus oder das vollkommene Glück" von Robert Thurman, die festgefahrenen Klischees zu durchbrechen und ihre intellektuelle Unabhängigkeit zurückzugewinnen.

Thurman fordert in seinem Buch offen und ungeschminkt die "Errichtung einer weltweiten Buddhokratie" und zwar unter der ausdrücklichen Billigung des XIV Dalai Lama, wie sich das aus dessen Vorwort zum Buch ergibt. Zwar verpackt er seine Forderung in ein Gewebe, welches aus westlichen Wertvorstellungen (Demokratie, Individualismus, Gleichheit der Geschlechter) gestrickt ist, aber die Intention und die Strategie wir klar und offen ausgesprochen. Das macht diesen Text für die Debatte so wichtig und Thurman ist kein Nobody, keine Randerscheinung der buddhistischen Szene, sondern gilt als das "Sprachrohr des Dalai Lama" (Time Magazin) in den USA, dem ersten westlichen Land, wo sich nach der Prognose des Autors das buddhokratische Modell realisieren soll.

BIOGRAPHISCHE NOTIZ ZU ROBERT THURMAN

Robert Alexander Farrar Thurman, der Gründer und derzeitige Leiter des Tibet House in New York, ging Anfang der 60er Jahre nach Dharamsala. Dort wurde er 1964 dem Dalai Lama als ein "verrückter amerikanischer Junge, äußerst intelligent und mit einem guten Herzen", der buddhistischer Mönch werden will, vorgestellt. Der tibetische Hierarch akzeptierte den Wunsch des jungen Amerikaners, ordinierte ihn als ersten (!) Abendländer zum tibetischen Mönch und überwachte seine Studien und initiatorischen Übungen persönlich. Er legte auf die Ausbildung Thurmans einen solch großen Wert, dass er ihn wöchentlich zu einem persönlichen Gespräch bestellen ließ. Thurmans erster Lehrer war Khen Losang Dondrub, Abt des Namgyal Klosters, das speziell mit der Durchführung des sogenannten Kalachakra Rituals beauftragt war. Später wurde dem "verrückten" Amerikaner, der heute von sich behauptet, er werde die Buddhisierung der U.S.A. noch zu Lebzeiten (Geb. 1941) feiern können, der Kalmüke Geshe Wangyal (1901 - 1983) als Lehrer zugeteilt.

Aus Indien in die U.S.A. zurückgekehrt, begann Thurman dort mit einer akademischen Karriere, studierte in Harvard und übersetzte mehrere klassische buddhistische Texte aus dem Tibetischen. Dann gründete er das "Tibet House" in New York, ein als Kulturinstitution getarntes Missionsbüro zur Verbreitung des Lamaismus in Amerika.

Neben den beiden Schauspielern Richard Gere und Steven Seagle ist Thurman das Zugpferd des tibetischen Buddhismus in den USA. Seine berühmte Tochter, die Hollywood Schauspielerin Uma Thurman, welche schon als kleines Kind auf dem Schoß des tibetischen "Gottkönigs" saß, trug nicht wenig zur Popularität ihres Vaters bei und öffnete die Tore zur Hollywood - Prominenz. Der Herald Tribune nannte Thurman "den akademischen Gottvater der tibetischen Sache". (Herald Tribune, 20. März, 1997, 6) und das Magazin Time reihte ihn 1997 unter die 25 einflussreichsten Meinungsmacher der USA ein. Er wird dort mit einem vielsagenden ironischen Unterton als der "Heilige Paulus oder Billy Graham des Buddhismus" bezeichnet. (Time, 28 April, 1997, 42) Thurman ist in der Tat wortgewaltig und versteht es, mit einer packenden Polemik und rhetorischen Brillanz seine Zuhörer zu faszinieren. Die Tibeter nennt er zum Beispiel "die Seerobbenbabys der Menschenrechtsbewegung."

In der Shugden Affäre ergriff Thurman selbstverständlich die Position des XIV Dalai Lamas und ging mit aller Schärfe gegen die "Sektierer" vor und machte sie öffentlich als die "Taleban des Buddhismus" verächtlich. Als in Dharamsala drei Mönche niedergestochen wurden sah er in diesem Mord eine rituelle Handlung: "Die drei wurden wiederholt mit Dolchen verletzt und in einer Art und Weise aufgeschnitten, die an einen Exorzismus erinnert." (Newsweek, Mai 5, 1997, 43).

Thurman ist der exponierteste Intellektuelle in der amerikanischen Tibetszene. Seine tiefen Kenntnisse von den okkulten Grundlagen des Lamaismus, sein intensives Studium der tibetischen Sprache und Kultur, seine Einweihung als der erste lamaistischer Mönch aus dem westlichen Lager, seine rethorische Brillanz und nicht zuletzt seine enge Beziehung zum XIV Dalai Lama, die nicht nur eine persönliche Freundschaft beinhaltet und auf einer religionspolitischen Allianz beruht, machen diesen Mann zu einem Hauptdarsteller im lamaistischen Welttheater. Der Amerikaner ist - wie wir sehen werden - der exoterische Protagonist eines esoterischen Bühnenstücks, dessen Skript im sogenannten Kalachakra Tantra aufgeschrieben ist. Er fordert in seinem Buch eine "coole Revolution der Weltgemeinschaft" und versteht darunter "eine coole Restauration des lamaistischen Buddhismus auf Weltebene".

DIE BONNER TIBET-KONFERENZ (1996)

Wir begegneten Robert Thurman persönlich auf einer Tibet-Konferenz in Bonn ("Mythos Tibet" - 1996). Er war dort zweifelsohne der prominenteste und theatralischste Redner und schoss weit über das Ziel hinaus, welches sich die Konferenz gesetzt hatte. Die Veranstalter wollten einen akademisch- aseptischen Diskurs über Tibet und seine Geschichte eröffnen nach dem Motto: das Tibetbild, wie wir es kennen, ist eine westliche Projektion. In Wahrheit war und ist Tibet ein widersprüchliches Land wie jedes andere auch und hat eine zerrissene Geschichte wie andere Völker auch. Das Tibetbild sollte also sowohl von jeglichem Okkultismus als auch von einseitigen Glorifizierungen gereinigt werden. So versammelte man in Bonn die bekanntesten Köpfe der modernen, internationalen Tibetologie. Dabei ging es in der Tat überraschend kritisch zu und es trat ein Tibetbild zu Tage, was einem manche Illusion nehmen konnte. Von einem makellosen und spirituellen Shangri-La auf dem Dach der Welt war nicht mehr die Rede.

Trotz dieses augenscheinlich kritischen Ansatzes muss die Veranstaltung als eine Manipulation bezeichnet werden. Zuerst einmal wurde das Klischee gefestigt, ausschließlich der Westen würde für das hierzulande verbreitete Tibet Image verantwortlich sein. Wir haben an vielen Stellen (auch in dieser Homepage - siehe unter Michael v. Brück) gezeigt, dass dieses verklärte Bild ebenfalls ein Produkt der Lamas und des XIV Dalai Lama selber ist. Völlig ausgeschert aus der Bonner Debatte wurde vor allem die Tatsache, dass der Lamaismus einen Weltentwurf in der Tasche hat, nach dem an die Stelle der westlichen Zivilisation das neue Millenium des Buddhismus treten soll und dass er systematisch auf diese Richtung hin arbeitet. Der Globalisierungsanspruch des tibetischen Buddhismus sollte stillschweigend übergangen werden. Tibet erschien auf dieser Konferenz weiterhin als das kleine vom chinesischen Riesen unterdrückte Land, und die Wissenschaftler, von denen die meisten praktizierende Buddhisten waren, präsentierten sich als engagierte Ethnologen, welche sich - wenn auch diesmal etwas kritischer als sonst - dafür einsetzten, die gefährdete Kultur eines bedrohten Bergvolkes zu retten. Das war im Großen und Ganzen die Ausrichtung der Bonner Konferenz. Man wollte sich eine Insel "nüchterner" Wissenschaftlichkeit und der Fachkompetenz schaffen, um etwas (wenn auch nicht zuviel) Realistik in das mittlerweile von den Medien völlig überzogene Tibetbild zu bringen - mit der begründeten Befürchtung, dass dieses nicht ewig aufrechtzuerhalten sei.

Diesem wohl kalkulierten Anliegen der Bonner Tibetologen machte Robert Thurman einen dicken Strich durch die Rechnung. In einer wortgewaltigen Rede mit dem Titel "Getting beyond Orientalism in approaching Buddhism and Tibet: A central concept" entwarf er eine Vision von der Buddhisierung unseres Planeten beziehungsweise von der Errichtung einer weltweiten "Buddhokratie". Er wagte sich hier noch einige Schritte weiter wie in seinem zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen Buch "Revolution von Innen". Die Quintessenz seines engagierten Vortrages: der dekadente, materialistische Westen wird schon bald untergehen und an seine Stellte wird ein globales monastisches System nach tibetischem Muster treten.

Das versetzte die Veranstalter der Tibetkonferenz in äußerste Irritation und störte gewaltig ihren vorgeblich akademischen Clearingsversuch: Die megalomanischen Ansprüche des tibetischen Neobuddhismus drängten sich in Thurmans Rede offen und ungeschminkt ins Rampenlicht. Es kam zu einem spektakulären Krach mit dem Referenten und Thurman verließ Bonn frühzeitig.

Aber die Sache hatte noch ein Nachspiel: In der Anthologie zur Konferenz, die ein Jahr später publiziert wurde und in der alle sonstigen Vorträge abgedruckt waren (Th. Dodin/ H. Räther - Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien -), sucht man Thurmans Beitrag umsonst. Dieser müsse - so der Herausgeber Thierry Dodin - als "wissenschaftlich unseriös" eingestuft werden. Mit einem solchen Etikett wendet sich der Assistent Dodin paradoxerweise gegen einen der "Besten" der eigenen Zunft, den er zudem als Starreferenten auf die besagte Konferenz eingeladen hatte und der die begleitende Mega-Austellung "Weisheit und Liebe - 1000 Jahre Kunst des tibetischen Buddhismus" für die Bonner Kunsthalle konzipiert und organisiert hatte. Thurman hatte und hat an den renommiertesten amerikanischen Universitäten Professuren für Religionswissenschaften und Tibetologie inne (in Harvard, an der Columbia University und am Amherst College). Die wissenschaftliche Reputation des Redners steht damit völlig außer Zweifel, ob er darüber hinaus tatsächlich wissenschaftliche Absichten verfolgt ist eine andere Frage. Er dürfte darüber hinaus der bekannteste (!) Tibetologe der Welt sein, immerhin wurde er 1997 zu den 25 berühmtesten Männern der USA von Time Magazine erkoren. Des weiteren genießt er die volle Billigung des XIV Dalai Lama für seine Schriften.

Weniger die wissenschaftliche Inkompetenz noch seine Geschichtsklitterungen (wie wir gleich sehen werden) sondern die Ehrlichkeit, Klarheit, Offenheit und Präzision mit der Thurman in seiner Rede aufzeigt, dass der Lamaismus eine monastische "Eroberung" des "dekadenten Westens" als Ziel hat, war den "Akademikern" in Bonn peinlich. Solch "metapolitische" Absichten des Dalai Lama und seines Systems durften - das war den Veranstaltern, von denen die meisten zur Tibet Unterstützungsszene zählten, klar - auf keinen Fall eine breite Diskussion auslösen. So verschwand Thurmans Rede aus der Anthologie und damit aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Wären Thierry Dodin und sein Mitherausgeber H. Räther an einer wirklichen Entmythologisierung des Tibetbildes interessiert, so hätten sie Thurmans "unwissenschaftliche" Rede in ihrer Publikation ebenfalls abgedruckt und sich dann kritisch damit auseinandergesetzt, wie dies übrigens auch auf der Bonner Konferenz geschah. Denn gerade Thurmans "unwissenschaftlicher" aber dennoch eindeutiger und klarer Beitrag bewirkte, dass in den folgenden Konferenztagen mehrere Teilnehmer und Referenten ermutigt wurden, endlich das kritische Ventil zu ziehen und offen über die "heiklen" und "geheimen" Sujets der lamaistischen Schattenseite zu debattieren. Es kamen Themen zur Sprache, die normalerweise verdrängt werden: die Sexualmagie der Tantras, der Mord an König Langdarma durch einen Mönch, das kriegerische Aggressionspotential in der tibetischen Kultur, die Frauenunterdrückung und ähnliches mehr. Dank Thurmans Rede wurde die Bonner Konferenz unerwartet, und sicherlich ursprünglich in diesem Ausmaße nicht von den Veranstaltern geplant, zu einem vielversprechenden Diskussionsforum - wenn auch leider ohne große Folgen.

Ebenso wie er den Fall Thurman verschwiegen hat, versucht Thierry Dodin jegliche Debatte über unser Buch ("Der Schatten des Dalai Lama") und die Kritik von Colin Goldner (Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs) abzublocken. Er war ("als kompetenter Fachmann") von der Zeitschrift "Der Spiegel" damit beauftragt, eine Rezension der beiden Bücher zu schreiben. Den Grund weshalb es nicht dazu kam, können wir uns leicht denken, denn Dodin möchte eine fundierte Auseinandersetzung mit dem tibetischen System und seiner Geschichte mit allen Mittel unterdrücken, weil er sehr genau weiß, worum es dabei geht. Dies ergibt sich auch aus einer dreisten Aussage, welche er auf einer Veranstaltung des Tibet Forums (Frankfurter Buchmesse 1999) machte, als er zum Thema "Kritische Neuerscheinungen zum Thema Dalai Lama und tibetischer Buddhismus" (gemeint waren die Bücher von uns und von Colin Goldner) verlauten ließ, es handele sich dabei um "alte Kamellen, die längst Bekanntes wiederkäuen". Wenn wir dieses Statement ernst nehmen, dann wäre es eine couragierte Bezeugung für den fundamentalistischen, sexistischen, kriegerischen und trügerischen Charakter des tibetischen Systems, so wie dieses in beiden genannten Büchern ausführlich dargestellt wird. Aber die "Schattenseiten des Dalai Lama" und des Lamaismus sind keineswegs in der Öffentlichkeit "längst bekannt" und Dodin will auch hier durch alberne Sprüche eine offene Diskussion über die beiden Texte verhindern. Er zählt zu dieser neuen Kategorie "Wissenschaftlern", deren Arbeiten der australische Tibetforscher Peter Bishop wie folgt beschreibt: "Viele zeitgenössische westliche Studien machen lange Ausführungen, um zu vermeiden, sich mit der Schattenseite des tibetischen Buddhismus zu konfrontieren. Man kann oft eine soziologische Naivität feststellen, die im starken Kontrast zu den Zielen wissenschaftlicher Exaktheit stehen."

Da so ziemlich alles an der westlichen Selbstdarstellung des Lamaismus zwiespältig und doppeldeutig ist, machte auch die Bonner Konferenz mit wenigen Ausnahmen davon leider keine Ausnahme. Es war der mittlerweile gescheiterte Versuch "buddhistischer" oder mit dem Dalai Lama sympathisierender Wissenschaftler, den Eindruck zu verbreiten, als verrichte ihre Zunft eine ständige Entmythologisierung des Tibetbildes, während sie zur gleichen Zeit eine (von Thurman zusammengestellte und konzipierte) Megaausstellung ("Weisheit und Liebe") ihre Konfeenz begleitete, in welcher die "Mythologisierung des Schneelandes" auf die Spitze getrieben wurde. Der "Mythos Tibet" ist zu einem machtvollen Symbol für die weltweite Verbreitung des Lamaismus geworden und wird von Buddhisten und Dalai Lama Sympathisanten aller Richtungen ohne "wissenschaftliche" Hemmungen für sich ausgeschlachtet.

Doch zurück zu Thurman! Seine Bonner Rede war schlichtweg ehrlich, nannte die Dinge beim Namen und bleibt ein eminent wichtiges Dokument, da sie den Begriff "Buddhokratie" in die Diskussion einführt und zwar als etwas Erstrebenswertes, ja als den Rettungsanker aus dem Untergang der "modernen" Welt. Wer die Hintergründe des Lamaismus kennt, weiß, dass der religionspolitische Globalanspruch des tibetischen Systems, der im Ritualtext des Kalachakra Tantra kodifiziert ist, von Thurman in eine westliche allgemein verständliche Sprache übersetzt wurde. Das amerikanische "Sprachrohr des Dalai Lama" ist der Kronzeuge dafür, dass nicht nur in den tantrischen Ritualen, sondern auch von den Propagandisten des tibetischen Buddhismus eine weltweite "Buddhokratie" angestrebt wird. Wahrscheinlich unter dem Eindruck der Bonner Ereignisse hat Thurman seinen endgültigen Buchtext revidiert und um einiges entschärft. Die Reizworte "Buddhokratie" und "buddhokratisch" tauchen hier nicht mehr an solch zentraler Stelle auf, wie in der Bonner Rede, auch wenn sie hinreichend oft erwähnt werden. Dennoch bleibt die "buddhokratische" Absicht bei einer aufmerksamen Lektüre des Werkes keineswegs verborgen. Wir werden jedoch sein Buch, um die Intentionen noch klarer herauszustellen, im Zusammenhang mit der Bonner Rede rezensieren.

DIE GESTOHLENE REVOLUTION

Wer die politischen Programmpunkte, die von vorne bis hinten Thurmans Buch "Revolution von Innen" durchziehen, resümiert, der wird bald erkennen, dass es sich weitgehend um Forderungen der "revolutionären" Basisbewegungen der 70er und 80er Jahre handelt. Von Gleichheit der Geschlechter, individueller Freiheit, persönlicher Befreiung, kritischem Denken, von Nonkonformismus, von Basisdemokratie, von Menschenrechten, von Gesellschaftsethos, von einer staatlich garantierten Existenzsicherung für alle, von gleichen Bildungschancen für alle, von Gesundheits- und Sozialleistungen für alle, von ökologischem Bewusstsein, von Toleranz, Pazifismus, Selbstvervollkommnung ist hier die Rede. In einer Zeit, in der all diese Ideen nicht mehr dieselbe Attraktionskraft haben wie vor 20 Jahren, wirken solche nostalgischen Forderungen wie Balsam. Die Ideale der jüngsten Vergangenheit scheinen also nicht umsonst gewesen sein! Die Utopien der 60er werden sich also doch realisieren und zwar diesmal - so Thurman - ohne jegliche Gewaltanwendung. Das Zeitalter der "coolen Revolution" habe gerade erst begonnen und wir erfahren, dass all diese individual- und sozialpolitischen Zielsetzungen schon seit jeher das Kulturgut des Buddhismus gewesen seien, speziell des Lamaismus tibetischer Prägung.

Mit diesem Kunstgriff vereinnahmt Thurman das gesamte "revolutionäre" Ideengut einer Protestgeneration, die eine humanpolitische Veränderung der Welt als Ziel hatte und spannt es vor einen tibetisch-buddhistischen Weltentwurf. Er ist darin ein brillanter Schüler seines lächelnden Meisters, des XIV Dalai Lama. Zehntausende von Menschen in Europa und Amerika (darunter Petra Kelly und auch wir) sind zu Opfern dieser raffinierten Manipulation geworden und haben geglaubt, dass der Lamaismus das (!) Vorbild für eine humanpolitisch engagierte Religion sein könne. Tausende haben sich für das kleine und unterdrückte Tibet eingesetzt, weil sie in diesem Land ein Schatzhaus spiritueller und ethischer Werte verehrten, das vom chinesischen Totalitarismus zerstört wurde. Der tibetische Buddhismus als das letzte Refugium für die sozialrevolutionären Ideale der 70er - als der Erbe der politisch engagierten Jugendbewegung? Das ist - wie wir noch zeigen werden - die Selbstdarstellung des Lamaismus in Thurmans Buch und der XIV Dalai Lama gibt dieser Interpretation sein Plazet "Thurman erklärte mir" - so in seinem Vorwort zur Revolution von Innen - "einige Intellektuelle im Westen seien der Meinung, der Buddhismus habe nicht die Absicht, die Gesellschaft zu verändern. .... Thurmans Buch erscheint daher gerade zur rechten Zeit, um mit den in den Köpfen herumgeisternden Vorstellungen aufzuräumen, der Buddhismus sei eine sich nicht sozial engagierende Religion." (13)

Wer aber hinter die Kulissen schaut, der wird leider feststellen müssen, dass Thurman mit seinem politischen Forderungskatalog der "revolutionären" Generation des Westens nur den Spiegel ihrer eigenen Ideale vorhält und dass er sie nicht über die Wirklichkeit des lamaistischen System aufklärt, in dem völlig konträre gesellschaftspolitische Muster wirksam waren und sind.

Jahrelang und ungehindert konnte diese illusionäre Welt vom "reinen Buddhismus" aufgebaut und im Massenbewusstsein des Westens verankert werden und sie wirkt immer noch fort. Wer dagegen unvoreingenommen die Geschichte Tibets und der Dalai Lamas studiert, wer das lamaistische Ritualwesen, speziell seine sexualmagischen Praktiken kennt, wer über die aktuellen politischen Zustände unter den Exiltibetern informiert ist, der muss sich redlicherweise zugestehen, dass wir es hier nicht mit einer demokratischen, ökologischen, individualistischen, pazifistischen und aufgeklärten Kulturgemeinschaft zu tun haben.

Das pure Gegenteil ist der Fall! Hinter dem vorgeblichen Liebesschwur zur Erlösung aller leidenden Wesens (Bodhisattva-Gelübde) verbergen sich Machtobsessionen einer im Okkultismus versunkenen Priesterkaste.

Damit dies nicht offenkundig wird, ist die Konstruktion eines gefälschten Geschichtsbildes notwendig, wie sie Thurman in seinem Buch "gewissenhaft" und konsequent durchführt.

Das Alte Tibet wird von ihm als eine Art sanfte "Gelehrtenrepublik" nach Innen gekehrter Mönche geschildert, frei von den Turbulenzen europäisch-imperialistischer Wirtschafts- und Kriegspolitik. In ihrer Abgeschiedenheit vollzogen diese heiligen Männer seit Jahrhunderten einen Weltauftrag, der erst in unseren Tagen zu tragen kommt. Der Westen - erklärt Thurman - habe seit der Renaissance die "äußere Moderne", das heißt die "äußere Erleuchtung", durch die wissenschaftliche Revolution verwirklicht. In der gleichen Zeit (vor allem seit der Regierung des V Dalai Lama im 17. Jh.) habe sich im Himalaja eine "Innere Revolution" vollzogen, die von dem Amerikaner kühn als "innere Moderne" gedeutet wird: "So müssen wir das, was wir normalerweise im Westen als 'Modernität' bezeichnen als eine 'materialistische' oder 'äußere' Modernität qualifizieren, und es mit einer parallelen aber alternativen tibetischen Modernität kontrastieren, die wir als 'spirituelle' oder 'innere' Modernität' einschätzen." (Übers. Originaltext 247) Auf der Bonner Konferenz (1996) nannte er dies in der Tat die "innere Modernisierung der tibetischen Gesellschaft".

Der engagierte Buddhismus - so Thurman - sei dabei, eine "coole (gleichmütige) Revolution" auszulösen. "Cool" im Gegensatz zu den "heißen" Revolutionen der vom Westen dominierten Weltgeschichte, die Blut und Tote forderten. Die fünf Grundsätze dieser "coolen Revolution" werden wiederum geschickt einem westlichen und nicht östlichen) Wertesystem zugeordnet: Transzendentaler Individualismus (transcendental individualism), gewaltloser Pazifismus (nonviolent pacifism), Erziehungsevolution (educational evolutionism), ökosozialer Altruismus (ecosocial altruism), universeller Demokratismus (universal democratism).

Für Thurman steht die tibetische Kultur der "Sakralisation", der "Magie", der "Erleuchtung", des "spirituellen Fortschritts", des "friedlichen Mönchstums" einer westlichen Zivilisation der "Verweltlichung", der "Entzauberung", der "Rationalisierung", des "profanen Fortschrittsglaubens", des "Materialismus, des Industrialismus und des Militarismus" gegenüber. (Übers. Originaltext 246) Auch wenn die "Innere Revolution" eindeutig als höherwertig eingeschätzt wird, so soll doch in Zukunft auf die "Errungenschaften des Westens" nicht ganz verzichtet werden. In einer hierarchischen Verbindung beider (Ost über West) sieht Thurman die Weltkultur des kommenden Jahrtausends.

Diese "coole Revolution" muss sich jedoch bei näherer Hinsicht als eine "coole Restauration" entpuppen, nach der die Welt in einen buddhistischen Mönchsstaat tibetischer Prägung verwandelt werden soll.

DIE THURMAN'SCHE GESCHICHTSKLITTERUNG

Um diese globale Mission ("die coole Revolution") des Lamaismus zu begründen, musste Thurman die tibetische Geschichte beziehungsweise die Geschichte des Buddhismus allgemein in seinem Buch falsifizieren. Er musste eine reine, makellose und ideale Historie konstruieren, die beispielhaft von Beginn an einem hohen ethischen Lehrauftrag folgt, um dann eschatologisch in der Buddhisierung unseres gesamten Planeten zu enden. Die tibetischen Klöster mussten als Horte des Friedens und der Geistesbildung dargestellt werden, altruistisch tätig zum gesellschaftlichen Wohle aller. So hatte das Bild des Alten Tibets entsprechend edelmütig auszusehen: "Gelehrsamkeit und Kunstschaffen" - so Thurman - "wurden gepflegt; aufgeklärte Geistliche waren mit der Administration der politischen Institutionen betraut; das gemeine Volk war durchdrungen vom Geist asketischen Lebens; der Gedanke der Reinkarnation entwickelte sich. Es war eine Entwicklung, in deren Verlauf fest verwurzelte kulturelle Verhaltensnormen und Vorurteile ausgemerzt wurden." (219)

Eine durchgängige Verfälschung der Thurman'schen Geschichtskonstruktion besteht darin, die buddhistischen Gesellschaften und insbesondere den Lamaismus als grundsätzlich friedlich darzustellen (und ihn somit gegen einen zutiefst militaristischen Westen auszuspielen): "Generell herrschte in der [tibetischen] Gesellschaft eine rauschhafte positive Aufbruchstimmung, es gab weniger Intrigen, Gewalttätigkeiten und religiöse Unterdrückung als in jeder anderen Gesellschaft." (46) Ein solch pazifistisches Bild des tibetischen Buddhismus mag sich auf einschlägige Texte aus den Sutren berufen, als gesellschaftliche Realität ist es völlig aus der Luft gegriffen. Das Gegenteil war der Fall - der Lamaismus war von Beginn an in blutige Kämpfe zwischen den verschiedenen Mönchsfraktionen verwickelt. Es gab einen grausamen "Bürgerkrieg", in dem sich die beiden Hauptorden des Landes als Gegner gegenüberstanden. Politischer Mord zählte in Tibet seit jeher zur Tagesordnung [!] und machte auch vor den Dalai Lamas nicht Halt. Auch in der kurzen Geschichte der Exiltibeter ist er ein ständiges Ereignis. Das Feindbilddenken war zutiefst in der alttibetischen Kultur verankert und ist es heute immer noch. So zählt die Vernichtung von "Feinden der Lehre" zu den Standardforderungen aller tantrischen Ritualtexte. Die sexualmagischen Praktiken, die im Zentrum dieser Religion stehen und die Thurman verschweigt beziehungsweise als Ausdruck der Kooperation und Geschlechtergleichheit interpretiert, beruhen auf einer fundamentalen Frauenverachtung. Das soziale Elend der Massen war im Alten Tibet erschreckend und abstoßend, die Autorität des Priesterstaates absolut und erstreckte sich über Lebende und Tote. Tibets traditionelle Gesellschaft als politisches Exempel für die Moderne hinzustellen, in der sich die Menschen nach einer umfassenden Sozialethik gerichtet hätten und in der jedermann Befreiung und Glück erlangen konnte (136) ist eine Farce. Deswegen schaudert es einen, wenn Thurman der kommenden Welt folgende Perspektive eröffnet: "Der spirituelle Weg der Transformation des kriegerischen [vorbuddhistischen] Tibet [in eine Buddhokratie] könnte für uns ein Vorbild dafür sein, wie wir die Zivilisierung unserer eigenen ungezügelten Welt vollenden könnten." (211)

Als ein politisches Vorbild für kommende Zeiten wird von Thurman der buddhistische Kaiser Ashoka (Reg. 272 - 236 v. Chr.), der die "faktische Überlegenheit von Moral und aufgeklärter Politik erkannt hatte" (117) eingeführt. Diesen indischen Imperator schildert er als einen "Friedensfürsten", der - vorher ein grausamer Schlachtenheld - nach einer tiefen inneren Wandlung jeglichen Krieg verabscheute, der Hass und Kampflust in Mitgefühl und Gewaltlosigkeit verwandelt habe, der eine "spirituelle Revolution" zum Wohle aller leidenden Wesen durchgeführt habe. In dem Kapitel "Eine königliche Revolution" (111 ff.) suggeriert der Autor, dass die an monastischen Elementen orientierte Regierungsform des Ashoka Reiches heute erneut als Modell für die Errichtung eines weltweiten Staatsbuddhismus gelten könne. "Die Politik der Erleuchtung" - so Thurman - "schlägt seit Ashoka eine Wahrheitseroberung des Planeten vor - eine Dharma Eroberung, das heißt eine kulturelle, erzieherische und intellektuelle Eroberung." (S. 282 Übers. Originaltext)

Dass diesem Herrscher aus der Maurya Dynastie zahlreiche unbuddhistische Taten anhängen, verschweigt Thurman wohlweislich. In seinem Reich wurde zum Beispiel die Todesstrafe für Kriminelle niemals aufgehomen, und zu diesen zählte er offenbar auch seine eigene Frau Tisyaraksita, die er hinrichten ließ. In einer buddhistischen (!) Beschreibung seines Lebens, einem Sanskrit-Werk mit dem Titel Ashokavandana, heißt es dass er einmal 18.000 Nicht-Buddhisten, vermutlich Jainas, hinrichten ließ, weil einer unter ihnen die "wahre Lehre" beleidigt habe - wenn auch nur in relativ geringfügiger Weise. In einem anderen Fall soll er einen Jaina und dessen gesamte Familie in sein Haus getrieben haben, um dasselbe dann anzuzünden und völlig abbrennen zu lassen. Wie problematisch ein verherrlichendes Geschichtsbild des Kaisers ist, haben wir ausführlich in unserem Buch ("Der Schatten des Dalai Lama") dargestellt. Siehe auch in unser Homepage: Die Ashoka Connection.

Dennoch - Ashoka ist für Thurman ein "cooler Revolutionär". Seine Politik proklamierte "einen sozialen Stil der Toleranz und eine Bewunderung der Gewaltlosigkeit. Sie machte die Community zu einer sicheren Einrichtung, die unwidersprochen war in ihrer allgegenwärtigen Präsenz als eine Schule der Höflichkeit, der Konzentration und der Freisetzung von kritischer Vernunft; ein Asyl des Nonkonformismus; eine egalitäre demokratische Gemeinschaft, wo Entscheidungen durch einstimmige Wahl getroffen wurden." (S. 116/117 Übers. Originaltext). Den absolutistischen Imperator Ashoka als den Garanten und als Vorbild für eine "egalitäre demokratische Gemeinschaft" darzustellen, ist ein Glanzstück willkürlicher Geschichtsinterpretation!

Ebenso emphatisch werden von Thurman die indischen Maha Siddha ("Großzauberer"), bizarre Heilige, von denen die tantrischen Lehrbücher stammen, als exemplarische Helden des Ethos dargestellt, für die es keinen größeren Wunsch gegeben habe, als andere Menschen glücklich zu machen. Diese "Asketen, die die Welt zähmten" wandten hierzu jedoch höchst dubiose Methoden an, indem sie nämlich das pure Verbrechen kultivierten, um sich die Nichtigkeit alles Seienden zu beweisen. Ihre tantrischen d. h. sexualmagischen Praktiken, mit denen sie absichtlich das Böse (Mord, Vergewaltigung, Nekrophagie) taten, in der vorgeblichen Absicht, etwas Gutes zu schaffen, sollen - nach Thurman - zu den bedeutendsten Zivilisationsakten der Menschheit zählen. Wer sich einen Einblick in die "Hagiographien" der Maha Siddha verschafft, der wird erstaunt sein, mit welch barbarischen Bewusstsein diese "Helden" des tantrischen Weges ausgestattet waren. Von sozialethischem Verhalten ist bei ihnen, die bewusst die Asozialität als Lebensstil gewählt hatten, nur sehr selten etwas festzustellen. (siehe dazu: Dowman, Keith - Die Meister der Mahamudra - Leben, Legenden und Lieder der vierundachtzig Erleuchteten - München, 1991 und Der Schatten des Dalai Lama - S. 491ff.)

Aber diese Maha Siddhas und ihre späteren tibetischen Nachahmer sind für Thurman "strahlende Energiekörper", von denen das Geschick der Menschen abhängen soll: "Es wird berichtet, die Berghänge und Einsiedeleien Zentraltibets seien hell erleuchtet gewesen von der energetischen Strahlung, die von den hingebungsvollen Praktizierenden in ihrer vollkommenen Konzentration, ihrer tiefen Einsicht und durch ihre großmütigen Taten freigesetzt wurden. Die gesamte Bevölkerung geriet unter den Einfluss dieser energetischen Strahlung einzelner Menschen, die freigesetzt wurde, als diese sich von ihrer Jahrhunderte alten Unwissenheit und von ihren Vorurteilen befreiten und die Erleuchtung erlangten." (216) Wenn man die Grausamkeiten der tibetischen Geschichte mit den Grausamkeiten in den tantrischen Texten, nach denen sich die "hingebungsvoll Praktizierende" richteten, vergleicht, dann könnte Thurman in der Tat recht haben. Nur sind es vor allem die dunklen Energien gewesen, die sich auf die Bevölkerung Tibets ausgewirkt haben und die sie in Unwissenheit und Knechtschaft gehalten haben. Leibeigenschaft und Sklaverei zählten ebenso zur Gesellschaft Alttibets wie ein unhumanes Strafrecht und eine durchgängige Frauenunterdrückung.

Auch Padmasambhava - die höchst ambivalente Gründungsgestalt des tibetischen Buddhismus - wird von Thurman als ein engagierter Gelehrter der Aufklärung gefeiert (201) Nichts ist untypischer für diesen Zauberer, der das Schneeland mit seinen Bannflüchen überzog und die zornvollen Gottheiten des vorbuddhistischen Tibets in eine Horrorarmee von aggressiven Schutzgöttern eingliederte, nicht damit sie ihren grausamen Charakter veränderten sondern damit sie von nun an die "wahre Lehre des Buddha" vor Feinden mit Schwert und Schrecken bewahrten. Große Gelehrte des Gelugpa Ordens haben immer wieder auf die Zweideutigkeit dieses schillernden "Kulturgründers" (Padmasambhava), zu dessen Taten auch zwei brutale Kindermorde zählen, hingewiesen und sich ausdrücklich von seinem barbarischen Lebensstil distanziert.

Als im 11. Jahrhundert der indische Gelehrte Atisha seine Tätigkeit in Tibet aufnahm, fand er dort eine völlig verlotterte Mönchskaste vor, bei der es drunter und drüber ging und wo von Moral nicht mehr die Rede war. So berichten es zumindest die historischen Dokumente (The Blue Annals). Thurman unterschlägt diesen Sittenabsturz des Lamaismus und behauptet schlichtweg das Gegenteil: "Als Atisha nach Tibet kam, beschränkten sich die in den Klöstern lebenden Buddhisten darauf, strikt die moralischen und die rituellen Vorschriften einzuhalten" (214) Das ist in der Tat eine sehr euphemistische Darstellung der verhurten und verweltlichten Klöster, gegen die Atisha mit einem neuen Wertekodex zu Felde zog.

Die von Tsongkhapa institutionalisierten und vom V Dalai Lama reaktivierten Mönlamfeiern, ein roher lamaistischer Karneval, bei dem den Mönchen schier alles erlaubt war und während dessen ein höchst grausames Sündenbockritual durchgeführt wurde, gilt für Thurman als ein sakrales Ereignis "wo die Kraft der Barmherzigkeit manifest ist und die Gnade in ihrer Unmittelbarkeit erlebt wird" (222) "In Tibet" - so der Autor an anderer Stelle - "war das große Gebetsfest Mönlam eine Art Garant dafür, dass für jedermann die besten aller Voraussetzungen geschaffen wurden: Das Gefühl der Menschen, in einer mystischen Zeit in einem besonders gesegneten Land zu leben - in einem eigenen 'Neuen Jerusalem', in einem sich auf Erden manifestierenden himmlischen Königreich - war gegenwärtig, und all dies hatte große Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft." (226) Wenn wir diese Apotheose des besagten Ereignisses mit dem folgenden Augenzeugenbericht Heinrich Harrers vergleichen, dann erkennen wir die Hemmungslosigkeit, mit der Thurman das Alte Tibet vergöttlicht. Harrer, dessen Schilderung durch viele andere Reiseberichte bestätigt wird, sah das Szenario ganz anders: "Wie aus der Hypnose erwacht," - schreibt der Mentor des jungen Dalai Lama - "stürzen in diesem Augenblick die Zehntausende aus der Ordnung ins Chaos. Der Übergang ist so plötzlich, das man fassungslos ist. Geschrei, wilde Gesten ... sie trampeln sich gegenseitig zu Boden, bringen sich fast um. Aus den noch weinend Betenden, ekstatisch Versunkenen sind Rasende geworden. Die Mönchssoldaten beginnen ihr Amt! Riesige Kerle mit ausgestopften Schultern und geschwärzten Gesichtern - damit die abschreckende Wirkung noch verstärkt wird. Rücksichtslos schlagen sie mit ihren Stöcken auf die Menge ein .... Heulend steckt man die Schläge ein, aber selbst die Geschlagenen kehren wieder zurück. Als ob sie alle von Dämonen besessen wären." (Heinrich Harrer - Sieben Jahre in  Tibet - 142) - Das Thurman'sche "Neue Jerusalem" auf dem Dach der Welt von Dämonen besessen? - Ein interessantes Szenario für einen Horrorfilm!

Ein weiterer Höhepunkt Thurman'scher Geschichtsfälschung finden wir im Porträt des größten lamaistischen Potentaten, des V. Dalai Lama. Gerade dieser an äußerer Macht- und Prachtentfaltungen orientierte "Priesterkönig" wird von dem Autor zu einem Helden der "inneren Revolution" hochstilisiert. Er malt das Bild eines besonnenen und weitsichtigen Landesvaters ("ein sanftmütiger Genius, Gelehrter und die Reinkarnation eines Heiligen" - 235), der - gegen seinen Willen und seine buddhistische Grundeinstellung - gezwungen ist, einen grausamen "Bürgerkrieg" zu führen, (in dem er zahlreiche Mitglieder anderer Mönchsorden durch ins Land gerufene Mongolenkrieger massakrieren lässt). Den Konflikt stellt Thurman als einen Zwist zwischen verschiedenen Warlords dar, in den die "friedlichen" Mönchsorden hineingezogen worden wären.

Auch hier war das Umgekehrte der Fall: Die beiden damaligen Hauptorden des tibetischen Buddhismus (Gelug-pa und Kagyü-pa) waren die Drahtzieher, auch wenn sie weltliche Armeen für sich kämpfen ließen. Thurman verfälscht diesen monastischen Krieg zu einem Kampf zwischen aggressivem Adelscliquen und letztlich zu einem "Endkampf zwischen militärischer Macht und klösterlicher Macht" (236), wobei die letztere als die Partei des Friedens, dank der Genialität des V Dalai Lama die Oberhand gewinnt, um fast ein "Buddha Paradies" auf Erden zu errichten.

All das ist eine fromm-dreiste Erfindung des amerikanischen Tibetologen. Die gnadenlose Kriegermentalität des V. Dalai Lama hat bei seinen Gegnern Angst und Schrecken verbreitet und wird durch ein zeitgenössisches Gedicht besonders deutlich, in dem der klerikale Kriegerfürst selbst die Vernichtung seiner Feinde bis ins dritte Glied fordert:

Macht die männlichen Linien zu Bäumen,

deren Wurzeln abgeschnitten werden.

Macht die weiblichen Linien zu Bächen,

die im Winter versiegen.

Macht die Kinder und Enkelkinder zu Eiern,

die gegen Felsen geschleudert werden.

Macht die Diener und Gefolgsleute zu Heuhaufen,

die durch Feuer verzehrt werden.

Macht ihre Wohnsitze zu Lampen, deren Öl verbraucht ist.

Kurz - vernichtet all ihre Spuren, selbst ihre Namen.

Die finstere okkulte Seite des V. Dalai Lama (er ist der Verfasser eines umfangreichen Handbuches, das sich ausschließlich mit rituellen Tötungspraktiken von Feinden beschäftigt. Abgedruckt in: Samten Karmay The Secret Visions), seine Faszination für die Sexualmagie der Nyingma-pa (die er selber praktizierte), seine hemmungslosen Geschichtsfälschungen und vieles mehr, all das sind höchst unerfreuliche Fakten, die von Thurman bewusst verschwiegen werden, denn ein historisch exaktes Porträt des "Großen Fünften" könnte peinliche Folgen haben, da sich der XIV Dalai Lama ständig auf diesen seinen Vorgänger beruft und ihn zu seinem größten Vorbild erklärt hat.

Thurman suggeriert, dass nach dem V Dalai Lama die klösterliche Macht endgültig in Tibet gesiegt habe, um anschließend ein beispielhaftes monastisches Friedensreich ("fast ein Buddha Paradies auf Erden") zu errichten. Tatsache ist dass die Fraktionskämpfe zwischen verschiedenen Mönchscliquen ohne Unterbrechung fortdauerten. Der Regent, der auf den V Dalai Lama folgte (es gibt Hinweise darauf, dass es sich um dessen Sohn gehandelt habe) ist ebenso ein militanter Feldherr wie ein Abt und wird bei einer Kriegshandlung umgebracht. Er selber hat mit allen Mitteln zu verhindern versucht, dass der VI Dalai Lama die ihm zustehende weltliche Macht ausüben konnte. Auch dieser VI Potentat wird ermordet. Vier seiner Nachfolger sind in solch finstere und blutige Palastintrigen verstrickt, dass man an die Shakespear'schen Königsdramen erinnert ist, zumal sie alle in frühen Jahren sterben beziehungsweise - das ist die Meinung der meisten Historiker - vergiftet wurden. In diesem tibetischen "Buddha Paradies" (Thurman) war der politische Mord eine Tagesangelegenheit. Das Strafrecht war von einer raffinierten Grausamkeit und die kleinsten Übertretungen wurden schon mit Verstümmelungen geahndet. Sklaverei und bittere Armut belasteten einen großen Teil der Bevölkerung.

Es wäre falsch, dem V Dalai Lama politisches und administratives Geschick abzusprechen, er war ebenso wie sein Zeitgenosse Ludwig der XIV, mit dem er des Öfteren verglichen wird, ein "genialer" Staatsmann. Aber er war deswegen kein Friedensfürst. Sein Ziel bestand darin, konsequent die Geschicke des Landes in die Hände des Klerus zu legen mit sich als dem unwidersprochenen geistigen und weltlichen Oberhaupt. Dazu spielte er (wie heute der XIV Dalai Lama) die verschiedenen Orden geschickt gegeneinander aus. Der V Dalai Lama formulierte die politischen Grundsätze einer "Buddhokratie", die Robert Thurman gerne als das Modell einer kommenden Weltgemeinschaft sehen würde, und die wir uns im nächsten Abschnitt näher ansehen wollen.

Amerikas bekanntester Tibetologe Robert Thurman betreibt eine solch hemmungslose Geschichtsklitterung, dass es selbst seinen Kollegen Angst und Bange dabei wird, ob denn eine westliche Öffentlichkeit diesen Schwindel noch ertragen mag. Aber anstatt sich dagegen aufzubäumen, Thurman zur Frage zu stellen und ihn zu widerlegen, schweigt die Zunft der "buddhisierten" Tibetologen oder gibt vor, den Harvard Professor (wie in Bonn geschehen) ohne große Begründung aus ihren eigenen Reihen zu verbannen, während das "Sprachrohr des Dalai Lama" ungehindert und mit Applaus aus der liberalen Presse den "Mythos Tibet" als das politische Programm für das neue Millennium weiter verbreitet.

EINE WELTWEITE BUDDHOKRATIE

Auf der oben erwähnten Tibetkonferenz in Bonn ("Mythos Tibet" - 1996) prophezeite Robert Thurman mit gewaltigem Pathos den "Untergang des Abendlandes" und ließ keinen Zweifel daran, dass die Zukunft unseres Planeten einer weltweiten, wie er es wörtlich betonte, "Buddhokratie" gehöre. Europa habe seine sakrale Vergangenheit aufgekündigt, seine natürliche Umwelt entzaubert, ein säkulares Reich aufgebaut, sich den Zugang zum Heiligen - "repräsentiert durch das Mönchswesen und das von ihm ausgehende Streben nach Vervollkommnung" - versperrt. An die Stelle des Heiligen seien Materialismus, Industrialisierung und Militarisierung getreten. (233)

Zur gleichen Zeit habe sich in Tibet ein umgekehrter Prozess vollzogen. Die Gesellschaft habe sich zunehmend sakralisiert und sich der "Schaffung eines Buddhaversums oder Buddha Paradieses" (233) gewidmet. (Nach der Kritik der Tibetologen in Bonn favorisiert Thurman den von ihm selbst ausgetüftelten Begriff "Buddhaversum" vor dem etwas anstößigen "Buddhokratie" - gemeint ist dasselbe). Eine Verzauberung der Wirklichkeit habe in Tibet stattgefunden und das System habe sich der Vervollkommnung des Einzelnen gewidmet. Der kriegerische Geist sei abgebaut worden. - All das sind falsche Behauptungen, die sich durch zahllose Gegenbeispiele widerlegen lassen. Dennoch erkühnt sich Thurman, sie als Ausdruck einer "inneren Modernität" des Alten Tibet zu deklarieren, welche der "äußeren Moderne" Europas letztendlich überlegen sei: "Während Europa den Einfluss von Papst und Kirche zurückdrängte und das Alltägliche entzauberte, überantwortete sich Tibet einer Regierung, die man korrekterweise nicht 'theokratisch' nennen kann, da die Tibeter nicht an einen allmächtigen Gott glauben, sondern als 'buddhokratisch' bezeichnen muss." (235) Diese Regierungsform soll für unsere Zukunft richtungsweisend sein. Auf der Bonner Tibetkonferenz wurde Thurman noch deutlicher:

"Ja, nicht Theokratie, sondern Buddhokratie. Ich liebe es nicht von Theokratie zu reden, weil dies eine Zuordnung zum Heiligen Römischen Reich herstellt ... weil es die Konzeption von einem autoritären Gott hat, der das Universum kontrolliert." (Bonner Konferenz) Die Konzeption von einem "autoritären Buddha" scheint es für Thurman nicht zu geben, obgleich genau diese es ist, welche dem lamaistischen System (insbesondere dem Kalachakra Tantra) zugrunde liegt.

Für den Autor war die "Monastisierung" (monastisation) der tibetischen Gesellschaft ein glücksbringendes Jahrtausendereignis für die Menschheit und hatte ihren vorläufigen Höhepunkt in der Zeit (15. Jh.) als der Gelug-pa Orden durch Tsongkhapa (1357 - 1419) gegründet und die Institution des Dalai Lama geschaffen wurde, erreicht. Diesen Zeitabschnitt pries Thurman in Bonn "als das Millenium des 15. Jahrhunderts in der planetarisch einzigartigen Form der modernen (!) tibetischen Gesellschaft... [es] führte zu seiner Entfaltung im 17. Jahrhundert das ich als post-millenial (Wortschöpfung von Thurman: 'nach-Tausenjährig') bezeichne: innerlich modern (inwardly modern), massen-monastisch (mass-monastic) oder sogar buddhokratisch." Tsongkhapa wird als der Gründungsvater dieser "tibetischen Moderne" vorgestellt: Er "war ein spiritueller Wunderknabe ....... Es vollzog sich in ihm eine Wandlung von kosmischem Ausmaß, sein Universum wurde zum Buddhaversum, zum Buddha Paradies." (220)

Das Alte Tibet - so Thurman - sei ein solches "Buddha-Paradies" auf Erden gewesen, in dem Gewaltlosigkeit und Weisheit, Großzügigkeit, Sensibilität und Toleranz geherrscht hätten. Beispielhaft sei hier ein aufgeklärtes Bewusstsein durch die "Juwelengemeinschaft" der Mönche kultiviert worden. Die Klöster seien der Garant gewesen, dass sich die Politik nach ethischen Maßstäben gerichtet habe: "Der monastische Kern stellt so etwas wie einen Kokon dar, in dessen Schutz die Laienmitglieder der Juwelengemeinschaft ihre Kreativität ungehindert entfalten können." (276) Die Politik lag in den Händen der Mönche.

Diese vom Alten Tibet vorgelebte "monastische Form der Regierung" ist für Thurman ein Zukunftsbild: "Ich bin sehr daran interessiert. Ich fühle, dass der Trend in diese Richtung geht." (Bonner Konferenz) Die "Monastisierung", die sich damals (seit dem 15. Jh.) in Asien ausbreitete, während in Nordeuropa die Tore der Klöster geschlossen wurden, habe heute wieder global-politische Bedeutung. "Und wenn Sie Max Weber sehr gewissenhaft studieren" - so der Autor - " ... (dann werden Sie feststellen), dass der Prozess, der die Säkularisierung und die Industriegesellschaft hervorbrachte, sehr viel mit dem Schließen der Klostertüren zu tun hatte. ... So eine monastische Form der Regierung [wie die tibetische] ist eine undenkbare Angelegenheit für eine westliche Gesellschaft. Wir sagen oft, Tibet war im Mittelalter eingefroren, weil Tibet nicht in der Art und Weise wie die westliche Welt säkularisiert wurde. Es verließ das Gleichgewicht zwischen dem Heiligen und Säkularen und begann einen Sakralisationsprozess, einen Art umgekehrten Prozess im Sinne von Max Weber und es verzauberte die Welt. Der konkrete Beweis hierfür war, dass die Klöster die Regierung stellten." (Bonner Konferenz)

Thurman paraphrasiert hier Webers These von der "Entzauberung der Welt", die mit dem Aufkommen des Kapitalismus einhergehe. Die "Wiederverzauberung der Welt" ist für ihn ein politisches Programm, das nur durch die lamaistischen Mönche durchgeführt werden kann. "Die Klöster sind Refugien und Trainingszentren für die gewaltlose 'Armee', jenen Stoßtrupp der von Buddha Shakyamuni ins Leben gerufenen andauernden Sozialrevolution..." (276) Nach einem Dreistufenplan - so das "Sprachrohr des Dalai Lama" - übernimmt der monastische Klerus schrittweise die politischen Geschäfte. In der letzten Phase dieses Planes "hat die Gesellschaft die Möglichkeit, voll und ganz in den Genuss des aufgeklärten Universums zu gelangen, denn die Institutionen der Juwelen-Gemeinschaft [die Klöster] übernehmen offiziell die Verantwortung dafür, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickelt." (278)

Dabei handele es sich jedoch nicht um eine unwirkliche Utopie - denn: "In der Weltgeschichte bildet die tibetische Gesellschaft bislang die einzige Ausnahme bei der teilweisen Verwirklichung dieser dritten Phase." (278) Klipp und klar proklamiert Thurman mit diesem Satz eine Buddhokratie nach lamaistischem Muster als das kommende Modell für die Weltgemeinschaft! An anderer Stelle wird der Tibetologe noch präziser: "Die klösterliche Bewegung als gesellschaftliche Gegenkultur braucht nicht länger im Hintergrund zu wirken und hat die Möglichkeit, der herrschenden Obrigkeit mit spirituellem und gesellschaftlichem Rat zur Seite zu stehen. Erleuchtete Weise können nun damit beginnen, ihren königlichen Eleven [!] Ratschläge zu erteilen, wie sie ihre gesellschaftlichen Tagesgeschäfte erledigen, also ihre politische Praxis gestalten sollten. Ebenso kann die gesamte Bewegung nach einer ausgedehnten Evolutionsperiode auf gleichmütige Art Früchte tragen, d. h.., die Erleuchtungsbewegung als Gegenkultur wird zur gesellschaftlichen Hauptströmung und übernimmt offiziell die Verantwortung für die gesamte Gesellschaft, wie dies schließlich in Tibet der Fall war." (160, F. 11)

Der lamaistische Klerus übernimmt nach Thurman die politische Macht, an seiner Spitze - wie wir noch sehen werden - die Inkarnation eines Überwesens, eines absoluten Monarchen, der die spirituelle und weltliche Macht in sich vereinigt.

Der Siegeszug des monastischen Systems habe um 500 v. Chr. in Indien begonnen und sich dann im Laufe der Jahrhunderte über ganz Asien ausgedehnt. Aber dies sei - so Thurman - nur ein Vorspiel: "Den außergewöhnlichen Siegeszug der Mönchsbewegung, der schließlich ganz Eurasien erfasste, kann man als fortschreitende Eroberung der Welt durch die Wahrheit bezeichnen." (109) Ferne Zukunftsmusik? - oder ein baldiges Ereignis. Thurmans Aussasagen hierzu sind widersprüchlich. In seinem Buch spricht er von einer "Zukunftshoffnung". In Presseinterviews dagegen gab er bekannt, er werde die Buddhisierung Amerikas in seiner jetzigen Existenz noch erleben. Sein Freund, der Hollywood Schauspieler Richard Gere, war 1997 ebenfalls davon überzeugt, dass sich die Transformation der Welt in eine Buddhokratie plötzlich wie eine Atomexplosion ereignen werde und dass wir schon bald die "kritische Masse" erreicht hätten. (Herald Tribune, 20. März, 1997, 6) Ebenso spricht Thurman gerne und oft vom tibetischen Buddhismus als der "Nuklear Energie des Bewusstseins". (Thurman, 1998, 7)

Die lamaistische Machtelite der kommenden "Buddhokratie" ist - so der Autor - durch das Inkarnationssystem im Grunde unsterblich. Sie hat in Tibet schon in der Vergangenheit die politischen Fäden gesponnen und wird - nach Meinung des Autors - dies in Zukunft für die gesamte Welt tun: "Wie auch immer die spirituelle Realität dieser Reinkarnationen ausgesehen haben mag, die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Art von Führerschaft waren gewaltig. Sie prägten die aufkeimende Spiritualität der tibetischen Gesellschaft insofern ganz entscheidend, als der Tod - der normalerweise eine Zäsur für die Entwicklung jeder Gesellschaft bedeutet - nicht länger eine positive Entwicklung aufhalten konnte. So wie für jeden Praktizierenden durch die Einweihungszeremonie und die ausgefeilten Techniken der Visualisierung Buddha Shakyamuni gegenwärtig werden konnte, so wurden die vervollkommneten Weisen und Heiligen ihren Schülern, die ja auf ihrem Weg zur Erlösung von ihren Lehrern abhängig waren, nicht durch den Tod entzogen." (219)

Man kann nur darüber staunen, mit welcher Unverfrorenheit Thurman in seinem Buch die "Buddhokratie" der Lamas als die höchste Form der "Demokratie" anpreist; wie er den tibetischen Buddhismus, der auf einer rituellen Auflösung des Individuums basiert, als die höchste Entwicklungsstufe des Individuums, darstellt; wie er den Tantrismus, durch dessen morbide sexualmagische Techniken weibliche Energien von männlichen Mönchen absorbiert werden, als die einzige Religion, in der Gott und Göttin gleichberechtigt und ausbalanciert verehrt werden, herausstellt; wie er die grausamen Kriegsgötter und Kriegermönche des Schneelandes als Pazifisten verherrlicht; wie er die mittelalterlich-monastische Gesellschaftsform Tibets als Ausdruck der Moderne präsentiert und als das einzige Modell für eine globale Weltgesellschaft anbietet.

TIBET - EIN LAND DER AUFKLÄRUNG ?

Das alte Tibet mit seiner Klosterkultur war - nach Thurman - der kosmische Energiekörper, aus dem das aufgeklärte Bewusstsein auf unserer Welt ausstrahlte. "Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit" - so der Autor - "vollzog sich in den letzten tausend Jahren der kulturellen Entwicklung Tibets ein kontinuierlicher Wandlungsprozess in Richtung innerer Fortschrittlichkeit und gleichmütiger Evolution. Tibet fungierte gewissermaßen als ein im Verborgenen wirkender Energiequell, mit dessen Hilfe sich die äußere Welt im letzten Jahrtausend allmählich aufgeklärtem Denken zuwandte. Die Bedeutung, die Tibet aufgrund seiner besonderen Kultur für die Geschichte und Spiritualität hatte, ist daher unvergleichlich größer, als man aufgrund seiner vergleichsweise geringen Bedeutung für die materielle Entwicklung der Welt annehmen könnte." (213) Nicht das westliche Bürgertum hat sich - nach Thurman Geschichtsbild - im Kampf gegen die kirchlichen Institutionen seine Freiheiten und Menschenrechte erkämpft, sondern in den Höhen des Himalaja ist all das schon von meditierenden Heiligen vorgedacht worden: "Das moderne Denken, das sich vor nicht allzu langer Zeit in der industrialisierten Welt durchsetzte, war keine vollkommen neuartige Erscheinung. Modernes [!] Denken hatte sich viel Tausend Jahre lang in den verschiedenen buddhistischen Schulen Asiens entwickelt." (242) - Und es floss als östliche Energiequelle in das Bewusstsein der modernen, abendländischen Kulturelite.

Das heißt im Klartext, die meditierenden tibetischen Mönche waren die Mitursache für die europäische Aufklärung. Eine in der Tat gewagte These, nach der das vom Geisterglauben, vom Orakelwesen, von Folterkammern, von Frauenunterdrückung und von menschlichen Überwesen beherrschte Tibet zur Wiege des neuzeitlichen Rationalismus wird.

Begonnen hat diese aufklärende Ausstrahlung - nach Thurman - mit dem Lehrgebäude des tibetischen Gelehrten Tsongkhapa und der Gründung des Gelug-pa Ordens: "Diese gewaltige Freisetzung von Energie innerhalb eines kurzen Zeitraumes durch Tausende geistig vollkommen befreiter Menschen war ein Phänomen von planetarischem Ausmaß, vergleichbar einer riesigen kosmischen Strahlenquelle der Spiritualität, die ihre Leuchtkraft wellenförmig über den gesamten Globus aussandte." (221)

Entsprechend werden alle großen tibetischen Gelehrten vergangener Jahrhunderte von Robert Thurman, als bedeutender und umfassender eingeschätzt als ihre europäischen "Kollegen". Sie seien "Wissenschaftsheroen" gewesen, "die Quintessenz der Wissenschaftler in dieser nichtmaterialistischen Zivilisation (Tibets)." ( zit. b. Lopez, Prisoners of Shangi-La, 81) Als "Psychonauten" eroberten sie im Gegensatz zu den westlichen "Astronauten" die inneren Sternenwelten. (zit. b. Lopez, 81) Aber auch die "Lichter" der modernen europäischen Philosophie wie Hume und Kant, wie Nietzsche und Wittgenstein, wie Hegel und Heidegger könnten sich - so spekuliert Thurman weiter - in einem späteren Zeitalter (nachdem der Buddhismus die Welt erobert hat) als Linienhalter und Emanationen des Bodhisattvas der Wissenschaft, Manjushri, erweisen. (Lopez, 264) Ex oriente lux - das gilt jetzt auch für die Wissenschaft des Okzidents.

Diese Vereinnahmung der westlichen Kulturheroen ist eine Untergrundströmung, die sich durch die gesamte neobuddhistische Szene zieht. Sie wird nach außen hin durch das Toleranzgebot des Dalai Lama in der großen Öffentlichkeit strikt geleugnet. Im Milieu dagegen häufen sich solche Schriften, welche zum Beispiel Jesus Christus als eine Ausstrahlung des Bodhisattva Avalokiteshavra feiern, dasselbe Überwesen, welches sich auch im Dalai Lama inkarniert hat. Eine Gleichsetzung des Tibeters mit dem Nazarener ist ein immer wieder auftretendes Bild der modernen Mythenbildung.

THURMAN ALS HOHEPRIESTER DES KALACHKRA TANTRA

Eine weltweite buddhokratische Vision des tibetischen Buddhismus ist Inhalt des sogenannten Kalachakra Tantra ("Rad der Zeit"). Wir haben dieses zentrale lamaistische Ritual ausführlich in unserem Buch ("Der Schatten des Dalai Lama") studiert und kommentiert. Ziel des Kalachakra Tantra ist die magisch-rituelle Konstruktion eines übermenschlichen Wesens, des ADI BUDDHA, der seine Herrschaft über das gesamte Universum ausdehnt und zwar sowohl spirituell als auch politisch, "gleichsam ein mythischer Welteroberer" (274).

Metapolitisch gesehen ist Robert Thurman damit beauftragt, die Ideen des Kalachakra Tantra im Westen zu verankern. Wir haben schon erwähnt, dass der ihm vom XIV Dalai Lama zugewiesene Lehrer Khen Losang Dondrub war, Abt des Namgyal Klosters, das speziell mit der Durchführung des Kalachakra Rituals beauftragt ist. In den U.S.A. stand er in ständigem Kontakt mit dem Kalmükenlama Geshe Wangyal (1901 - 1983).

Lama Wangyal war Robert Thurmans eigentlicher "Linienguru" und diese Linie führt via Wangyal direkt zum Altmeister Agvan Dorzhiev (der Guru Lama Wangyals). Der Burjate Dorzhiev, der Kalmüke Wangyal und der Amerikaner Thurman bilden also eine Initiationskette. Nach tantrischer Sicht lebt der Geist des Meisters in der Gestalt des Schülers fort. Man kann deswegen davon ausgehen, dass Thurman als der "Nachfolger" Dorzhievs eine Emanation der höchst aggressiven Schutzgottheit Vajrabhairava darstellt, welche sich in dem Burjaten inkarniert haben soll. Auf jeden Fall muß der Amerikaner mit der globalen Shambhala Utopie, die das Hauptanliegen für Dorzhievs Metapolitik war, in Zusammenhang gebracht werden.

Was Thurman darunter versteht, wird am anschaulichsten durch eine Vision deutlich, die ihm im September 1979 in einem Traum zuteil wurde, bevor er den XIV Dalai Lama nach 8 Jahren wieder zum ersten mal sah: "In der Nacht vor seiner Landung in New York träumte ich, er [der Dalai Lama] manifestiere sich ganz oben auf der Spitze des Waldorf Astoria im Mandala-Himmelspalast des Kalachakra Buddha. Die große Schar der Honoratioren - Bürgermeister, Senatoren, Firmenvorstände und Könige, Scheiche und Sultane, Prominente und Stars -, sie alle wurden mitgerissen von dem Strudel der 722 tanzenden Gottheiten der drei Gebäude des Diamantenpalastes und umschwärmten gleichsam wie Bienen im Nadelstreifen eine riesige Honigwabe. Erstaunlich an dieser Überfülle an ausstrahlender Kraft und Schönheit des Dalai Lama war für mich, dass ihm alles überhaupt keine Mühe zu machen schien. Ich spürte gleichsam die Leere im Herzen seiner Heiligkeit, dem diese Wirkkraft entströmte. Er war gelassen, gleichmütig, ein wahrer Quell der Unendlichkeit." (31)

Plastischer ist die magische Ausstrahlung des tibetischen "Gottkönigs" als ADI BUDDHA und Weltenherrscher nicht zu illustrieren. Er thront als eine Art männliche Bienenkönigin Mitten in New York und lässt die Großen dieser Welt, die er mit süßem Honig betört hat, nach seinem Willen tanzen. Bezeichnend, dass hier nicht mehr von Basisdemokratie die Rede ist, sondern nur noch das Establishment aus Politik, Wirtschaft und Showbusiness den süßen Bienentanz aufführt. Wer darüber weiß, welch eminente Bedeutung solchen Träume im tibetischen Initiationswesen zukommt, der wird in Thurmans Vision ohne weiteres ein metapolitisches Programm erkennen.

Sein hingebungsvolles Engagement als lamaistischer Initiierter, seine absolute Loyalität gegenüber dem Dalai Lama, seine konsequente Vision von einem "Buddha - Paradies" auf Erden, seine kompromisslose Bejahung der buddhokratischen Staatsform, seine bis in die eigenen Träume hineinreichende Verflechtung mit der tibetischen Götterwelt, seine systematische und langjährige Ausbildung durch die höchsten tibetischen Lamas - all das bezeugt ihn als einen "Shambhala-Krieger", einen buddhistischen Helden, der dem Mythos nach , die Errichtung des Königreich Shambhala über unseren Erdkreis vorbereitet. Dies ist das Ziel des vom Dalai Lama weltweit durchgeführten Kalachakra Rituals ("Rad der Zeit Ritual"). Thurman hat - wie berichtet - den Dalai Lama als den höchsten Zeitgott über dem Waldorf Astoria in New York visionär erblickt. Aber auch hier verschweigt er, dass der Shambhala Mythos nicht friedlich ist, sondern erst nach einem Weltkrieg, in dem alle Andersgläubigen (Nicht-Buddhisten) vernichtet werden, realisiert werden kann.

Vielleicht macht eine solche Perspektive einigen westlichen Intellektuellen Angst? - Aber nein, keine Ursache, Thurman beruhigt sie: "Wer hat Angst vorm Dalai Lama? Wer hat Angst vor Avalokiteshvara? - Kein Tibeter hat Angst..." (Bonner Konferenz) Wie sollte man auch vor dem höchsten Erleuchtungswesen, das zurzeit über die Erde wandelt, Angst haben. Er, der alle drei Ebenen in sich verdichtet: "die des selbstlosen Mönchs, des Königs und des großen Adepten" (Thurman) bereitet ja (als großer Adept) "die Schaffung einer dem Buddhaversum vergleichbaren Gesellschaft" (48) vor, auch wenn er sich (als König und Staatsmann) noch vornehmlich auf die Belange Tibets konzentriert. Denn "da Tibet eine einzigartige, ganz auf die Erleuchtung ausgerichtete Kultur besitzt, ist es von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des spirituellen und sozialen Gleichgewichts in der Welt." (49)

Thurman ist davon überzeugt, dass der Dalai Lama eine Ausstrahlung des ADI BUDDHA darstellt, der die Welt aus ihrem Jammertal erlösen kann. Er beschreibt sehr präzise die mikro-makrokosmische Dimension eines solchen Erlösungswesens in der Gestalt des V Dalai Lama. Würde die Menschheit die göttliche Präsenz auch hinter dem XIV Dalai Lama erkennen, dann könnte sie ruhig ihre politischen Geschäfte in dessen Hände legen, so wie es die Bevölkerung Tibets mit dem "Großen Fünften" getan hat: "Und dies ist auch gar nicht verwunderlich." - belehrt Thurman seine Leser - "Stellen Sie sich vor, die Bevölkerung eines katholischen Landes sähe in einer bestimmten spirituellen Gestalt nicht nur einen Repräsentanten Gottes, wie etwa den Papst als Statthalter Christi auf Erden, sondern die tatsächliche Inkarnation des Heilands - oder, sagen wir, die Inkarnation des Erzengels Gabriel. In einer derartigen Situation läge es doch nahe, dass die gesamte Nation eines Tages an den Punkt gelangte, wo sie der Geistlichkeit die Obhut über die Regierungsgeschäfte anvertraute." (238)

Man braucht nicht mal zwischen den Zeilen zu lesen, sondern sich nur mit Aufmerksamkeit den Text seines Buches ansehen, um zu erkennen, dass - für Thurman - der XIV Dalai Lama die Quintessenz politischer Weisheit und Entscheidungsgewalt für das kommende Millennium darstellt: Der Autor verweist auf die fünf Prinzipien seines planetarischen Politprogramms: "Gewaltlosigkeit, Individualismus, Erziehung und Altruismus. Das fünfte Prinzip, das der universalen Volksherrschaft, ist in Seiner Heiligkeit, dem Großen Vierzehnten Dalai Lama, selbst verkörpert." (262) Der tibetische "Gottkönig" als Inkarnation der universellen Demokratie - ein echtes Bravourstück in Thurman's "politischer Theologie". Kein Wunder, dass ihm der "Gottkönig" in seinem Vorwort höchsten Applaus zukommen lässt: "Ich zolle ihm [Thurman] Lob für seine sorgsame Untersuchung und seine klaren Ausführungen und lege Ihnen [dem Leser] ans Herz, über seine Einsichten nachzudenken." (14)

Nach Thurman sind es zweifellos die USA das erste westliche Land, wo sich die buddhokratische Vision der Lamas durchsetzen wird: "Beinahe alle Lehrmeister, die die unterschiedlichsten Richtungen der Bewegung vertreten, scheinen in einem Punkt überein zustimmen: Wenn es zu einer Renaissance der inneren Wissenschaften der Erleuchtung kommen soll, muss diese von Amerika ausgehen. Hier hat der Materialismus extreme Formen angenommen, hier sind die Menschen besonders desillusioniert angesichts dieses materialistischen Denkens und angesichts der ausgeprägten Genusssucht des einzelnen, hier steht dem jedoch auch eine ausgeprägte Hinwendung zum Transzendentalen gegenüber." (263/264) Der Dalai Lama ("das fünfte Prinzip der universellen Volksherrschaft") als kommender amerikanischer Präsident? - Aber wenn er stirbt? - Keine Angst, dank des Inkarnationssystems mag er uns in alle Ewigkeit als Priesterkönig erhalten bleiben.

ZUR DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG

Auch wenn Thurman die tibetische Geschichte manipuliert und die Ideale aus der Protestbewegung der 70er und 80er Jahre für den tibetischen Buddhismus vereinnahmt, so bleibt er (im Gegensatz zu vielen anderen Tibetologen) immerhin so ehrlich, dass er die machtpolitischen Absichten des Lamaismus klar benennt und das tut er mit einer ungeschminkten Sprache. In der deutschen Übersetzung von Dagmar Ahrens Thiele wird jedoch das Thurman'sche Pathos, welches die englische Originalausgabe charakterisiert, entschärft, um ja nicht den geringsten Eindruck aufkommen zu lassen, dass es bei diesem Buch um "coole" Machtpolitik gehe. Hierzu ein Beispiel: Ein Satz, der die Verbreitung des Buddhismus in Asien beschreibt, lautet bei Thurman folgendermaßen: "As a cool-war general, the Buddha sent out his army of monks and nuns to infiltrate all countries." (S. 103 des Originals) Dagmar Ahrens Thiede übersetzt: "Als Führer der gleichmütigen Revolution sandte der Buddha seine Mönche und Nonnen in Scharen aus, um sein Gedankengut in alle Länder zu tragen." Die richtige Übersetzung gibt ein völlig anderes Bild: "Als cooler Kriegsgeneral sandte der Buddha seine Armee aus Mönchen und Nonnen aus, um alle Länder zu infiltrieren." Die Beibehaltung des Anglismus "cool" im Deutschen ist dabei durchaus notwendig, weil der Begriff zu einem wichtigen Bestandteil der hiesigen Jugendsprache seit den 80ern geworden ist und vieldeutiger und auch "powervoller" ist als das biedere "gleichmütig". Thurman spekuliert aber gerade auf diesen jugendlichen Elan, wenn er die Welteroberung des Buddhismus als "coole Revolution" bezeichnet und es ist in der Tat "cool", was sich Thurman mit seinem Werk geleistet hat.

Thurmans Buch ist ein Oeuvre der Gegenaufklärung, welches sich die Maske der Aufklärung vorhält, und es macht einen traurig, dass sich ein Publikationshaus mit der liberalen Tradition des ECON VERLAGES - wahrscheinlich unbewusst - dieses Propagandawerk und diese billige Geschichtsfälschung hat unterschieben lassen, ohne die Inhalte genauer zu überprüfen, und es nicht einmal für nötig gehalten hat, das Pamphlet durch eine kritische Einleitung zu relativieren.

© Victor und Victoria Trimondi


"Den größten Schaden den wir anrichten, betrifft ein paar Teepflanzen"

Robert A. Thurman attackierte unser Buch in einer Rundfunksendung des ORF/FUNK ("Religion" - 5. April 1999). mit dem Argument, dass wir die Tantras wörtlich nähmen. Hier sein O-Ton (dt. Übersetzung):

Natürlich würden wir niemals jemanden oder etwas töten. Die einzigen Opfer die wir da bringen sind Schalen mit Tee oder Wein. Den größten Schaden, den wir anrichten, betrifft ein paar Teepflanzen. Wir reißen die Blätter ab und kochen sie im Wasser. Aber weil die beiden Autoren nur die Bücher über die Symbole gelesen haben, missverstehen sie die Sache. In einem symbolischen Text kann z.B. stehen: " Ich opfere eine Schale Blut", und dann hält man eine Schale mit Tee in die Höhe. Das Blut symbolisiert die Essenz der Wirklichkeit, es symbolisiert nichts was irgendwie mit Menschen zu tun hat. Es symbolisiert die metaphysische Essenz der Dinge, genauso wie Blut die Essenz eines menschlichen Körpers ist. So stellt man sich vor, das man die Essenz der Welt opfert wenn man sagt, man opfert eine Schale mit Blut, aber man opfert nicht Blut sondern Tee, wir sind ja nicht verrückt.

Buddhisten lernen Dinge nicht buchstäbliche zu verstehen, sondern immer nach einer verborgenen Bedeutung zu suchen. Wir lernen nicht so sehr auf die vordergründige Bedeutung zu achten sondern auf die innere Bedeutung. Das ist im Tibetischen sehr wichtig. Diese Leute dagegen verstehen die Mythen wortwörtlich, ein guter Buddhist würde überhaupt keine Geschichte wortwörtlich verstehen. Man lehrt uns nicht, das wir glauben müssen, ohne zu denken. Manche Tibeter mögen die Mythen ja glauben, aber die meisten von uns lesen die buddhistischen Texte nicht so wie fundamentalistischen Christen die Bibel lesen, die glauben, das sie die Bibel beim Wort nehmen müssen. Buddhisten haben ein subtileres Verständnis.

Weshalb - so fragen wir Thurman - benutzen die Tantriker bei ihrem Ritualwesen immer wieder Schädel und Menschknochen und keine Plastiksubstitute? Selbstverständlich hat es Ritualmeister gegeben, die auch mit realem Blut praktiziert haben, ebenso wie sie reale menschliche Innereien bei ihren Riten verwertet haben. Viel wichtiger erscheint uns jedoch drüber zu sprechen, weshalb - wie es Thurman oben ausdrückt - die "Essenz der Welt" im tantrischen Ritual geopfert wird. Dieser Ausspruch hat eine tiefe metaphysische Bedeutung, hinter der sich letztendlich die Lebensfeindlichkeit des tibetischen Systems verbirgt. Siehe zu dieser Frage: Symbol und Realität

 

 

 

 

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